Teilen und tauschen in Thüringen: Von Foodsavern, Carsharingnutzern, Coworkern und Volksgärtnern

Als Gründerin der Foodsharing-Guppe in Jena sorgt Marie Härtling auch dafür, dass immer wieder frisches Essen in die Kühlschränke der Initiative kommt.
 
Marcus Kossatz aus Weimar braucht kein eigenes Auto. Er ist Mitglied bei einem Carsharing-Anbieter aus Halle.
 
Daniela Kersten hat den Volksgarten in Jena ins Leben gerufen. 20 Mitstreiter bewirtschaften hier gemeinsam ihre Beete.
 
Jörg Zimmermann hat den Tauschring in Gera mitgegründet. Hier hilft man sich untereinander mit Gefälligkeiten.

Teilen ist das neue Haben. Der Satz ist nicht von mir, aber ich teile ihn hier gern. Denn Teilen – und auch Tauschen – liegen im Trend. Vier AA-Autorinnen haben vielfältige Beispiele aus Thüringen zusammengetragen und wollen damit zeigen, wie diese alte menschliche Kulturtechnik im Heute einen neuen Aufschwung nimmt. Einen Anspruch auf Vollständigkeit können und wollen wir nicht erheben.

„Zwei Gläser Quittenmus suchen ein neues Zuhause. Super als Grundlage für Marmeladen oder zum Kochen. Ich komm leider einfach nicht dazu.“­ – Das sind Nachrichten, über die sich Marie Härtling freut. Aber nicht, weil sie so ungemein gern Quittenmus isst. Der Jenaer Studentin ist es wichtig, dass Essen nicht einfach weggeschmissen wird. Denn das passiere leider viel zu oft. Deshalb hat sie sich dem Gedanken des Essenteilens verschrieben.

„Es hat klein angefangen“, erinnert sie sich. Im Privaten habe sie mit Freunden Essensreste getauscht. Irgendwann kam die Anfrage, ob sie die ganze Sache nicht etwas größer aufziehen wolle. So gründete sich 2013 eine Jenaer Ortsgruppe der bundesweit agierenden Initiative Foodsharing. „Restlos glücklich“ ­– lautet deren Motto. Marie Härtling gefällt das sehr.

Die Studentin ist im kleinen Dörfchen Toba im Nordthüringischen aufgewachsen. Dort hat sie gelernt, dass Essen nicht in die Tonne gehört. Und sich gegenseitig – auch mit Lebensmittel – unterstützten, ist dort gelebter Alltag. „Wenn wir etwas nicht hatten, sind wir zum Nachbarn gegangen.“ Gleiches in Jena zu tun habe doch erst einmal für Verwirrung gesorgt.

Nach gut drei Jahren ist der Kreis der Foodsaver, wie sie sich neudeutsch nennen, noch sehr überschaubar in der Saalestadt. Sechs bis sieben Aktive zählt Foodsharing Jena. „Bei uns machen leider fast nur Studenten mit“, erklärt die 25-Jährige. Das führt zu einer großen Fluktuation. Sie würde sich wünschen, wenn sich auch Rentner und Menschen im mittleren Alter sich der Idee anschließen.

Größer ist die Resonanz in der Facebook-Gruppe. Knapp 1200 Leute sind hier angemeldet. Da wird nicht nur Quittenmus angeboten. Fünf Packungen Kartoffelbrei gab es kürzlich. Und Marie selbst hat 15 Schinkenröllchen gefüllt mit Hack und mit Soße verschenkt.

Abgegeben werden darf fast alles: Konserven, Obst und Gemüse, die Reste der letzten Party. „Verpackungen können durchaus schon angebrochen sein“, so Marie Härtling. Auch das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Kriterium. Vieles sei ja darüber hinaus noch völlig in Ordnung. „Man muss sich auf die eigenen Sinne verlassen“, rät sie. Nur Sahnetorte, Mayonnaise, rohes Hackfleisch und frischer Fisch sind tabu.

Gelagert werden die Lebensmittel in zwei Kühlschränken und drei Regalen, die in der Stadt frei zugänglich sind. „Jeder kann etwas reinstellen oder sich etwas mitnehmen“, erläutert die Foodsaverin das Prinzip. Hauptsache es landet kein Essen auf dem Müll.

Die Aktiven der Jenaer Foodsharing-Gruppe sorgen dafür, dass Regale und Kühlschränke regelmäßig gereinigt werden. Zudem kümmern sie sich selbst um Nachschub. So holen sie regelmäßig Essen von der Jenaer Tafel, nach dem sie beim Sortieren der Lebensmittel geholfen haben. „Auch dort werden braune Bananen nicht mehr abgegeben“, ist die Erfahrung von Marie Härtling. Oder es gebe es Saisonwaren im Übermaß. Zu viel für die Tafelnutzer. So konnten die Foodsaver im Winter von einer Rosenkohlschwemme profitieren.

Auch wenn es noch an Mitstreitern fehlt: Nutzer gibt es viele. „Gerade auf dem Ernst-Abbe-Campus im Stadtzentrum ist der Kühlschränke immer schnell wieder leer“, weiß Marie Härtling. Ihr ist egal, wer das Essen mitnimmt, so lange es nicht auf dem Müll landet.

Gut zu wissen

+ Die Jenaer Foodsharing-Gruppe wurde in diesem Jahr mit dem Umweltpreis der Stadt ausgezeichnet.
+ Eine weitere Thüringer Gruppe gibt es in Erfurt.
+ Die Teilnahme am Foodsharing ist kostenlos. Essen wird nur verschenkt, nicht getauscht oder verkauft.
+ Kühlschränke und Lebensmittelregale dürfen nur auf Privatgelände stehen. Deshalb werden Grundstücksbesitzer gesucht, die sich der Initiative anschließen.

INFORM@TION:

www.foodsharing.de

Wer und was man noch teilen kann


Die AA-Autorinnen Helke Floeckner, Sibylle Klepzig, Jana Scheiding und Simone Schulter haben weiter Beispiele fürs Teilen und Tauschen in Thüringen zusammengetragen.

Autos
Parkplatzprobleme kennt Marcus Kossatz nicht. Seit zwei Jahren ist der Weimarer Mitglied bei Teilauto, einem Carsharing-Anbieter aus Halle. Dieser stellt Mitgliedern Fahrzeuge gegen eine Monats- und Nutzungsgebühr zur Verfügung. Abgerechnet wird nach Stunden und Kilometern. „Für mich bedeutet das null Verantwortung“, so der Medieninformatiker. Die Versicherung ist geregelt, für Sauberkeit und Wartung gesorgt. Es gibt einen festen einen Stellplatz und fürs Tanken eine Tankkarte. „Ich brauche so selten ein Auto, da lohnt sich ein eigenes nicht.“ Wenn längere Strecken nutze er ohnehin Bus und Bahn. Die Idee, Autos nicht mehr zu besitzen, sondern zu nutzen, wird künftig deutlich zunehmen, ist er Kossatz sicher.
www.teilauto.net


Garten
Daniela Kersten ist Mutter von vier Kindern, hat Haus und Garten in einem Dorf nahe Jena. Genug Arbeit mag man meinen. Doch die Rechtsanwältin sieht das etwas anders. Vor knapp fünf Jahren hat sie mit anderen einen Volksgarten in Jena ins Leben gerufen. Nicht weil sie noch mehr Unkraut jäten, noch mehr Obst und Gemüse ernten will. „Ich suche die Gemeinschaft und bringe vor allem meine organisatorischen Fähigkeiten ein“, erzählt sie. 20 Mitstreiter arbeiten mittlerweile im Volksgarten abseits der Schnellstraße zwischen Stadtzentrum und Lobeda-West mit, die Hälfte davon sind Familien. Im kreisförmigen Beet hat jeder sein eigenes Fleckchen Erde, ohne selbst Grundbesitzer sein zu müssen. Denn den Garten stellt eine Privatperson zur Verfügung.
„Bei so vielen unterschiedlichen Menschen ist die Pflanzenauswahl viel größer als in einem normalen Garten “, erzählt Kersten. „Und in der Urlaubszeit ist immer jemand da, der das Gießen übernimmt. Zudem bieten wir auch Seminare und Workshops an.“
Daniela Kersten genießt das Treiben im Volksgarten. Manchmal setzt sie sich auf eine Bank und schaut dem Treiben einfach nur zu. Froh darüber, was gemeinsam geschaffen wurden ist. Denn hier wird nicht nur gesät, gehegt und geerntet. Eine Steg hinab an die Saale, ein Wohnwagen, ein Backofen sowie das Kräuterbeet können von allen genutzt werden.
www.volksgarten-jena.de

Gefälligkeiten
„Ich habe handwerklich was drauf“, erzählt Jörg Zimmermann. Damit will er aber nichts hinzuverdienen. Vielmehr hat er mit Gleichgesinnten einen Tauschring in Geragegründet. Hier kann man untereinander Gefälligkeiten tauschen. Damit alles gerecht zugeht, wurde ein Punktesystem entwickelt. So verlegt der gelernte Vollmatrose für eine Tauschringpartnerin Holzfliesen und lässt sich für die erarbeiteten Punkte von jemand anderen einen Kuchen Backen. 30 Mitglieder hat der Tauschring, etwas die Hälfe gehört zu den besonders Aktiven. „Wir sind eine Truppe, die ohne Tauschring nicht zusammen gekommen wäre“, freut sich Zimmermann nicht nur über Hilfe, sondern auch über neue soziale Kontakte.
www.tauschring-gera.de

Büro

Coworking ist kein Trend, sondern eine Bewegung. Davon ist Robert Hollmann überzeugt. „Die 2010 entstandene Idee, sich Büroräume zu teilen, europaweit wurde in jeder größeren Stadt realisiert. Das Ganze nennt sich Coworking Space“, weiß der IT-Fachmann aus Erfurt. Im Gewerbegebiet an der Kalkreiße teilt er sich mit mehreren Partnern ein Bürogebäude. „Intention ist, dass Menschen nicht allein zu Hause im Home Office versauern, sondern die Möglichkeit haben, sich mit anderen Branchen auszutauschen und kreativ zu sein. Insofern vermieten wir keine Büros, sondern Arbeitsplätze. Coworker können kleine Hausmessen durchführen, gut ausgestattete Seminarräume nutzen und das Internet kommt aus der Luft“, präzisiert Hollmann, der von der Idee begeistert ist und sie nach Erfurt brachte. „Ich denke, dass diese Art zu arbeiten, deutlich zunehmen wird, schon aus wirtschaftlichen Gründen. Außerdem dient es der gemeinsamen Ideenfindung.“
Niemand wird an einen Mietvertrag gebunden, die Partner schließen lediglich eine Nutzungsvereinbarung ab.
Der kleine Wermutstropfen: „ Ich kann nicht garantieren, dass jeden Tag der gleiche Arbeitsplatz zur Verfügung steht. So gesehen gibt es nur wenig Privatsphäre.“ Skeptikern empfiehlt Hollmann, das Coworking einfach auszuprobieren. Flexibel arbeiten kann nämlich richtig Spaß machen.
www.coworking-erfurt.de

Hund
„Da ist sie wieder, unsere kleine Prinzessin“, sagt Grit Grenzdörfer lachend und drückt Maik Schnell die Hundeleine in die Hand. Die vermeintliche Prinzessin ist ein Er, großgewachsen und auf den ersten Blick beeindruckend, aber eigentlich nur superlieb und lammfromm. Schwanzwedelnd begrüßt er sein Herrchen, das hat er das ganze Wochenende nicht gesehen. Denn Hund Brutus hat zwei Zuhause ­– und ist doppelt glücklich. Maik Schnell und Grit Grenzdörfer „teilen“ sich den fünfjährigen Rhodesian-Ridgeback-Rüden. Maik Schnell ist mit seiner Familie der rechtmäßige Besitzer von Brutus. Als er ihn vor vier Jahren bei sich aufnehmen wollte und sich im Tierheim mit dem Hund vertraut machte, verlor auch Grit, eine Freundin der Familie, sofort ihr Herz an den Vierbeiner. Ein Hund war schon immer ihr Traum, allerdings hatte ihr damaliger Vermieter etwas gegen derartigen Familienzuwachs. Grit übernahm gemeinsam mit ihren Kindern von nun an immer einmal die Wochenendbetreuung von Brutus. Längst ist mehr daraus geworden, manchmal verbringt der Hund die ganze Woche in seinem Zuhause Nummer zwei oder begleitet die Zweitfamilie in den Urlaub. Der Hund und beide Familien kommen wunderbar damit klar. „Wir teilen uns die Verantwortung“, sagen Maik und Grit übereinstimmend und wissen, dass sie sich jederzeit aufeinander verlassen können, sich so gegenseitig den Rücken frei halten. Ist der eine beruflich stark eingespannt, kümmert sich der andere. Nie muss schnell eine Not-Betreuungslösung gefunden werden. Und jeder weiß, Brutus fühlt sich bei beiden zu einhundert Prozent wohl. Er genießt natürlich die doppelte Aufmerksamkeit, schließlich überschütten zwei Familien den Vierbeiner mit ihrer großen Liebe. Was für ein herrliches Hundeleben!

Studenteninitiative
„Wir können es uns nicht mehr leisten, auf großem Fuß(abdruck) zu leben“, erklärt Johannes Haller von GoFair Nordhausen. „Solange wir nicht mit weniger zufrieden sind, ist Tauschen die nachhaltigste Form des Konsums.“ Um diesen Gedanken zu befördern, engagiert er sich in der studentischen Initiative für Nachhaltigkeit an der Hochschule Nordhausen. Sie will den Menschen in der Region das Bewusstsein für nachhaltiges Handeln näher bringen. Dafür organisiert sie
Vorträge und Tauschaktionen und ist Foodsharing-Fairteiler ­– alles im Sinnes eines planetenschonenderen Lebensstils in und um Nordhausen.
www.hs-nordhausen.de
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