Wie ist das Leben als Keramiker, Herr Leonhardt?

Wie hier an der Drehscheibe arbeitet der Jenaer Kermiker Ragnvald Leonhardt nur noch selten.
Jena: stück.werk | Eine Tasse Kaffee kann Ragnvald Leonhardt nicht anbieten. „Unsere Kunden sind eher Teetrinker", entschuldigt sich der Jenaer Keramiker. Kein Wunder: Sein Verkaufsschlager sind Gefäße aus Raku - jene traditionelle Brenntechnik, mit der Trinkschalen für japanische Teezeremonien hergestellt werden. Mit einer langen Zange wird die Rakukeramik bei fast 1000 Grad aus dem heißglühenden Holzofen geholt und erleidet im Freien einen „Kälteschock", der ihre Glasur in Sekunden erstarren lässt. „Hier sehen Sie noch den Zangenabdruck - er ist ein Qualitätsmerkmal", erklärt Leonhardt. Jedes Stück ist ein Unikum, Kunst mit Nutzwert. „In ein paar Jahren finden Sie solch mühsame Handarbeit nur auf den Mittelaltermärkten", unkt er.

Der gebürtige Sachse arbeitet in einem aussterbenden Beruf. Wer sich im Geschäft des Gründerzeithauses umschaut, blickt daher auf Kunsthandwerk, das sich abhebt von der Fließband- Massenware: aufwändig hergestellte Rauchbrandobjekte, Steinzeuggefäße und Vasen speziell für Ikebana, die japanische Kunst des Blumenarrangierens. Die filigranen Engel aus Paperclay, das ist eine Mischung aus Ton und Papierfaserbrei, steuert allein Petra Müller bei. Mit ihr arbeitet Leonhardt seit zwei Jahren in einer Ateliergemeinschaft zusammen.

Mit diesen Produkten hat die Keramikwerkstatt „stück.werk" ihre Nische gefunden - unabdingbar angesichts des gesättigten Marktes. Der Vorteil: Die 58 finanziell gebeutelten Mitglieder der Thüringer Töpferinnung arbeiten wie eine Familie eng zusammen. Einer hilft dem anderen, weist Kunden auf die Produkte des Kollegen hin. Der Diplom-Keramikdesigner ist somit Teil eines großen Netzwerkes. Er macht mit Ausstellungen in Galerien und auf Märkten auf sich aufmerksam. Er gibt Töpferkurse und veröffentlicht Atelierführer. Er ist Innungsmitglied und im Bund Thüringer Kunsthandwerker.

Nur vier Töpferlehrlinge gibt es derzeit in Thüringen. Ihr Lohn beträgt ein Sechstel eines normalen Handwerkerstifts. „Es ist ein Beruf für Enthusiasten. Aber wer es gelernt hat, beißt sich gut durch", sagt Leonhardt. Der 53-Jährige lebt seinen Traumberuf. Er hat keine Angst vor körperlicher Arbeit. Auf Hose und Pullover kleben Dreck. Er liebt dieses besondere, sinnliche Material, diese Natürlichkeit des Tons. Und er liebt, was mit viel Geschick, Kreativität und dank vieler chemischer Prozesse am Ende daraus entsteht.


Wo?
Lehrstellen vermittelt die Thüringer Töpferinnung (www.toepferinnung.de). Die berufstheoretische Keramiker-Ausbildung erfolgt zentral an den Berufsbildenden Schulen in Naumburg an der Saale.

Was?
Die Herstellung einfacher keramischer Formlinge von der Aufbereitung der Arbeitsmasse über Formgebung, Dekoration, Brennen bis zum fertigen Erzeugnis mit Einsatz notwendiger Rohstoffe und Werkstoffe, Maschinen und Werkzeuge. Im dritten Jahr spezialisieren sich die Lehrlinge auf eine Fachrichtung: Scheibentöpferei, Baukeramik oder Dekoration.

Wie lange?
36 Monate.

VITA RAGNVALD LEONHARDT
• 1973 bis 1975 Töpferlehre in Waldenburg, Abendstudium Malerei und Grafik an der Kunsthochschule Dresden
• 1978 bis 1981 Keramik- Studium an der Fachschule für angewandte Kunst Heiligendamm
• 1982 bis 1990 eigene Keramikwerkstatt in Naundorf bei Gößnitz
• 2003 Eröffnung der Keramikwerkstatt „stück.werk" in Jena
• www.stueckwerk-jena.de
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige