Unerkannt durch Freundesland

Die Freunde übernachten bei minus 25 Grad und Sturm auf dem tiefsten und ältesten Süßwassersee der Welt. Foto: Privat-Archiv Uwe Wirthwein (Foto: Foto: Privat-Archiv Uwe Wirthwein)
 
1988 startete Uwe Wirthwein mit Freunden illegal zur Baikalexpedition. (Foto: privat)
Jena: Stadtspeicher | Bürokratisches Schlupfloch öffnete jungen Abenteurern wie dem Thüringer Uwe Wirthwein die Grenze zur Reise durch die Sowjetunion

Wie übernachtet man auf purem Eis? Uwe Wirthwein und seine Freunde hatten keine Ahnung. Aber nun standen sie in der Dämmerung bei minus 25 Grad auf dem sibirischen Baikalsee und mussten improvisieren, weil sich kein einziger Hering für die Zelte setzen ließ. „Wir zogen Nägel aus den selbst gezimmerten Gepäckkarren und trieben sie in die Risse des Eises“, erzählt der Thüringer aus Behrungen. Daran befestigt, trotzten die kleinen Fichtelberg-Zelte dem Zerren des Windes. „Zwischen mir und den tausend Metern Wasser in der Tiefe lag nur eine vergleichsweise hauchdünne Eisschicht von einem Meter und eine Isomatte“, berichtet Uwe Wirthwein von der unheimlichen Nacht, die er 1988 in der Sowjetunion erlebte. Ein Abenteuer, für das er sich in die Illegalität begeben musste.

Denn nicht nur der Westen war für reisende DDR-Bürger tabu. Auch für die Sowjetunion gab es Einschränkungen. Ins Bruderland durfte nur, wer sich auf kontrollierte Gruppenreisen einließ oder die Einladung eines Sowjetbürgers vorweisen konnte. Auf eigene Faust durchs ­Riesenland zu tingeln, war verboten. Was wagemutige junge Ostdeutsche in den 1970er- und 1980er-Jahren nicht abschreckte, es dennoch zu tun. Es gab ein Schlupfloch in der sozialistischen Bürokratie, das in eingeweihten Kreisen weiterempfohlen wurde. Ein Transitvisum - zwei Tage gültig und gedacht für die Weiterreise nach Rumänien - ermöglichte es, die Grenze ganz legal zu passieren. Einmal in die Sowjetunion hineingekommen, begannen die jungen Leute wochenlange Expeditionen durch das Riesenreich mit elf Zeitzonen, gigantischen Hochgebirgen und exotisch anmutenden mittelasiatischen Republiken. Illegal und unerkannt bewegten sie sich durch das Freundesland.

„Transitnik“ Uwe Wirth­wein nahm sich dieses Stück Freiheit bis 1989 sieben Mal. Als Student erkundete er den Kaukasus, das Fangebirge bei Samarkand und das Tian Shan-Gebirge, trampte von Tbilisi nach Jerewan und fuhr 500 Kilometer im selbstgebauten Katamaran auf dem Fluss Aldan in Sibirien. „Mich interessierte nicht der Staat, sondern die Natur und das Abenteuer“, sagt der heute 50-Jährige. Probleme mit der sowjetischen Obrigkeit bekam er zum Glück nie. „Selbst bei der Ausreise kamen wir immer glimpflich davon. 10 Rubel Strafe - mehr wurde nicht festgesetzt“, erzählt Uwe Wirthwein. Wie er am Baikalsee mit Freunden einen Eissegler zimmerte, um den zugefrorenen See zu überqueren, ist bis 20. November in der Ausstellung „Unerkannt durch Freundesland“ im Stadtspeicher Jena zu erfahren – neben den Erlebnissen vieler anderer Transitreisender.

Am 16. November 2011, 20 Uhr, spricht Steffen Graupner im Jenaer Stadtspeicher über „Russland heute – Rentiernomaden im weißen Land“.

Buchtipp: „Unerkannt durch Freundesland – Illegale Reisen durch das Sowjetreich“, Lukas-Verlag, 24,95 Euro

Infos: http://www.stadtspeicher.de/no_cache/news-details/...
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3 Kommentare
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 16.11.2011 | 14:00  
Sibylle Klepzig aus Nordhausen | 16.11.2011 | 16:09  
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Hannelore Grünler aus Artern | 18.11.2011 | 00:53  
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