Himmlischer Gestank: Der Götterbaum

Wiener Götterbaum mitten in einem Gehweg

Während er in der Schweiz und Belgien verboten ist, wird der invasive Exot in Jena immer noch gepflanzt.

Der Götterbaum (Ailanthus Altissima) ist eigentlich in China zu Hause. Dort heißt er allerdings „Übelriechender Baum“, weil sein Nektar nicht gerade duftet. Ohne menschliche Hilfe gäbe es ihn in Deutschland nicht. In Jena findet man ihn zum Beispiel vor dem Zeiss-Werk oder vor dem Phyletischen Museum. Die meisten Leute halten ihn für eine absonderliche Form der Esche, weil Blätter und Samen so ähnlich aussehen.

Millionen Samen von einem einzigen Baum

Ökologen bereitet das Gewächs schlaflose Nächte. Das liegt vor allem daran, dass der Götterbaum bis zu einer Million Samen pro Jahr erzeugt, von denen etwa die Hälfte auch keimt. Sie sind leicht und beflügelt und legen bis zu 450 Meter zurück, ehe sie sich eine Stelle zum Keimen suchen. Innerhalb eines Jahres können die Schösslinge 2 bis 3 Meter groß werden, und nach fünf Jahren sind sie geschlechtsreif. Wer einmal beobachtet hat, mit welcher Trantutigkeit Ahorne oder Eichen vor sich hin keimen, der weiß, wo das Problem ist: Der chinesische Einwanderer hat schon die dritte Generation produziert, ehe die Eiche auch nur halbwegs wie ein Baum aussieht. Die ersten Eicheln macht sie mit 60 Jahren. Die Eichel ist eben ein deutsches Qualitätsprodukt, das die Eiche zum nahrhaftesten Baum hierzulande macht.
Der Götterbaum wird nur vom ebenfalls eingeschleppten Ailanthus-Spinner angefressen, hat dafür aber andere wunderbare Eigenschaften. Er treibt aus den Wurzeln aus, gern auch einmal durch Asphalt. Die längste genetisch einheitliche Population hat man in Südfrankreich gefunden: 120 m lang. Kleine Wurzelstücke, ein Zentimeter mal wenige Millimeter, können auch austreiben und sich zu kompletten Götterbäumen entwickeln. Spannend wird es, wenn man das Ding bekämpfen möchte. Da verhält es sich wie ein gemeiner Drache: Sägt man einen Stamm ab, wachsen drei bis x neue.

Klimaerwärmung begünstigt den Exoten

Bislang hat sich der Baum weitgehend auf die “urbane Wärmeinsel” beschränkt, aber im Zuge der Klimaerwärmung wandert er auch ins kühlere Umland aus. In Österreich und Slowenien kann man das heute schon bewundern. In Wien führte man den Götterbaum 1880 ein, um mit seinen Blättern den Ailanthus-Spinner zu ernähren, den man wiederum zur Seidenproduktion züchtete. Das hat nicht sonderlich gut funktioniert, aber dafür hat sich der Baum quer durch die Stadt verbreitet. An jeder Böschung, auf jedem ungenutzten grünen Fleck und aus jeder Ritze im Gehweg wächst ein Exemplar. In der Donauaue bekämpft man die Vorkommen inzwischen, weil sie die einheimische Flora radikal verdrängen. Dafür produziert der Baum ein Gift in seinen Blättern, das sich im Boden anreichert und andere Pflanzen am Keimen hindert.
In Hessen gibt man Jahr für Jahr rund 5 Millionen Euro für Götterbaumbekämpfung aus. Vorwiegend wachsen die Dinger entlang der Bahngleise, wo sie entsprechenden Schaden anrichten. Das allein sollte reichen, um auf weitere Anpflanzungen zu verzichten. In Jena allerdings gehört er zu den Lieblingsbäumen des Stadtarchitekten, weil er irgendwie gut aussieht. Aber Schönheit und Ökologie sind zwei Paar Schuhe, wie jeder Gärtner weiß, der seine Regenwürmer schätzt.
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