Klein-Venedig in Jena

Stephan Gerlach hat eine Broschüre über ein verlorenes Stadtbild in Jena geschrieben. Auf dem historischen Foto in seiner Broschüre sind viele kleine Häuser zu sehen. Dort stehen heute die neue Gebäude der Stadtverwaltung.
 
... und so sah es früher aus. (Foto: Quelle Gerlach)
Jena: Saalbahnhofstraße | Stephan Gerlachs Leidenschaft für Geschichte hat mit dem ersten Lehrbuch in der Schule begonnen. Damals wohnte er in der Gerbergasse 15. Die Leidenschaft für die Historie und seine eigene Herkunft hat er nun in einer Broschüre vereint. In ihr beschreibt er die Entwicklung eines verlorenen Jenaer Stadtteils. Denn die so genannte Saalvorstadt, zu der Gerbergasse sowie angrenzender Luther- und Inselplatz gehörten, hat in den letzten 40 Jahren ihr Aussehen komplett verändert. Lediglich das Haus am Inselplatz 9 a hat die Jahre überdauert. Derzeit wird es für alternative Wohnformen genutzt. Gerlach will das kleine, idyllische Viertel zurück ins Gedächtnis der Stadt holen, ihm ein Denkmal setzen.

Viertel entstand im 13. Jahrhundert


Wer heute am östlichen Ende des Fürstengrabens hinüber schaut in Richtung Inselplatz und Saalbahnhofstraße, kann sich kaum vorstellen, dass hier dicht an dicht die Häuser standen. „Sie waren relativ schmal, maßen in der Front nur 4 bis 4,5 Meter.“ Zwischen der Gerbergasse auf der einen und Saalbahnhofstraße/Lutherplatz auf der anderen Seite floss die Lache, ein Nebenarm der Saale. „Der Stadtteil“, so Gerlach, „wurde deshalb auch Klein-Venedig genannt.“ Spätestens im 13. Jahrhundert wurden hier die ersten Häuser gebaut. Es wird ein von Handwerkern geprägtes Viertel gewesen sein. Vor allem Gerber verrichteten hier ihre Arbeit. Nach Gerlachs Recherchen gab es aber auch Spitale, Geschäfte und Gaststätten. Sogar Jenas erstes Kaffeehaus soll in der Saalvorstadt eröffnet worden sein.

Gerlach zeichnet nicht nur die Entwicklung des Viertels nach, sondern geht auch auf die Geschichte einzelner Häuser ein. Dafür hat er sehr intensiv in den Bauakten studiert. „In mancher Akten stand fast nichts drin, in anderen waren umfangreiche Unterlagen, die dort eigentlich nicht reingehören, beispielsweise in Beschwerdebrief an den Bürgermeister“, erinnert sich Gerlach. So weiß er über uneheliche Kinder, Nachbarschaftsstreit und Mietpreise zu berichten.

Zwei Bauvorhaben in Jenas jüngster Vergangenheit haben der Saalvorstand besonders zugesetzt und zum endgültigen Aus als Wohnviertel geführt. Anfang der 1970er Jahre sollte der Fürstengraben (damals noch Goetheallee) verlängert werden. Heute führt er als Bundesstraße – direkt durch eine frühere Häuserzeile – in östliche Richtung. Viele der ohnehin schon baufälligen Häuser wurden dafür abgerissen.

Kaufhaus kein langes Leben beschieden


Noch einmal schlug die Abrissbirne zu. Auf dem Inselplatz wollte man Mitte der 1980er Jahre ein Einkaufszentrum mit Funktionsgebäuden und Wohnblöcken bauen. Realisiert wurde aber nur ein Kaufhaus. Kurz vor der Wende eröffnet, später von Horten übernommen schloss es schon wenige Jahre später und wurde schließlich ebenfalls abgerissen.

Nachdem auf dem Gelände der ehemaligen Gerbergasse neue Gebäude für die Stadtverwaltung errichtet worden sind, soll in den nächsten Jahren auf dem Inselplatz ein neuer Uni-Campus entstehen. Gerlach ist skeptisch. Er, der in Klein-Venedig groß geworden ist, befürchtet einen zwar funktionalen, aber wenig ansprechenden Betonklotz. „Ich frage mich immer, warum früher mit so viel Liebe zum Detail gebaut wurde und das heute nicht mehr geht.“ Auch deshalb hat er die Geschichte seines Viertels zu Papier gebracht.

INFORMATION

Die Broschüre „Jena – Ein verlorenes Stadtbild“ mit 28 historischen Fotos und zwei Stadtplänen wurde vom Verein „Historica Thuringia“ herausgegeben. Sie wird in allen Jenaer Buchhandlungen und im ZGT-Pressehaus am Holzmarkt verkauft.
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Astrid Lindner aus Jena | 30.06.2014 | 07:01  
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