Drei Thüringer erinnern sich an ihre Schulzeit mit Schmalzbrot und Blauhemd: Lesung in Jena-Lobeda

Wann? 12.02.2016 18:00 Uhr

Wo? Karl-Marx-Allee 28, Jena DE
Ein typisches Klassenfoto aus den 1960-er Jahren (Foto: Quelle: Hans-Jürgen Gebauer)
 
Kurt Wenke aus Kahla, 89 Jahre alt (Foto: Jens Henning)
 
Marion Gebauer aus Jena
Jena: Karl-Marx-Allee 28 |

„Brottasche, Turnbeutel, Rechenschieber“ – so heißt das neuste Buch aus dem Welken-Verlag in Hummelshain. Herausgeberin Sieglinde Mörtel hat Menschen aus unterschiedlichen Generationen nach Geschichten aus ihrer Schulzeit gefragt.

Herausgekommen ist eine unterhaltsame, oft persönliche Sammlungen. Erzählt wird von Lehrerprügel, kältefrei und letztem Schultag. Im Allgemeinen Anzeiger erinnern sich drei der Autoren aus Generationen an die wohl prägendste Zeit ihres Lebens. Am 12. Februar, 18 Uhr werden einige der Autoren während einer offiziellen Buchpräsentation in der Galerie in Lobeda-West daraus auch lesen.

Es antworten:
Anja Jungfer aus Berlin, 35 Jahre
Sie besuchte die POS „Karl Marx“ in Kahla sowie das dortige Gymnasium. Die Schule schloss sie mit dem Abitur ab. Heute ist sie Literaturwissenschaftlerin M.A. und
Doktorandin.

Marion Gebauer aus Jena
Sie ging in den 1960-er Jahren i zwei unterschiedliche Polytechnische Oberschulen (POS) in Saalfeld, machte den 10.-Klasse-Abschluss und absolvierte dann eine Berufsausbildung mit Abitur. Heute ist die Diplom-Ingenieurökonom.

Kurt Wenke aus Kahla, 89 Jahre alt
Er ging von 1933 bis Ostern 1941 in die Volksschule in Seitenroda, in der meist sechs Schuljahrgänge gleichzeitig unterrichtet wurden. Anschließend besuchte er bis März 1944 die Lehrerbildungsanstalt Schwarzburg. Dann musste er in den Krieg. Nach seiner Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft absolvierte er von Oktober 1947 bis März 1949 die Vorstudienabteilung (später Arbeiter- und Bauern-Fakultät) und schloss diese mit dem Abitur ab. Anschließend studierte er an Jenaer Universität Pädagogik, Musik und Didaktik der Unterstufe. Und arbeitete dann viele Jahre als Lehrer.



Wissen Sie noch wie Ihre Zuckertüte aussah und was drin war?

Kurt Wenke: Sie war sehr groß, vor allem wohl von blauer Farbe und mit einem Bild eines Schülers oder Schülerin. Es waren viele Bonbons drin. Davon wurden etwa 20 Papiertüten voll an Vorschüler des Dorfes verschenkt

Marion Gebauer: Meine Zuckertüte hatte eine runde Form und war wohl fast so groß wie ich. Oben hatte sie eine rote Schleife, gefüllt mit Buntstifte und Süßigkeiten. Vor allem erinnere ich mich an Geleetierchen.

Anja Jungfer: Wie die Zuckertüte aussah, weiß ich nicht mehr, aber es war ein weißes Kaninchen oben drauf. Eigentlich hatte ich mir eine mit einem großen Teddybären ausgesucht, bis mir die Lehrerin mitteilte, dass man die sich gar nicht aussuchen könne.

Was war in Ihrer Brotbüchse und wie hat es in der Schulspeisung geschmeckt?

Kurt Wenke: Eine Doppelschnitte mit Griebenschmalz oder Leberwurst. Schulspeisung gab es nicht.

Marion Gebauer: Das Frühstück war in den ersten Schuljahren in einer Brottasche. Die Brote waren in Butterbrotpapier eingewickelt. An der Schulspeisung habe ich kaum teilgenommen. Ich hatte es nicht weit nach Hause. Dort gab es immer etwas, das ich mir machen konnte.

Anja Jungfer: Die Schulspeisung war DDR-typisch, also meistens gab es Mysterieneintopf. Ich war wohl auch etwas mäkelig, aber immer wenn es "Frikasee" - also Zusammenkehricht - gab, dann wollte ich am liebsten weglaufen. Und ich habe die lauwarme Milch in Flaschen gehasst. In der Brotbüchse gab es zumeist Brot. Das war in Ordnung so.

Welches Unterrichtsfach war Ihr liebstes?

Kurt Wenke: Ich hatte gegen kein Unterrichtsfach besondere Abneigung. Als ich begann, Instrumente zu spielen, hatte ich die Stunde „Singen“ besonders gern.

Marion Gebauer: Musik, Deutsch und Biologie habe ich besonders gern gemacht. Ich war eine Streberin und bin sehr gern in die Schule gegangen. Nur den Sportunterricht mochte ich nicht. In der Schule habe ich mich immer wohlgefühlt.

Anja Jungfer: In der Grundschule gab es nichts, was ich überhaupt nicht mochte. Außer Sport vielleicht. Am Gymnasium stand ich mit Chemie und Physik ziemlich auf Kriegsfuß. Deutsch, Englisch, Geschichte fielen mir leicht. Kunst und Musik habe ich irgendwie nicht so richtig ernst genommen. Entweder man konnte zeichnen und singen oder eben nicht.

Gibt es einen Lehrer, an den Sie sich besonders gern erinnern und warum?

Kurt Wenke: An der Lehrerbildungsanstalt war es der Musiklehrer und Dirigent des Streichorchesters Herr Gäbel. Er war immer freundlich, korrekt und ein guter Sänger. Es gab allerdings in der gesamten Schulzeit auch keinen Lehrer, der mir besonders unsympathisch war, den ich nicht leiden konnte.

Marion Gebauer: In der 5. bis 7. Klasse hatten wir eine junge, hübsche Lehrerin für Deutsch und Musik. Sie trug Batikkleider, Petticoat und hochhackige Pumps. Sie war unheimlich nett und hat großen Eindruck auf mich gemacht. Später gab es einen Russisch- und Kunstlehrer, der ganz tolle Geschichten erzählen konnten.

Anja Jungfer: Der lustigste und umgänglichste Lehrer war sicherlich unser Geschichtslehrer ab der 7. Klasse. Leider hinkten wir im Stoff immer hinterher, was uns kurz vorm Abi beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Am nachhaltigsten beeindruckt hat mich wahrscheinlich meine Deutschlehrerin. Durch sie habe ich gelernt, dass man mit Literatur weit mehr anstellen kann, als sie einfach nur zu lesen. Das hat mich und meinen späteren Weg sehr geprägt.

Was war Ihr größte Enttäuschung während der Schulzeit?


Kurt Wenke: Meine Erfahrungen – besonders seit der 7. Klasse – dass Schüler für falsche Antworten bestraft, damals körperlich durch derbe Ohrfeigen gezüchtigt wurden, obwohl sie an ihrem Nichtwissen eigentlich keine Schuld hatten. Mancher hatte den Unterrichtsstoff noch nicht verstanden oder war bei der Vermittlung vor Übermüdung kurz eingeschlafen, weil er zu Hause in der Landwirtschaft schon früh helfen musste. Ich versetzte mich seither öfter in die Lage solcher Betroffenen und unterstützte sie, wenn es mir möglich war.

Marion Gebauer: Es muss nichts Schlimmes vorgefallen sein, denn ich kann mich an eine große Enttäuschung nicht erinnern.

Anja Jungfer: Definitiv, dass die Wende kam, kurz nachdem ich das rote Halstuch hatte. Wir haben es nur ein Mal getragen und dann nie wieder. Dass ich nun nie das Blauhemd bekommen würde, hat mich noch eine Weile gewurmt. Mittlerweile bin ich aber darüber hinweg.

Woran erinnern Sie sich besonders gern?


Kurt Wenke: Wenn durch echte gegenseitige Hilfe die Leistung in einer Gemeinschaft erfreulich verbessert werden konnte.

Marion Gebauer: Gern erinnere ich mich an die Besuche bei unserer Patenbrigade. Sie haben sich sehr um uns bemüht und uns immer verwöhnt, wen wir dort waren.

Anja Jungfer: An meine Gymnasialklasse von der 7. bis zur 10. Wir waren eine ziemlich eingeschworene Truppe - nur 18 Schüler - und brachten etliche unserer Lehrer zum Verzweifeln. Das machte natürlich Klassenfahrten und Wandertage, aber auch die jährlichen Schulaufführungen zu echten Abenteuern.

Gibt es DEN Erkenntnisgewinn aus Ihrer Schulzeit?

Kurt Wenke: In die Lage des oder der anderen versetzen.

Marion Gebauer: So mancher Schulstoff ist vergessen. Er war nicht das entscheidende. Aber wir sind geprägt worden durch ganz unterschiedliche Menschentypen – Lehrer und Mitschüler. Wir haben gelernt, mit ihnen klar zu kommen,

Anja Jungfer:
Manchmal muss man auch einstecken. Wenn der Mensch, mit dem du dich gerade so richtig anlegen möchtest, das Abi schon hat und du selbst auf diesen Jemand angewiesen bist, um es noch zu bekommen - dann muss man abwägen, was sich nun eher lohnt. Konfrontation oder Kompromiss. Nicht alles läuft wie gewünscht, nicht alles nach Plan, aber irgendwann ist es vorbei. Man tut gut daran, seine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren.

Termin

Das Buch „Brottasche, Turnbeutel, Rechenschieber“ mit Thüringer Schulgeschichten aus acht Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wird am 12. Februar, 18 Uhr in der Galerie des Stadtteilzentrums in Jena-Lobeda/West, Karl-Marx-Allee 28 vorgestellt.

Protokolle: Sieglinde Mörtel, Jens Henning, Simone Schulter
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