Zu neuen Ufern oder Rolle rückwärts: Der Kurs der Zeitungsgruppe Thüringen (ZGT)

Inga Scholz, die neue Geschäftsführerin der ZGT, diskutierte mit den DJV Mitgliedern. (Foto: Michael Schlutter, Presseagentur Fakt)
 
Vollbesetzter Seminarraum in der Thüringer Sozialakademie. Der Landesverbandstag in Jena war wohl auch wegen der angekündigten Diskussion so gut besucht. (Foto: Michael Schlutter, Presseagentur Fakt)
Jena: Thüringer Sozialakademie | „Das Geld ist da bei der ZGT, ich weiß bisher nur nicht, wo es steckt“, war einer der Sätze von Inga Scholz, für die sie von den Mitgliedern des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) geliebt wurde. Am Wochenende war die neue Geschäftsführerin der Zeitungsgruppe Thüringen zum Landesverbandstag des DJV eingeladen und diskutierte dort mit den Mitgliedern über die Zukunft der Thüringer Zeitungen.

Sie habe viele Baustellen übernommen, sagt Inga Scholz. Seit drei Monaten ist die 37Jährige die neue Geschäftsführerin der ZGT. Über die Komplexität des Unternehmens sei sie erschrocken. „Die ZGT – das sind viele, viele kleine Firmen“. Um festzustellen, an welchen Stellen die Einnahmen versickern, muss sie sich mit den Unterlagen von 28 Firmen beschäftigen.

Auf die allgemeine Medienkrise hatten die Zeitungen der ZGT, zu denen die Thüringer Allgemeine, die Ostthüringer Zeitung, die Thüringische Landeszeitung und auch der Allgemeine Anzeiger gehören, vor allem mit Umstrukturierungen und Einsparungen reagiert. Beim Lokalen spare es sich am einfachsten, sagt Scholz, weil hier die Kostenstellen sehr transparent seien. Das Lokale sei aber auch der USP, der Unique Sellingpoint (das Alleinstellungsmerkmal) der Zeitungen. Hier müsse man mit Qualität punkten, denn derzeit drängen neue lokale Medienmacher auf den Markt. Die Hürden für deren Einstieg seien insbesondere durch die Internettechnik sehr niedrig. Sie findet es deswegen nicht richtig, am Lokalen zu sparen und erntete für diese Aussage wohlwollende Zustimmung bei den DJV-Mitgliedern, von denen viele haupt- oder nebenberuflich für die ZGT arbeiten oder gearbeitet haben.

Dass Scholz sich einst auch aufgrund niedriger Zeilenhonorare gegen den Beruf Journalismus entschieden hat und stattdessen Verlagskauffrau wurde, stimmt die DJV-Mitglieder hoffnungsfroh. So könne sie nachvollziehen, warum sich immer mehr freie Mitarbeiter aus dem Journalismus zurückziehen und stattdessen ihr Geld im Marketing – und PR-Gewerbe verdienen. Es würden wieder mehr Freie gebraucht, sagt Scholz, die aber nicht die festen Mitarbeiter ersetzen sollen. Ob die Honorartöpfe noch angemessen sind, ob mit einer Steigerung zu rechnen sei, ob und wie eventuelle Einnahmen aus dem Leistungsschutzgesetz auch bei den Autoren ankommen, darüber wollte Scholz keine Aussagen machen – genauso wenig wie zum Flächentarif. Sie wolle nichts versprechen, was sie nicht halten könne und über viele Dinge, beispielsweise die Honorarpraktiken, müsse sie sich erst einen Überblick verschaffen, denn die Regelungen und Handhabungen seien keineswegs überall gleich.

Auf die Frage, wie groß denn ihr Spielraum gegenüber den Eigentümern der Zeitungen sei, sagte sie, ihr Spielraum vergrößere sich, wenn die Gesellschafter zufrieden sind. Das bedeutet, wenn deren Rendite stimmt, kann sie weitestgehend den Kurs bestimmen. Der Wind habe sich beim WAZ-Konzern gedreht, sei ihr Eindruck. Was damit praktisch gemeint ist, lässt sich für Außenstehende nur erahnen.

Die Verlagskauffrau und studierte Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Scholz war nach einigen Positionen bei der Saarbrücker Zeitung zuletzt vier Jahre lang Geschäftsführerin des Medienhauses Trierischer Volksfreund. Während ihrer Karriere habe sie auch einige Rückschläge erlitten, berichtet sie. Ein Beispiel sei das „20 Cent Saar“ Zeitungsprojekt gewesen. Mit dieser Tageszeitung im Tabloid-Format wollte man eine junge Zielgruppe erreichen. 2009 wurde sie eingestellt.

Kreative Pools, aus denen neue Produkte erwachsen, mit denen neue Zielgruppen erreicht werden können, kann sie sich auch für die ZGT vorstellen. Für Testprojekte würde sie Geld locker machen. Ideen seien bei den Redakteuren vorhanden, aber bisher gebe es keine lebendige Diskussionskultur. Die ZGT sei in ihrer Laufbahn bisher die Firma gewesen, in der die Mitarbeiter am wenigsten miteinander geredet haben. Auf ihren Reisen durch die Lokalredaktionen habe sie jetzt begonnen, Menschen mit den gleichen Ideen zusammenzubringen.

Zur Internetstrategie sagt sie, sie könne sich durchaus eine Bezahlschranke vorstellen, zuvor müsse allerdings die Reichweite angehoben, also mehr Leser gefunden werden. „Bezahlschranke“ hörten viele DJV-Mitglieder gerne.
Scholz wird darüber hinaus auf Marktforschung setzen. Es sei wichtig zu wissen, was der Leser will und das nicht nur alle 10 Jahre. Bei den Produkten müsse man ein bestimmtes Bild von Qualität vor Augen haben und man müsse sich bewusst machen, dass dieses Bild bei der Oma, dem Studenten und dem Redakteur unterschiedlich sei. Die Frage sei: „Wie erreichen wir alle, die wir erreichen können?“, sagt Scholz. Das Produkt beginne immer beim Leser und wenn es den überzeuge, kämen auch die Anzeigenkunden. Die fetten Jahre seien allerdings vorbei. Man müsse sich darauf einstellen, mit den Einnahmen aus dem lokalen Anzeigenmarkt auszukommen und jeden überregionalen Großkunden als Bonus zu betrachten.

Scholz, das wird im Verlaufe der Diskussion klar, hat ihre neue Position bei der ZGT zu einem Zeitpunkt angetreten, an dem die Motivation vieler Mitarbeiter auf einem Tiefstand ist. Ihr offenes, freundliches und diskussionsfreudiges Wesen wurde sehr gelobt. Das sei eine 300prozentige Steigerung gegenüber ihren Vorgängern. Manche sind sich aber noch nicht sicher, ob sie nicht doch der „Wolf im Schafspelz“ ist.
Sie sei nicht der Feind, entgegnete sie. Die anstehenden Aufgaben könne sie nur gemeinsam mit den Redakteuren bewältigen, denn die Lösung für alle Probleme habe auch sie nicht.
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14 Kommentare
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 04.03.2013 | 15:48  
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Evan van Heges aus Erfurt | 04.03.2013 | 16:06  
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Thomas Twarog aus Erfurt | 04.03.2013 | 16:08  
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