Die Jenaer Tafel kämpft nach Skandal mit neuem Vorstand um ihre Reputation

Der neue Tafelvorstand will durch solide Arbeit verloren gegangenes Vertrauen zurück gewinnen (v.li.): Frank Käthner, Jürgen Wambach, Radka Markert und der Vorsitzende Wilfried Schramm. Das Wandbild im Hintergrund wurde von Wolfgang Scheer kostenlos für die Tafelstube gemalt. Foto: Hausdörfer
JENA. Für einen sozial orientierten Verein wie die Jenaer Tafel war die Situation fatal: Korruptionsvorwürfe gegen Vorstandsmitglieder im Zusammenhang mit dem Ausbau einer früheren Kindertagesstätte in Lobeda-West zum jetzigen Tafelhaus-Domizil. Die Stadt Jena zog aufgrund von staatsanwaltlichen Ermittlungen ihre Fördergeldzusage in Höhe von 300.000 Euro zurück, das gesamte Finanzierungskonzept des Bauvorhabens geriet dadurch im letzten Jahr ins Wanken und die Insolvenz des Tafelhausvereins schien wahrscheinlich. Zugleich zogen sich alle damaligen Vorstandsmitglieder aus verschiedenen Gründen aus ihren Ämtern zurück, zum Teil auch gezwungenermaßen: So wie Hans G., der die Hauptfigur in dem Korruptionsskandal zu spielen scheint. Dem redegewandten Unternehmer aus Leipzig gelang zu Beginn des Umbaus sehr schnell und überraschend der Sprung in den Vorstand der Tafel und zum Baubeauftragten. Den anderen, in Sachen Bau nicht so bewanderten Vorständen war er erstmal willkommen, er galt als der Bausachverständige und Retter in der Not. Seine Bilanz ist allerdings ernüchternd: Die Missachtung elementarer Prinzipien des Bauhandwerkes und Misswirtschaft wird ihm heute vorgeworfen. Dazu kommt der Verdacht der persönlichen Bereicherung. Im Vorjahr wurde G., dem auch Betrug in zweistelliger Millionenhöhe aus seiner früheren Zeit als Chef der Eisenberger Wurstfabrik (EWU) vorgeworfen wird, aus dem Tafelhausverein ausgeschlossen und Hausverbot erteilt.

Eine völlige personelle Neuorientierung im Vorstand war nun unerlässlich und sie scheint gelungen zu sein. Die Mitgliederversammlung am 27. November wählte einen neuen ehrenamtlichen Vorstand unter Vorsitz von Wilfried Schramm. Der Ruheständler hat nach eigener Aussage im Jahr 2012 alle Sektionen im Tafelhaus durchlaufen und sich so einen guten Einblick in die Arbeitsabläufe und die Gegebenheiten verschafft. Ihm zur Seite stehen drei langjährige Mitarbeiter im Tafelhaus, alle ohne Vorstandsvergangenheit: Radka Markert als Stellvertreterin, Jürgen Wambach und Frank Käthner.

Nach zwei Monaten im Ehrenamt zog der Vorstand in der vergangenen Woche im AA-Gespräch erstmals Bilanz der bisher geleisteten Arbeit. „Wir versuchen die Tafel in ruhigere Gewässer zu führen und haben die innere Organisation wieder auf stabile Füße gestellt“, erklärt Wilfried Schramm. Auch die drohende Insolvenz sei erstmal abgewendet, da man mit wichtigen Finanzierungspartnern Lösungen gefunden hätte. Natürlich hätten die Vorgänge im Tafelhaus langjährige Sponsoren verunsichert, doch auch hier sei man auf gutem Weg, verloren gegangenes Vertrauen langsam zurück zu gewinnen. Schließlich sei man für den Betrieb des Tafelhauses auf Sach- und Geldspenden von Firmen, Institutionen und Privatleuten zwingend angewiesen. Derzeit fehlt es im Tafelhaus vor allem an frischem Gemüse, was natürlich auch saisonal bedingt ist.

Ein weiteres dringendes Problem ist das undichte Dach. Trotz Reparatur durch eine Fachfirma findet das Wasser immer noch Wege durch das Flachdach, was sich an den Decken sehr deutlich abzeichnet, bei Starkregen müssen auch Eimer das Wasser auffangen.

Für die stellvertretende Vereinsvorsitzende Radka Markert ist das AA-Gespräch willkommener Anlass, endlich einmal Schluss mit dem weit verbreiteten Vorurteil zu machen, im Tafelhaus träfen sich feucht-fröhlich feiernd die „Letzten der Gesellschaft“. Die couragierte Frau verweist auf das absolute Alkoholverbot und erklärt: „Neben den Lebensmitteln sind vor allem die sozialen Kontakte ernorm wichtig – die Gemeinschaft tut den Leuten ganz einfach gut“.
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