Wieder Wildkatze in Jena gesichtet: Gespräch mit Silvester Tamás

Silvester Tamá schlägt einen Holzpflock in den Boden.
 
Nun wird der Pflock zum Lockstab, in dem er mit Baldriantinktur bestrüht wird, um Wildkatzen anzulocken.
 
Silvester Tamá zeigt die Wildtierkamerrafalle. Sie hat einen Bewegungssensor und filmt vorbeischleichende Tiere.
Sie sind scheue, nachtaktive Tiere. Vielleicht sind sie deshalb aus unserem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Vielleicht aber waren sie längere Zeit hier nicht ansässig. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland Naturschutz Deutschland (BUND) gehen in Jena und dem Saale-Holzland-Kreis auf die Suche nach der Wildkatze. AA-Redakteurin Simone Schulter sprach mit dem Leiter des Wildkatzen-Nachweisprojektes Silvester Tamás über Aussehen, Bedeutung und Nutzen dieses Wildtieres.

Woran erkennt man eine Wildkatze?

Sie sieht ein bisschen so aus wie eine braun-grau-gemusterte Hauskatze, hat aber einen viel längeren Schwanz, den sie zum Ausbalancieren braucht. Darauf sind deutlich zwei bis fünf Ringe zu erkennen. Das Fell sieht verwaschen aus. Die Wildkatze ist größer als eine Hauskatze, wirkt hochbeinig.

Sie ähnelt unserer Hauskatze also nur auf den ersten Blick?
Ja. Die Wildkatze ist auch viel athletischer und läuft ähnlich wie ein Löwe mit dem Schwerpunkt auf den vorderen Körperbereich. Sie kann bis zu drei Metern springen und kann nicht gezähmt werden. Mit unserer Hauskatze ist sie nicht verwandt. Unser Stubentiger stammt ursprünglich aus Ägypten, kam dann zu den Römern und von dort nach Germanien. Hauskatzen sind ein Phänomen der letzten 2000 Jahre. Wildkatzen gibt es in Europa hingegen seit 400.000 bis 500.000 Jahren. Das bestätigen archäologische Funde auch aus Thüringen.

Wie werden die Wildkatzen aufgespürt?

Mit so genannten Lockstöcken. Das sind Holzpflöcke, die mit Baldriantinktur besprüht werden. Baldrian ist der Schlüssel zum Erfolg. Er zieht die Tiere an. Sie reiben sich am rauen Holz. Dabei werden sie von einer Infrarotkamera mit Bewegungssensor beobachtet, die die Katzen fotografiert. Beim ersten Sichten können wir mittlerweile schon einschätzen, ob es sich um eine Wildkatze handeln könnte. Genaue Ergebnisse bringt dann eine genetische Untersuchung der zurückgelassenen Haare im Senckenberg-Labor für Wildtiergenetik in Gelnhausen. In Jena und im Saale-Holzland-Kreis gibt es insgesamt 35 dieser DNA-Lockfallen.

Wo konnten Wildkatzen bisher in Jena und Umland nachgewiesen werden?
Wir haben in den letzten drei Monaten im Jenaer Forst drei Fotos aufnehmen können. Erst am vergangenen Sonntag konnten wir in einer der Kameras ein Bild von einem sehr jungen Tier auslesen. Eine letzte genetische Analyse steht zwar noch aus. Wir sind uns aber sehr sicher, dass auch das eine Wildkatze ist. Im Saale-Holzland-Kreis ist uns das noch nicht gelungen. Das liegt aber auch an den unterschiedlichen Lebensraumbedingungen. Der Jenaer Stadtwald ähnelt dem ursprünglichen Lebensraum der Katzen mehr als die forstwirtschaftlich stark genutzten Flächen im Landkreis.

Kann man hochrechnen, wie viele Tiere in der Region leben könnten?
Das ist erst der zweite Schritt, der bald folgen soll. Es gibt statistische Verfahren, die gute Rückschlüsse ermöglichen. Ganz grob könnte man aber heute schon den Bestand im Ostthüringer Raum auf 20 bis 30 Wildkatzen schätzen.

Auf welche Fragen suchen Sie mit Ihrem Projekt Antworten?
Wir fragen uns, wo diese Tiere leben. Wie viele gibt es in unseren Wäldern? Wie ist die Population zusammengesetzt? Wir wollen wissen, wie alt die Tiere sind und welchen Geschlechts. Auch ist zu klären, zu welchen Großraumpopulationen sie gehören.

Welchen Gefahren sind die Wildkatzen ausgesetzt?
Straßen sind tödliche Fallen für diese Tiere, auch die teils exzessive Landwirtschaft, eine auf Gewinn ausgerichtete Forstwirtschaft, natürlich auch Jäger, die die Tiere mit verwilderten Hauskatzen verwechseln. Bedroht werden Wildkatzen auch durch die Verinselung von Wildkatzen-Lebensräumen durch Infrastruktur, weil infolge von Baumaßnahmen die Wanderwege zu anderen Populationen abgeschnitten werden.

Was kann man dagegen tun?
Wir müssen gemeinsame Strategien entwickeln – zusammen mit den Behörden, Landwirten, Jagdverbänden und Automobilclubs. Gefahrenquellen durch den Straßenverkehr kann man beispielsweise mit Querungshilfen wie Grünbrückenoder elektrische Wildwechselwarnanlagen an Unfallschwerpunkten begegnen. Gerade die Warnanlagen können sehr hilfreich sein. Nicht nur für die Tiere, auch für den Menschen. Dort, wo sie installiert werden, gehen die Wildunfälle signifikant zurück. Das ist auch von volkswirtschaftlichem Nutzen.

Wie können Maßnahmen in der Land- und Forstwirtschaft aussehen?
Wir brauchen naturnahe Wälder. Unser heutiger Baumbestand ist oft nicht älter als 80 Jahre. Das verschafft Wildkatzen nicht den notwendigen Rückzugsort. Die landwirtschaftlichen Flächen müssen nachhaltiger bewirtschaftet werden. Also eine größere Pflanzenvielfalt und Niederstrauchbereiche. So können Korridore geschaffen werden, auf denen sich die Wildkatzenpopulationen aus verschiedenen Regionen begegnen können.

Wie lange war die Wildkatze aus unseren Wäldern verschwunden?

Es gab bisher kein Nachweisprogramm. Deshalb weiß man nicht, ob Wildkatzen immer hier waren oder zwischenzeitlich wiedergekommen sind. Wildkatzen sind scheu und leben vom Menschen meist unbemerkt.

Warum wird die Wildkatze jetzt in den Fokus gerückt?

Historische Nachweise für Wildkatzen gab es in unserer Region immer schon. Die Wildkatze ist eine ursprüngliche indigene Art. Sie hat eine Daseinsberechtigung und ist für die biologische Vielfalt in unseren Wäldern unverzichtbar. Durch Zersiedelungen der Landschaft wurde das Tier immer weiter zurückgedrängt. Jetzt muss man so schnell wie möglich reagieren und ihre Überlebensfähigkeit sichern. Dabei kommt den Populationen in Mitteldeutschland eine Schlüsselrolle zu. Wir müssen den Tieren den Kontakt zu anderen Verbreitungsgebieten in Deutschland, West- und Südosteuropa ermöglichen.

Wo sind Wildkatzen schon ausgestorben?
In Schottland sind sie bereits sehr isoliert. Es gibt Hinweise, dass sie aussterben werden. Ein großes Problem dort ist die Hybridisierung, also die Vermischung mit Hauskatzen.

Gibt es auch Vorbehalte gegenüber den Wildkatzen?

Die gibt es sicherlich, wenn auch nicht so massiv wie beim Wolf. Der Wildkatze wird gern unterstellt, dass sie sich schädlich auf Singvogelpopulationen und seltene Reptilien auszuwirken kann. Doch Nahrungsresteanalysen zeigen ganz klar: Die Wildkatze ernährt sich zu über 95 Prozent von Mäusen. Die werden in der Landwirtschaft als Schädlinge betrachtet.

Welche Aufgabe übernimmt die Wildkatze in unserem Ökosystem?
Wir dürfen nicht nach dem Wert fragen, sondern nach dem Platz, den sie in unserem Kreislauf einnimmt. Die Wildkatze füllt den Bereich zwischen Marder, Iltis und Fuchs aus. Diese Katzen gehören einfach hierher. Und weil wir sie kaum noch wahrnehmen, brauchen sie menschliche Unterstützung. Wir müssen bedrohten Arten wenigstens einen Teil unseres Lebensraumes zugestehen

AUSFLUGSTIPP


Mehr über den scheuen Jäger kann man in deutschlandweit einmaligen Wildkatzendorf Hütscheroda am Nationalpark Hainich erfahren. Hier werden auch Programmefür Schulklassen angeboten. Geöffnet ist es in der Hauptsaison (30. März bis 31. Oktober.) täglich, von 9 bis 18 Uhr und in der Nebensaison (1. November bis 29. März) Samstag, Sonntag und Feiertage, von 10 bis 16 Uhr.
Mehr Infos unter: www.wildkatzendorf.com.

ZUR SACHE


- Das Wildkatzen-Nachweisprojekt in der Region Saale-Holzland-Jena wird durch das Naturschutzprojekt Felis-Lupus in Kooperation mit dem NABU und BUND durchgeführt. Das Nachweisprojekt ist dem Projekt "Wildkatzsprung" des BUND angegliedert, welches wiederum durch das Bundesamt für Naturschutz finanziert wird.
- Wildkatzen sind streng geschützt. Sie dürfen nicht gestört, beunruhigt, gefangen, verletzt oder getötet werden. Achtung: Wer kleine Katzen im Wald findet – weit weg von einer Siedlung – sollte diese auf keinen Fall anfassen oder mit nach Hause nehmen. Es könnten Wildkatzen sein. Eine Information an BUND oder NABU ist angebracht.
- Beim Projekt sind ehrenamtliche Helfer immer willkommen. Man kann die Arbeit auch durch Spenden unterstützen. Angaben zum Spendenkonto und regelmäßig aktualisierte Informationen zum Wildkatzen-Projekte findet man unter: www.felis-lupus.de
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