Ich, die Ente - Maskottchen für einen Tag

Paula Print tanzt ...
 
und winkt fröhlich den Kindern zu.
Jena: Goethe Galerie | "Paula, Paula, Paula." Der Jubel der Kinder hallt durchs ganze Einkaufszentrum. Für meinen großen Auftritt watschle ich um die Ecke. Eine Horde Fünfjähriger stürmt auf mich zu, als wäre ich der Weihnachtsmann und der Osterhase in einer Person. Ich kann gerade noch meine Flügel ausbreiten, da umarmen mich schon die ersten, als wären wir alte Bekannte und hätten uns seit Jahren nicht mehr gesehen. "Hier ist eure Paula!", würde ich gern rufen. Aber ich darf ja nichts sagen. Maskottchen reden doch nicht.

Seit Phoebus und Athena vor 3000 Jahren die Olympischen Spiele im antiken Griechenland begleiteten, sind Maskottchen immer präsent, um für große Ereignisse die Werbetrommel zu rühren. In allen Arten und Größen winken, knuddeln und tanzen sie sich durch Einkaufszentren, Sportstadien und über Festwiesen. Ich bin heute eine Ente. Ich bin Paula Print, die bekannteste Zeitungsente Deutschlands. Ich habe eine eigene Produktlinie: Mich gibt es als Sitzsack, als Schlüsselanhänger. Ja, ich habe sogar eine eigene Facebook- Seite. Ich bin berühmt.

Trotzdem frage ich mich gerade, wie ich nur in dieses sackförmige Entenkostüm geraten konnte und jetzt den Kindern zuwinke, als ginge es um ein Teletubby-Casting. Ich habe doch schließlich Abitur. Im Gegensatz zu Paula kann ich aber meinen Schnabel nicht halten und sage gerne zu, wenn die Zeitungsgruppe Thüringen mal wieder einen Azubi für den Maskottchen- Einsatz sucht.

"Da steckt ja eine Frau drin. Du bist gar keine echte Ente." Durch meine winzigen, kreisrunden Gucklöcher kann ich mit Müh und Not einen kleinen Jungen erkennen, der an meiner riesigen, blauen Schleife zupft. Ich benutze meinen Geheimtrick. Mit den weißen Handschuhen reibe ich mir sichtlich getroffen die übergroßen Entenaugen. "Ooh, jetzt ist Paula traurig. Georg ist immer so gemein." Hehe, zum Glück kann unter dem kugelförmigen Plüschkopf niemand mein breites Grinsen sehen.

Allmählich wird es mir in meinem dicken Entenkostüm warm wie in einer Sauna. Ich war gerade erst in der nordindischen Wüste Thar. Ganz ehrlich: Dort war es nicht so heiß. Außerdem ist die Luft im Kostüm stickiger als in einem Klassenraum, der acht lange Unterrichtsstunden nicht gelüftet wurde. Wie ein Karpfen auf dem Land schnappe ich nach Luft. Durch die kleinen Augenlöcher zieht einfach kein Windhauch zu mir herein. Der Schweiß rinnt in Niagarafällen meinen Rücken hinunter, kitzelt mich in den Kniekehlen und versickert schließlich in meinen riesigen Plüschfüßen. Mit meinen Quadratlatschen, Schuhgröße 85, kann ich nur kleine Schritte watscheln. Richtig schwierig wird es, versuche ich zu tanzen und zu hüpfen. Denn wackle ich allzu sehr mit meinem Bürzel, muss ich aufpassen, nicht den Kopf zu verlieren.

Nach einer halben Stunde Einsatz bin ich müde wie nach einem Marathonlauf. Paula muss bitte sofort zurück in ihren Teich. Mein Flügel streicht sanft über einen kleinen Jungen im Kinderwagen, doch der beginnt prompt zu weinen. Das ist ein Zeichen! Zum Glück: Endlich fasst sich meine Kollegin ein Herz und schiebt mich zurück in mein dunkles Kabuff. Wie bei Harry Potter liegt es klaustrophobisch eng unter einer Treppe verborgen. Völlig ermattet befreie ich mich aus dem Kostüm. Verschwitzt ruhe ich mich aus. Mein Blick fällt auf die Uhr. Ernüchtert stelle ich fest, dass in einer Stunde die nächste Kindergruppe kommt. Und sie wird nach ihrer Ente verlangen.
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