20 Jahre "Ein Dach für alle"

Kerstin Schulz ist Geschäftsführerin des Vereins „Ein Dach für alle“.
Jena: Merseburger Straße | Jena hat ein wahres Luxusproblem, wenn es um Wohnraum geht. Hohe Mieten und teure Quadratmeterpreise für Wohneigentum bringen viele Geringverdiener in Bedrängnis. Um Menschen, die auf dem Wohnungsmarkt in Jena kaum Chancen haben, kümmert sich der Verein „Ein Dach für alle“. Vor 20 Jahren wurde er gegründet. Zum Geburtstag sprach AA-Redakteurin Simone Schulter mit der Geschäftsführerin Kerstin Schulz über die Arbeit des Vereins.

Wie viele Menschen sind in Jena von Obdachlosigkeit betroffen?
Das kann man ganz schlecht schätzen. Wohnungslose werden nicht verzeichnet. Dazu gibt es keine Statistik. Es ist auch nicht bekannt, wer von Obdachlosigkeit bedroht ist. Wir erfahren nur von den Fällen, die uns beispielsweise das Sozialamt benennt oder die bei uns Hilfe suchen.

Wie können Sie eingreifen?
Zum einen tritt unser Verein als Vermieter auf. Dazu stehen uns eigene Immobilien zur Verfügung. Zum anderen fungieren wir als Generalvermieter. Wir haben zwei Mehrfamilienhäuser angemietet und verwalten es im Auftrag des Eigentümers. Die Vermietung ist immer gekoppelt mit einer sozialpädagogischen Betreuung. Und natürlich sorgen wir dafür, dass die Miete pünktlich gezahlt wird. Unsere Sozialarbeiter suchen bei Zahlungsverzug sofort das direkte, persönliche Gespräch.

Gibt es weitere Hilfsangebote?
Vor etwa zehn Jahren haben wir gemerkt, dass der Verein erst aktiv wird, wenn es schon zu spät ist. Der Betroffene ist dann schon wohnungslos oder akut von Obdachlosigkeit bedroht. Deshalb haben wir das ambulante betreute Wohnen entwickelt. Hier arbeiten wir präventiv und sorgen so dafür, dass der Klient in seiner Wohnung bleiben kann.

Wie erreichen Sie das?
Wir helfen, den Alltag zu strukturieren, geben Unterstützung bei Behördengängen. Wir zeigen auch Möglichkeiten auf, wie und wo man eine Mietschuldenübernahme beantragen kann. Erklärtes Ziel ist es, dass der Mieter seine Wohnung nicht verliert.

Warum ist das so wichtig?

Jena ist ein Vermieterstandort. Der Vermieter sucht seine Mieter bewusst aus. Wir haben eine offizielle Leerstandsquote von einem Prozent. Ich nehme an, dass sie sogar noch geringer ist. Es gibt zumeist 50 Bewerbungen auf eine Wohnung. Wer da Hartz IV bezieht, einen negativen Schufa-Eintrag hat oder bereits durch mietwidriges Verhalten aufgefallen ist, hat da keine Chance.

Wer kann Ihre Hilfe in Anspruch nehmen?
Jeder, der Rat und Hilfe braucht, kann in unsere Sprechstunden kommen. Wenn beispielsweise eine Räumungsklage droht, schauen wir gemeinsam, wie man schnell Abhilfe schaffen kann. Auch Obdachlose sind bei uns richtig. Wichtig ist aber der eigene Wille. Unsere Betreuung basiert auf freiwilliger Basis.

Welcher Personenkreis kommt zu Ihnen?
Es sind zumeist Männer, die unsere Hilfe brauchen. Doch auch der Frauenanteil wird größer. Rund ein Viertel unserer Klientel ist weiblich. Auch Familien betreuen wir.

Sie kümmern sich auch um die Kinder Ihrer Klienten.
Ja. In unserer Kinderoase betreuen Sozialarbeiter Kinder, deren Eltern nicht in der Lage sind, sich um ihre Familie ausreichend sorgen. Solche Kinder würden ohne Hilfe dieses Familienschicksal fortführen. Wir möchten diesen Kreis durchbrechen mit Nachhilfe, Hausaufgabenbetreuung und Freizeitgestaltung. Diese Kinder können es schaffen, sich ein eigenes Leben aufzubauen, dazu benötigen sie dringend die Unterstützung einer festen Bezugsperson, wenn die Eltern nicht zur Verfügung stehen. Doch dazu brauchen sie unsere Hilfe.

Wie finanzieren Sie sich?

Unsere Finanzierung basiert auf drei Säulen. Wir nehmen Miete ein. Hinzu kommen Gelder der Stadt Jena, denn wir erfüllen als freier Träger durch unsere Betreuungsarbeit Pflichtaufgaben der Kommune. Spenden sind eine weitere Säule. Damit bezahlen wir viele Angebote in der Kinderoase.

Haben Sie einen Geburtstagswunsch?

Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen bei uns im Verein ehrenamtlich engagieren, dass mehr Leute Interesse an unserer Arbeit zeigen. Oftmals wird unserer Klientel ein Selbstverschulden unterstellt. Aber deren Probleme sind sehr vielschichtig und haben ihre Ursache meist in der Vergangenheit. Wir müssen aber schauen, wie wir die Zukunft gestalten.

ZAHLENSPIEGEL
• Sechs Häuser werden vom Verein verwaltet.
Davon gehören vier dem Verein. Zwei Häuser hat der Verein in Gänze angemietet und verwaltet diese im Auftrag des Eigentümers.
• 72 Wohnungen vermietet der Verein insgesamt.
• 60 bis 70 Klienten werden innerhalb des ambulanten Betreuten Wohnens vom Verein unterstützt.
• Im Verein sind 15 ­Mitarbeiter beschäftigt, zumeist Sozialarbeiter.

BERATUNG & KONTAKT
...am Vereinssitz in der ­Merseburgerstraße 27:
Montag bis Donnerstag, von 10 bis 12 Uhr
Dienstag, 14 bis 16 Uhr
Donnerstag, 14 bis 18 Uhr
Telefon 0 36 41/ 88 00 30
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