Ehrenbürger in Jena. Johannes R. Becher - ein Junkie, Parteipoet, Glücksfall

Nächster Termin: 28.07.2016 bis 08.12.2016

Wo? Unterm Markt 12 a, Jena DE
Jens-Fietje Dwars hat sich intensiv mit dem Leben Johannes R. Bechers beschäftigt. In einer Ausstellung im Romantikerhaus Jena nähert er sich der zwiegespaltenden Person.
Jena: Unterm Markt 12 a |

Mit der Hymnenzeile „Deutschland, einig Vaterland“ hat sich Johannes R. Becher ein Denkmal gesetzt. Auch wenn viele, die sie heute zitieren, es dem DDR-Staatsdichter nicht zuordnen. Im Jenaer Romantikerhaus wird dem Menschen und Künstler Becher eine Ausstellung gewidmet. Anlass ist sein 125. Geburtstag in diesem Jahr.

Er spritzte sich exzessiv Morphium, unternahm drei Selbstmordversuche, ging zu Prostituierten, trank gern und viel: Johannes R. Becher, der Parteisoldat, Kulturminister und Staatsdichter der DDR. Das historische Urteil über ihn scheint gefällt. Nicht wegen seines Lebenswandels, sondern seiner Loblieder wegen auf Stalin und den Sozialismus.

Perlen im Schutt der Vielschreiberei


Doch sie sind verzeihlich, versucht sich der Jenaer Literaturwissenschaftler Jens-Fietje Dwars an einer Entzerrung des Becher-Bildes. Über 4000 Gedichte habe dieser geschrieben. „Im Schutt der Vielschreiberei“ stecke natürlich auch Schund. „Doch es liegt an uns, die Goldkörner zu entdecken“, weckt er Interesse an einem Leben, das gezeichnet ist von den Verwerfungen des letzten Jahrhunderts.

In Jena hat es sehr gebechert


„Er ist nicht mein Lieblingsdichter“, stellt Dwars kategorisch fest. Und doch ist er gleichermaßen gepackt vom Menschen und Künstler Becher; ist sein Biograph und zugleich Anwalt. An seinem Leben und Werk könne man Geschichte nacherzählen.
Zu Bechers 125. Geburtstag hat er eine Ausstellung im Jenaer Romantikerhaus konzipiert. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Beziehung des Dichters zur Saalestadt. „Denn hier hat es sehr gebechert.“ Becher-Schule, Becher-Straße, Becher-Kaserne, Becher-Studentenwohnheim und natürlich ein Becher-Denkmal. Nicht zu vergessen: die Ehrenbürgerschaft. Sie wurde nicht von oben verordnet, sondern ist als Idee der Kulturbund-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung vor Bechers 60. Geburtstag 1951 entstanden.

Jena hat sich viele Jahre als Becher-Stadt gefallen, den Künstler zum berühmtesten Studenten der hiesigen Uni verklärt. Doch auch das ist – wie so vieles in der Becherschen Rezeptionsgeschichte – eine Legende. Vielmehr kam der Dichter 1918 nach Jena, um sich von seiner Morphiumsucht befreien zu lassen; beim damals bekannten Psychiater Otto Binswanger. Becher schaffte den Absprung durch kalten Entzug. Von 40 Morphiumspritzen täglich auf null.

Der Mythos vom Jenaer Studenten


Der Geheilte wollte in Jena bleiben, um Medizin zu studieren. Dem längere Zeit obdachlos Lebenden fehlten allerdings die notwendigen Papiere. Er wurde nicht immatrikuliert, war niemals Student der Jenaer Universität. Eine weitere Zurückweisung in einem an Ablehnungen reichen Leben. Becher wandte sich verstärkt der Arbeiterbewegung zu, trat 1923 der KPD bei, wurde zum Parteipoeten. Es folgte die Flucht aus Nazi-Deutschland und bange Jahre im sowjetischen Exil, denn Stalins Geheimpolizei machte auch vor deutschen Kommunisten nicht halt.

Nach seiner Rückkehr gründete er im östlichen Teil Deutschlands den Kulturbund, wurde Kulturminister und sucht als solcher auch den Gedankenaustausch mit jenen, die die Nazizeit in Deutschland erlebten, wie Fallada und Hauptmann. Er grenzte sie nicht aus, wusste, sie sprachen des Volkes Stimme. „Insofern war Becher als Minister ein Glücksfall“, urteilt Dwars. Sogar Ost-West-Gespräche habe er initiiert. Denn die Einheit seines Vaterlandes war sein großer Wunsch.

Unvergessen mit "Deutschland, einig Vaterland"

All seine Träume von einer neuen Zukunft, einem besseren Deutschland ließ er einfließen in die Nationalhymne der DDR. Doch der Lobgesang auf eine neue Zeit: Er durfte später nicht mehr gesungen werden. Des Poeten Vision verstummte, während der Staatsdichter im Umkehrschluss hochstilisiert wurde. Den Einfluss darauf hatte der Künstler längst verloren. Doch er kam zurück, zurück ins Bewusstsein seiner Landsleute, wenn auch oft unwissentlich. So, wie er es sich einst wünschte. Als Namenloser wollte Becher in die Lieder seines Volkes eingehen. Mit „Deutschland, einig Vaterland“ ist es gelungen, der wohl meistzitierten Gedichtzeile der letzten 26 Jahre. Grund genug, an den Verfasser zu erinnern.


Hintergrund


• Zur Person:
Hans Robert Becher wurde am 22. Mai 1891 als Sohn eines Juristen geboren. Seinen Vornamen wandelte er später selbst in Johannes um. Viele Jahre lebte der Künstler in Opposition zum Vater, wurde gar in eine Erziehungsanstalt eingewiesen. Ostern 1909 unternahm er einen ersten Selbstmordversuch. Seine sieben Jahre ältere Partnerin starb, Becher überlebte schwer verletzt. 1915 wird er aus dem Vaterhauses verwiesen und lebte auf der Straße.Seit 1951 ist er Jenaer Ehrenbürger. Die Ehrung wurde 1991 bestätigt. Sein Denkmal allerdings gilt als verschollen.
Becher starb am 11. Oktober 1958 an Krebs und bekam ein Staatsbegräbnis, das er sich im Testament aber verbeten hatte.

• Termin:
„Fahndung nach einem Ehrenbürger: Johannes R. Becher in Jena“, bis zum 6. November im Romantikerhaus in Jena
Die Ausstellung sichtet Bechers Spuren in Jena. Zudem wird gezeigt, wie sich Künstler, Lieder- und Filmemacher seinem Leben und Werk nähern.

• Inform@tionen & Kontakt:
www.romantikerhaus.jena.de
Tel.0 36 41/49 82 43

• Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, von 10 bis 17 Uhr
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige