Schlacht von 1806 wird bei Jena nachgestellt - Feldchirurg lässt Blut fließen

Wann? 16.10.2016 bis 18.10.2016

Wo? Cospeda, 07751 Jena DE
Ein Verletzter bekommt eine Beißschiene. Schmerzmittel wurden damals kaum verabreicht. Das Foto entstand während einer Vorführung im Museum in Hassenhausen. (Foto: Foto Claudia Behnke)
 
Jörg Nogohsek arbeitet als Chirurg im Krankenhaus Apolda. Auch in seiner Freizeit lässt ihn sein Beruf nicht los. Dann schlüpft er allerdings in die Rolle von Berufskollegen des beginennden 19. Jahrhunderts. Wenn in Jena am kommenden Wochenende die Schlacht von 1806 nachgestellt wird, zeigt er, wie früher auf dem Feld operiert wurde. Auf dem Foto zeigt er eine Aderpresse.
 
Auf in die Schlacht! Ähnliche Bilder werden am Samstag auf den ehemaligen Schlachtfelder bei Cospeda zu sehen sein. (Foto: Claudia Behnke)
Jena: Cospeda |

Die Schacht bei Jena und Auerstedt jährt sich zum 210. Mal und wird deshalb am kommenden Wochenende erneut nachgestellt. Ein Apoldaer Chirurg zeigt dann auch , wie anno 1806 operiert wurde.


„Die Messer sind scharf. Ich muss schon wissen, welches Bein ich abschneide“, erklärt Diplommediziner Jörg Nogohsek mit einem Augenzwinkern. Im speziellen Fall sorgt sich der Chirurg allerdings nicht um seine Patienten im Apoldaer Krankenhaus, sondern um Vereinskameraden.

Nogohsek ist fasziniert vom Geschehen in Jena und Auerstedt vor über zwei Jahrhunderten. Damals kämpften hier in mehreren Schlachten die Franzosen auf der einen Seite, Preußen und Sachsen auf der anderen. Es ging um nichts Geringeres als die Vorherrschaft in Europa.

Schlachtnachstellung am 15. Oktober


Der Verein „Jena 1806“ hält noch heute die Erinnerungen an das Kriegsgeschehen wach und stellt die Kämpfe zu besonderen Jahrestagen nach. So auch in diesem Jahr zur 210. Wiederkehr. Nogohsek ist mit dabei. Nicht nur, wenn Vereinsmitglieder gemeinsam mit hunderten internationalen Historienfreunden auf den Feldern zwischen den Jenaer Ortsteilen Cospeda, Lützeroda und Closewitz Reiterangriffe mit Pulverdampf und Kanonendonner vorführen.

Nogohsek wird auch am Sonntag seinen Auftritt haben. Im historischen Biwak in Vierzehnheiligen zeigt der Mediziner, wie seine Berufskollegen während der Schlacht die Verwundeten verarztet haben. Dabei schlüpft er in die Rolle von Dominique Jean Larrey, eines französischen Feldchirurgen und zugleich Leibarzt von Napoleon. Dabei trägt Nogohsek eine Echthaarperücke und eine historische Uniform mit roten Samtaufschlägen. „Daran waren Chirurgen damals im Gefecht zu erkennen“, erklärt er.
Der Verein „Jena 1806“ verkörpert in seinen Auftritten das Königlich Preußische Infanterieregiment Prinz Louis Ferdinand Nr. 20 sowie die 18e régiment d'infanterie de ligne. Nogosek gehört zum französischen Teil, in dem Larrey diente. Der Mediziner ist fasziniert von seinem „Kollegen“.

Schmerzfrei dank Wundschock


Dieser habe die Idee vom fliegenden Lazarett entwickelt. Auch die Reihenfolge der Wundversorgung legte er fest. Verwundete wurde daraufhin oftmals schon auf dem Schlachtfeld operiert und nicht mehr erst kilometerweit zum nächsten Lazarett transportiert. „Damit nutzte er den Wundschock aus“, erklärt Nogohsek. Schließlich erfolgten damals über 90 Prozent der Operationen ohne Schmerzmittel. Bei einer Operation kurz nach der Verwundung sei der Körper vollgepumpt mit Stresshormonen. Diese sorgten für eine annähernde Schmerzarmut.

Viele Menschenleben konnte der Franzose auf diese Weise retten. Nicht nur Landsleute. Bei der Behandlung war die Nationalität nicht von Bedeutung; die Schwere der Verletzung entschied darüber, wer und wo operiert wurde. Auch Preußen und Sachsen wurden deshalb von Ärzten der napoleonischen Armee behandelt.

„Wir gehen mit brennenden Eisen in die Wunde.“
Jörg Nogohsek, Chirurg und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft „Jena 1806“ e.V.


Sechs Operationen wird Nogohsek am 16. Oktober nachstellen. Dann werden Beine und Arme amputiert, Schussverletzungen in Bauch und Brust versorgt, Säbelhiebe und Gesichtsverletzungen verarztet. „Letztere wurden vor allem durch Schwarzpulverexplosionen verursacht“, so der Mediziner.

Mit viel Liebe zum Detail bereitet Nogohsek die Nachstellungen vor. Zum ersten Mal zeigte er historische Operationen im Jahr 2006, als der 200. Schachtjahrestag begangen wurde. Seitdem hat er seine Vorstellung perfektioniert.

Tierfleisch als Attrappe

Arme oder Beine, die amputiert werden, sind mit Tierfleisch nachgestaltet. Die unechten Körperteile werden später mit dem Messer und Säge abgetrennt. Dabei kommen Fleischhaken und Aderpressen zum Einsatz. „Natürlich fließt dabei auch Blut“, gibt Nogohsek zu. Allerdings ist es Theaterblut. „In jedem Actionfilm wird mehr gezeigt“, versucht er die Bedenken von Zartbesaiteten im Vorfeld zu zerstreuen.

Bis zu zehn Helfer assistieren dem Arzt bei seinen Vorführungen. Die einen helfen, den „Verwundeten“ auf dem Tisch zu heben, andere halten ihn während der Operation fest oder assistieren dem Feldchirurgen. Zum Einsatz kommen dabei historische Instrumente. Vieles hat sich Nogohsek originalgetreu nachbauen lassen oder in den USA gekauft. Dort werden historische Schlachten weit häufiger nachgestellt als in Europa. Zu seiner Ausstattung gehören neben Sägen und scharfen Messern auch Zangen, um Gewehrkugeln zu entfernen, Brenneisen zum Verschließen von Wunden, Aderklemmen, Nadel und Faden. „Zehn bis 15 Instrumente führten Feldchirurgen damals mit sich“, so Nogohsek. Oftmals waren es Arbeitsmittel, die auch Handwerker nutzten.

Lebendige Geschichtsvermittlung


Mit Medizingeschichte hat sich Nogohsek schon während seines Studiums befasst. Sie gehörte zum obligatorischen Lehrstoff. Doch der Apoldaer hat darüber hinaus intensiv in historischen Fachbüchern geforscht. Seine Privatbibliothek ist reich an Lehrmaterial aus früheren Zeiten, ebenso sein Wissen rund um die Schlacht. Das eint ihn mit seinen Vereinsfreunden. Sie sehen in der Nachstellung der historischen Ereignisse keine Glorifizierung des Krieges. Vielmehr laden sie dazu ein, in eine längst vergangene Zeit abtauchen und mittels lebendiger Geschichtsvermittlung ein neues objektives Bild vergangener Ereignisse zu gewinnen. Dass sie dabei mit Gleichgesinnten aus ganz Europa zusammen arbeiten, fördert die Völkerverständigung im Heute.

Historischer Hintergrund

14. Oktober 1806: Um Jena und Auerstedt stehen sich rund 110000 Preußen und Sachsen sowie 100000 Franzosen unter der Führung ihres Kaisers Napoleon gegenüber. Über Stunden toben die Schlachten, mehr als 30.000 Soldaten verlieren ihr Leben oder sterben an den Folgen ihrer Verletzungen. Am Ende des Tages verlieren die Preußen auf beiden Schlachtfeldern, Napoleon zieht als Sieger in Berlin ein, und in den kommenden Jahren werden nicht nur die deutschen Staaten sondern ganz Europa nach seinem Willen neu geordnet, bis Napoleon erst 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig und endgültig 1815 bei Waterloo von seinen Gegnern geschlagen und ins Exil verbannt wird.

Termin

Fast auf den Tag genau jähren sich am 15. Oktober 2016 die Schlachten bei Jena und Auerstedt zum 210. Mal. Aus diesem Anlass hat der Verein „Jena 1806“ mehrere hundert internationale Reenactors, Freunde von Geschichtsnachstellungen, nach Vierzehnheiligen in Thüringen eingeladen, um am Wochenende vom 14. bis 16. Oktober bei einer Zeitreise in das Jahr 1806 im Biwak und auf dem Schlachtfeld die Ereignisse lebendig werden zu lassen, die Ausgangspunkt für den rasanten Aufstieg Napoleons, aber auch für die preußischen Reformen und die weiteren Entwicklung Deutschlands waren.
Das gesamte Programm finden Sie unter: www.jena1806.org.
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