Die Kindheit in der Trödelkiste

Einen alten Feuerwehrhelm begutachtet Detlef Jahn, der sich ganz speziell für die deutsche Feuerwehrgeschichte interessiert. Fotos: Hausdörfer
 
Babette Schmidt steht aus rein praktischen Gründen auf dem Trödelmarkt. In ihrem Haushalt haben sich viele alte Sachen angesammelt, die eigentlich noch zu schade zum Wegwerfen sind. Die will sie an den Mann bzw. die Frau bringen.
JENA. Von den Plakaten eines deutschlandweit agierenden Veranstalters für Nachtflohmärkte prangt der Slogan „Trödel Dich glücklich“. Was ist da dran? Kann das Trödeln wirklich glücklich machen? Der AA wollte es genau wissen und fragte auf dem monatlichen Trödelmarkt in der Jenaer Innenstadt Verkäufer und Kunden nach ihren Beweggründen.

„Ja, der Besuch von Trödelmärkten ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen“, sagt Detlef Jahn aus Jena. Gute Adressen sind für ihn außer Jena die Flohmärkte in Berlin in der Straße des 17. Juni und am Ostbahnhof, in Leipzig auf dem alten Agra-Gelände, in Dresden am Elbufer oder in Gotha am Herkulesmarkt. Seine Kaufwünsche sind aber ganz speziell: Zum einen interessiert sich der langjährige Feuerwehrmann für alles aus der deutschen Feuerwehrgeschichte, besonders für Orden und Abzeichen. Seine andere Leidenschaft ist die Kultur der Indianer. Als Mitglied im Jenaer „Verein zur Pflege der indianischen Kultur“ möchte er das wahre Leben der Indianer jenseits von Karl May dokumentieren, sammelt zum Beispiel Perlen- und Fellarbeiten. Ob er heute denn schon fündig geworden sei, will der AA wissen: „Für mich selbst noch nicht, aber für einen Freund aus Tschechien, mit alten Gummi-Soldaten aus DDR-Produktion“. Dass man auf Trödelmärkten viele Leute kennen lernt und untereinander kommuniziert ist für Detlef Jahn sehr wichtig „Ich werde auch von Verkäufern angerufen, wenn sie etwas Schönes für mich haben.“

Reinfried Zipfel aus Jena steht auf der anderen Seite des Trödeltisches. Auch für ihn sind die Kommunikation und der Spaß das Wichtigste. Bei den Preisverhandlungen sollten am Ende immer beide Seiten zufrieden sein, findet er. Der Jenaer Trödelmarkt ist für ihn eine sehr gute Adresse: „Der Markt ist bestens besucht, das Publikum sehr kauffreudig.“

Richtig ins Schwärmen über den Trödelmarkt in der Saalestadt kommt die Berlinerin Monika Schindler, die mit ihrem Mann auf dem Weg nach Oberfranken zwei Tage Station in Jena macht. „Bei uns in Berlin sind vorwiegend so moderne Sachen zu saftigen Preisen im Angebot. Ich suche mehr die Dinge, die mich irgendwie an meine Kindheit erinnern“. Gekauft hat sie schon zwei Armbänder und eine Lupe. „Mal sehen, was da heute noch dazu kommt“, erklärt sie mit einem Augenzwinkern.

„Lassen Sie es gut sein“, sagt lächelnd Babette Schmidt und übergibt einem Mann, der zuvor auffällig lange vergeblich nach dem noch fehlenden Euro für den Kaufpreis in seinen Taschen gesucht hatte, den gewünschten Gänsebräter. “Trödeln macht glücklich“ ist für sie kein Thema, ihr Aufenthalt auf dem Markt hat ganz praktische Gründe. „Das letzte Mal hatte ich vor fünfzehn Jahren einen Stand, weil sich bei mir soviel angesammelt hatte. Jetzt ist es wieder soweit, dazu kommen viele Sachen aus einer Haushaltsauflösung in der Verwandtschaft. Wenn ich das Gros verkauft habe, ist wieder Schluss“, erklärt die sympathische Jenaerin ohne Schmus.

Episode am Rande: Ein junges Pärchen begutachtet an einem Stand zwei Aufnäher eines in rechtsradikalen Kreisen sehr beliebten Modelabels, bedruckt mit einschlägigen Parolen. „Die sind noch neu, unbenutzt“, ruft der Händler. „Das sollten sie auch bleiben“, erwidert der junge Mann, bevor er sie mit spitzen Fingern zurück auf den Tisch befördert.“
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