Billiger als Kino: Kommunikationsexperte verteidigt den neuen Rundfunkbeitrag

Professor Wolfgang Seufert Foto: Günther/FSU (Foto: FSU)
Jena: Universität | Politik und öffentlich-rechtlicher Rundfunk gehen Hand in Hand. Mit Vehemenz setzten sich die MDR-Verwaltungsdirektorin Astrid Göbel und Thüringens Medienministerin Marion Walsmann im Interview mit dem Allgemeinen Anzeiger für den neuen Rundfunkbeitrag ein. Er löst ab Januar die Rundfunkgebühr ab.
AA-Leser diskutierten das Thema sehr kontrovers auf unserem Mitmachportal meinAnzeiger.de. Für uns ein Anlass, die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks noch einmal aus wissenschaftlicher Sicht beurteilen zu lassen. Unseren Fragen stellt sich Professor Wolfgang Seufert, Kommunikationswissenschaftler mit dem Schwerpunkt Ökonomie und Organisation der Medien an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Deftig, heftig kommentieren unsere Leser die Zwangsabgabe fürs ZDF, ARD-Fernsehen und –Radio sowie das Deutschlandradio. Können Sie diesen Frust nachvollziehen?

Aus persönlicher Sicht: ja und nein. Das System steht von Beginn an in der Kritik. Aber wenn man sich die Summe von 17,89 Euro im Monat anschaut, dann kann man dafür zwei Mal ins Kino gehen. Das sind etwa drei Stunden. Ich behaupte, dass die meisten weit mehr Zeit vorm Fernseher verbringen. In dem Sinne ist es eine relativ preiswerte Angelegenheit.
Zudem gibt es für die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eine klare Rechtsgrundlage durch Urteile des Bundesverfassungsgerichts. Damit soll das Grundrecht auf Meinungsfreiheit geschützt werden. Fernsehen und Radio werden so nicht allein dem Markt überlassen.

Immer wieder wird die Qualität von Sendungen bemängelt. Zu Recht?

Das ist sehr subjektiv. Die Programmverantwortlichen müssen einen Kompromiss finden zwischen den unterschiedlichen Ansichten und Wünschen der Zuschauer. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nicht zu reduzieren auf ein reines Informationsangebot. Zur Information kommen Bildung und Unterhaltung. Letztere sollte anspruchsvoll sein, was immer das ist.

Aber gerade Klatsch und Tratsch, Volksmusik und Seifenopern gehören für viele nicht zu den Aufgaben von ARD und ZDF. Teilen sei die Ansicht?

Wie soll man Unterhaltungssendungen beurteilen? Wir haben in Deutschland die einmalige Situation, dass ein großer Teil populäre Unterhaltung per se als minderwertig betrachtet. Ich schließe mich dem nicht an.

Viel Geld geben die öffentlich-rechtlichen Sender auch für den Sport aus.

Sport ist ein Sonderfall. Natürlich müssen die Topsportarten nicht unbedingt im öffentlich- rechtlichen Radio oder Fernsehen gezeigt werden. Aber diese Sender haben in den letzten Jahren nicht immer wieder den Zuschlag bekommen, weil sie das meiste Geld gezahlt haben, sondern weil sie über viele Zuschauer verfügen. Die Fußballliga hat selbst das Interesse, die Spiele dort zu zeigen, wo sie ihre Zielgruppe erreicht.

Sie sind also überzeugt vom dieser Art der Sportberichterstattung?

Nein, aus meiner Sicht gehört es zu den Aufgaben der Öffentlich-Rechtlichen im sportlichen Bereich eine vielfältigere Berichterstattung anzubieten. Randsportarten werden zu wenig beachtet. Oft nur alle vier Jahre zu den olympischen Spielen.

Wenn im Januar die Rundfunkgebühr durch den Rundfunkbeitrag abgelöst wird, ändern sich auch die Abrechnungsmodalitäten. Gezahlt wird dann per Haushalt. Wie stehen sie dazu?

Ich halte die neue Lösung für besser. Sie bedarf keiner Überprüfung. Jeder Haushalt leistet seinen Beitrag.

Gibt es Rundfunkgebühren in dieser Art auch in anderen Ländern?

Ja, in Griechenland zu Beispiel wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk als Teil der Stromrechnung eingezogen. In Finnland werden die Gebühren nach dem Einkommen gestaffelt. In Großbritannien hat man ein ähnliches System wie in Deutschland. Hierzulande gab es schon immer eine Art Kopfsteuer und eine großzügige Befreiungsregelung für Wenigverdiener.

Wäre eine Gebührenstaffelung auch bei uns angebracht?

Ich denke, das wäre zu aufwendig. Kontrollen des jeweiligen Einkommens zögen einen großen bürokratischen Aufwand nach sich.

Könnte man das System auch durch Steuern finanzieren?

Damit würde eine zu große Nähe zur Politik geschaffen. Das jetzige System garantiert eine hohe Autonomie gegenüber dem Staat. Im Ländervergleich zeigt sich, dass das von Vorteil ist.

Inwiefern?

In südeuropäischen Staaten werden solcherlei Programmangebote aus dem Staatshaushalt finanziert. Regierungen haben so einen direkten Zugriff auf die Medien und ihre Meinungsbildung.

Aber auch in Deutschland wurde der Vertrag des ZDF-Intendanten Nikolaus Brender durch Interventionen aus der Politik nicht verlängert.

In den Aufsichtsgremien des ZDF sitzen anteilmäßig die meisten Politiker. Ein Urteil des Verfassungsgerichts über die Rechtmäßigkeit steht noch aus. Ich denke, die Richter werden den Anteil als zu hoch beurteilen.

Viele ärgern sich, dass öffentlich-rechtliche Programme auf den Internetseiten der Sender nach der Ausstrahlung nur sieben Tage lang abgerufen werden können.

Für mich ist das eine willkürliche Entscheidung. Es ist ja schon alles über die Rundfunkgebühr bezahlt. Warum also sollten die Angebote nicht auf Dauer abrufbar sein. Hier spielen Fragen des Urheberrechts eine Rolle. Die wären leicht zu klären.
Ich sehe darin eher einen Schutz privater Anbieter und ihrer kommerziellen Angebote.
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9 Kommentare
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 30.09.2012 | 07:57  
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Ann ihl aus Weimar | 01.10.2012 | 20:56  
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Nina Meinzer aus Erfurt | 01.10.2012 | 22:22  
Simone Schulter aus Weimar | 02.10.2012 | 13:47  
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Ann ihl aus Weimar | 02.10.2012 | 15:09  
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Nina Meinzer aus Erfurt | 02.10.2012 | 21:56  
Simone Schulter aus Weimar | 04.10.2012 | 12:46  
Simone Schulter aus Weimar | 04.10.2012 | 12:52  
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Nina Meinzer aus Erfurt | 04.10.2012 | 22:21  
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