Und die Tränen kullerten doch. Auswanderin Nicole Herz: Ade kaltes Deutschland!

 
Letzte "Amtshandlung" in Deutschland. Die Auswanderin Nicole Herz übergibt Zeugnisse in der 2a der Jenaer Nordschule.

Jena: Nordschule | Das war so nicht geplant. Von der Schule bereits verabschiedet, lässt sie es sich nicht nehmen, doch die Zeugnisse zu überreichen. Liebevolle Worte hat sie den Schülern mitgegeben. Positive Steigerungen aufgezeigt. Ohne mahnenden Zeigefinger erklärt, wo es noch Potenzial gibt.

Aber was Referendarin Nicole Herz kann, können die Zweitklässler ebenso. Alle Zeugnisse sind überreicht, die Beurteilungen ausgesprochen. Aber Halt! Hat sie nicht auch eine Beurteilung verdient? Die Schüler haben sich Gedanken gemacht. Ihre Lehrerin hat sie zu Papier gebracht. Ein Schüler liest: „Es war toll, als du mit uns zur Schuluhr auf den Turm gestiegen bist. Du warst sehr mutig, als du dich bei der Feuerwehr in die Lüfte erhoben hast…“. Ein Lob reiht sich ans nächste. Und doch: „Du solltest darauf achten, dass du langsamer und deutlicher sprichst und auch langsamer erklärst. Wenn jemand nicht gleich antwortet, dann warte ein bisschen…“. Die Referendarin ist gerührt. Tränen kullern. So schnell wird sie ihre erste Klasse wohl nicht vergessen.

Es war schon immer ihr Traum, Kinder zu unterrichten. Mit dem jetzt abgeschlossenen Referendariat und dem vorausgegangenen Studium hat Nicole Herz ihn in die Tat umgesetzt. Dem nicht genug, hat sie noch einen zweiten Traum: Sie möchte gern im Ausland unterrichten.

Klar, frau bewirbt sich einfach. Die Chancen stehen bei den riesigen Bewerberzahlen auf eine Stelle nicht sonderlich gut. Aber manchmal passieren Wunder. Zwei Tage vor Weihnachten klingelt ihr Telefon. Die Zusage für Las Palmas. Nein, auch auf die Nachfrage, ob sie es denn nicht noch mal überschlafen wolle, sagt sie sofort zu. Seitdem überschlagen sich die Ereignisse. Die Naumburgerin ist nur noch am rennen. Tausende Wege sind zu erledigen. Versicherungen, Bank, Arbeitsagentur, und, und, und. Sie findet kaum Zeit, den Koffer ordentlich zu packen.

Eine deutschsprachige Schule auf der Insel des ewigen Frühlings. Spanische Kinder werden dort auf Deutsch vom dritten Lebensjahr an bis zum Abitur unterrichtet. Aber müsse frau da nicht trotzdem spanisch können? Der neue Arbeitgeber hat es nicht gefordert. Dafür ist sich Nicole Herz sicher, dass sie es schnell vor Ort erlernen wird.

Sprachen - oder besser gesagt das nicht richtige Beherrschen von Sprachen - scheinen „schuld“ zu sein an ihrem Fernweh in die weite Welt. Als Kind musste sie oft umziehen. Gelitten haben darunter unter anderem ihre Schulenglischkenntnisse. Sie aufzubessern, kam für sie nur ein Umfeld in Frage, in dem alle englisch sprechen. So war sie auf einem englischsprachigen Reiterhof in Italien gelandet. Hat dort gearbeitet, gelebt, gelernt. Dank der amerikanischen Gäste verschlug es Nicole Herz dann sogar nach Texas. Im August vorigen Jahres kam die 26-Jährige nach Jena an die Nordschule.

Grüne Klöße und Rostbratwurst wird sie nicht so sehr vermissen, da Nicole am liebsten Spaghetti isst. Und die wird es auf den Kanarischen Inseln ja auch geben. Schwieriger wird es da schon mit Vati und der Oma. Ein Trost: Beide freuen sich für Nicole, dass ihre Träume in Erfüllung gehen. Nicht zu vergessen, die beste Freundin, die zudem noch Flugangst hat. Wie sollen sich die Beiden da in Las Palmas treffen können? Und schlussendlich ist noch ihr Hund zu nennen. Den wird Nicole in einigen Monaten nachholen.

Und warum nimmt sie ihn nicht gleich mit? Die Wohnungssuche in Las Palmas - zumal nicht spanisch sprechend - hat die Grundschullehrerin vorerst ad acta gelegt. Für vier Monate wird sie in einem Studentenwohnheim leben und sich dann umschauen, am besten nach einer WG.

Am 13. Februar beginnt für Nicole Herz das neue Leben. Sie hat dann auch wieder eine zweite Klasse. Erstmals allein. Vielleicht erfahren wir ja, ob sie die spanische Klasse mit „Guten Tag“ oder „Hola“ begrüßt hat. Noch vom bitterkalten Deutschland aus ist sich Nicole sicher, dass sie in Las Palmas den Platz gefunden haben wird, an dem sie künftig leben möchte.

Es hätte übrigens auch anders kommen können. Beworben hatte sie sich zudem für eine Stelle in Südafrika. Diesbezüglich plagten sie doch Bedenken. Als sensibler Mensch kann Nicole sich nicht vorstellen, wie sie den krassen Unterschied zwischen Arm und Reich hätte verkraften sollen.

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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf am 11.02.2012 um 21:05 Uhr  
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