Vom Tatort ins Labor - Für Rechtsmedizinerin Gita Mall gehört der Tod zum Berufsalltag

Wann? 02.05.2010

Wo? Universität, Am Volksbad, 07743 Jena DE
Auf der Suche nach biologischen Spuren für ein DNA-Profil.
Jena: Universität | "Nein, bitte kein Foto am Sektionstisch, womöglich mit Knochensäge in der Hand." Gita Mall wehrt entschieden ab. Es liegt ihr fern, den Tod zu sensationalisieren. Für sie und ihr Team gehört er zum Arbeitsalltag. Die 41-Jährige leitet in Jena das Institut für Rechtsmedizin.

Knapp 700 Leichen werden von den Jenaer Spezialisten jedes Jahr in Thüringen obduziert. Zum Teil im eigenen Institut, zum Teil in den Obduktionssälen der Kliniken in Erfurt, Suhl und Nordhausen. Gefahndet wird nach unnatürlichen Todesursachen. Nicht nur bei Tötungsdelikten (15 im Jahr 2009), auch bei Unfällen, Suiziden und unklaren Todesfällen nach Operationen. Dazu werden bei jedem Toten drei Körperhöhlen geöffnet: Kopf, Brust und Bauch. Das ist Vorschrift. Wer täglich mit Leichen zu tun hat, muss was aushalten. Anfangs beschlich auch Gita Mall ein mulmiges Gefühl. Das lag nicht am Geruch oder am Anblick. "Ich hatte mit der Vorstellung zu kämpfen, dass es ein Mensch ist, den ich aufschneide." Sie lernte, sich nur noch auf den Fall zu konzentrieren. Darauf, die Befunde zu finden. Noch knapp die Hälfte aller schweren Gewalttaten wird ganz archaisch ausgeführt - mit Messern, weniger mit Schusswaffen, wie es oft im Fernsehen zu sehen ist.

Überhaupt steht die Institutsdirektorin den TV-Krimis recht kritisch gegenüber. Sie zeigen Gerichtsmediziner als Einzelkämpfer, die allwissend den Mord aufklären. "Kein Mediziner kann alles allein, wichtig ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit", stellt sie klar. Unter dem Institutsdach arbeiten Ärzte, Toxikologen, Biologen, Entomologen und Techniker. Eine DNA-Analyse kommt nicht auf Mausklick aus dem Computer und nur Spezialisten entschlüsseln aus Blutspuren Informationen über den Tathergang. Das Spezialgebiet von Gita Mall ist die Bestimmung des Todeszeitpunktes. Die Jenaer haben dafür eine patentierte Methode entwickelt: Der Körper wird virtuell am Computer modelliert und der Abkühlungsprozess physikalisch berechnet.

Längst nicht alle Morde werden entdeckt. "Die Leichenschau ist ein großes Problem in Deutschland", räumt die Rechtsmedizinerin ein. Jeder Arzt ist verpflichtet, sie durchzuführen. Fehlt es an Erfahrung, wird schnell etwas übersehen. Kollegen der Universität Münster haben vor Jahren hochgerechnet, dass etwa 1200 Tötungsdelikte pro Jahr unerkannt bleiben. Die Jenaer Rechtsmediziner bieten daher Fortbildungen an und übernehmen auf Anfrage der Amtsärzte die vorgeschriebene zweite Leichenschau.
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1 Kommentar
Michael Steinfeld aus Erfurt | 21.01.2011 | 12:46  
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