Wenn aus Liebe Hass wird...

JENA. Seit über 20 Jahren unterstützt der Jenaer Frauenhaus e.V. von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und Kinder. Der AA sprach mit Sozialpädagogin Kathrin Hampel, die seit vielen Jahren in dieser Einrichtung tätig ist:

AA: Was ist das Anliegen des Frauenhauses?
Hampel: Wir bieten für Frauen und die Kinder, die in ihrem häuslichen Umfeld Gewalt erleben eine Schutzunterkunft und sind dafür auch über unseren Notruf rund um die Uhr zu erreichen. Darüber hinaus stehen wir den Frauen beratend und begleitend bei notwendigen Schritten, um ihre Lage zu ändern, zur Seite. Anlaufstelle dafür ist unsere Beratungsstelle in der Wagnergasse 25.

AA: Wie kann man sich den Aufenthalt im Frauenhaus vorstellen?
Hampel: Das Frauenhaus ist natürlich anonym. Es ist so, dass die Frauen wie in einer Wohngemeinschaft zusammen leben. Jede Frau bekommt mit ihren Kindern ein Zimmer, alle anderen Räume wie Küche, Bad oder Wohnzimmer werden gemeinschaftlich genutzt. Die Frauen besitzen einen Schlüssel und können das Haus betreten oder verlassen, wann immer sie wollen. Besuche sind allerdings nicht erlaubt und der Aufenthaltsort darf niemand anderen mitgeteilt werden. Die Frauen dürfen so lange bleiben, wie es ihre persönliche Notlage erfordert.

AA: Ist häusliche Gewalt in Jena ein wesentliches Problem und trifft es besonders bestimmte soziale Gruppen?
Hampel: Das Thema ist in Jena aktuell, aber nicht schlimmer als woanders. Wir haben sehr hohe Beratungszahlen und das Haus steht nie leer, in den letzten Monaten war so richtig viel los. In solchen Situationen sind wir als Beraterinnen natürlich sehr mit der Wohnungsknappheit in Jena konfrontiert. Das Problem betrifft alle Bevölkerungsgruppen, aber die Gewalt ist differenziert. Bei den bildungsnahen Schichten geht es oft über die ökonomische und psychische Gewalt, bei der bildungsferneren Schicht nimmt neben der psychischen Gewalt auch die körperliche Gewalt zu. Das Frauenhaus wird vorwiegend von Frauen genutzt, die über wenige materielle Ressourcen verfügen. Frauen, die über etwas mehr Geld verfügen, können dagegen eher mal in eine Pension ziehen oder sich auf dem engen Wohnungsmarkt in Jena doch eine neue Wohnung anmieten. Zunehmend ist die Zahl der jungen Frauen unter 25 Jahren, die nach den Hartz IV-Gesetzen noch keinen Anspruch auf eine eigene Wohnung haben und häusliche Gewalt im Elternhaus bzw. durch ihren Partner erleben.

AA: Erstattet das Frauenhaus Anzeige, wenn die Mitarbeiterinnen von Gewalttaten Kenntnis bekommen?
Hampel: Nein. Das muss natürlich die Frau selbst machen. Wenn es allerdings einen Polizeieinsatz gibt, dann macht das die Polizei.

AA: Haben Sie Schicksale persönlich besonders bewegt?
Hampel: Ich denke da zum Beispiel an eine Frau, die mit noch relativ kleinen Kindern der Gewalt durch ihren Partner ausgesetzt war, sich aber viele Jahre nie so richtig von ihm trennen konnte, durch die Situation seelisch erkrankte und erst als die Kinder 18 waren, das Problem in den Griff bekam. Bewegend sind auch Momente, wenn ehemalige Bewohnerinnen, des Frauenhauses noch einmal zu uns kommen, um sich zu bedanken und manchmal sogar ihren neuen Partner mitbringen.

AA: Für welches Gebiet ist das Jenaer Frauenhaus zuständig?
Hampel: Für Jena, und seit 2006 das Frauenhaus in Stadtroda geschlossen wurde, auch für einen großen Teil des Saale-Holzland-Kreises, Zuständig sind wir dort zum Beispiel für Kahla, Stadtroda oder Eisenberg. Darüber hinaus ist es wichtig, dass die Frauen eine freie Wahl haben, in welches Frauenhaus sie gehen. So vermitteln wir auch Frauen in der ambulanten Beratungsstelle in Frauenhäuser in anderen Bundesländern oder nehmen Frauen von außerhalb Thüringens auf.

AA: Finden von häuslicher Gewalt betroffene Männer ebenfalls bei Ihnen Schutz?
Hampel: Häusliche Gewalt gegen Männer ist ein großes Tabuthema und Betroffene haben es schwer, Hilfe zu finden. Der Jenaer Frauenhaus e.V. kann das nicht leisten. Allerdings können sich Männer an die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt in Erfurt wenden, die beiden Geschlechtern offen steht.

Infos:
Jenaer Frauenhaus e.V.
Frauenfachberatungsstelle
Wagnergasse 25, 07743 Jena
Telefon: 03641-449872
Internet: www.frauenhaus-jena.de
E-Mail: post@frauenhaus-jena.de
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