Gutachten “Hebammenversorgung in Thüringen”

Ende März findet die nächste Runde des Runden Tischs “Geburt und Familie” (an dem keine Familien sitzen) statt. Der Runde Tisch, einberufen durch Gesundheitsministerin Heike Werner, orientiert sich in seiner Arbeit ein einem IGES-Gutachten, das seit Dezember frei verfügbar ist: Gutachten "Hebammenversorgung in Thüringen"

Und hier sind die aus Elternsicht wichtigen Punkte des Gutachtens:


Kurz: Für Schwangerenvorsorge, Geburtsvorbereitung, Geburtsbegleitung in 1:1-Betreuung, Wochenbettbetreuung, Rückbildungskurse und Familienhebammen ist in Thüringen der Bedarf deutlich höher als das Angebot, das sich in den kommenden Jahren nochmals deutlich reduzieren wird, während besonders in den Großtädten die Nachfrage danach steigen wird.

Länger:

Vorgehen

- 167 Hebammen wurden befragt, davon sind 87 ausschließlich freiberuflich tätig, 70 freiberuflich und angestellt und 10 ausschließlich angestellt. Der Rücklauf liegt unter 50%, es gab seitens der Hebammen große Schwierigkeiten bei der Auslegung (uns aus Gesprächen bekannt ist, dass sich die Hebammen teilweise in den Fragen oder Kategorien nicht wiederfanden, da diese an ihrer Arbeitswirklichkeit vorbei gingen). Schätzungsweise hat Thüringen ca. 380 Hebammen.
- 1775 Mütter die 2014 geboren haben wurden befragt.
- Geburtskliniken und Ausbildungsstätten wurden befragt.
- Es wurden diverse andere Daten zusammengetragen, u.a. Abrechnungsdaten der AOK Plus (das ist aber nur eingeschränkt aussagekräftig, da Hebammen 4 Jahre Zeit haben, eine erbrachte Leistung abzurechnen).

Geburtenentwicklung

- ist seit 15 Jahren relativ stabil um 17.500 Geburten.
- Die Anzahl Frauen im gebärfähigen Alter ist in den letzten 15 Jahren mit 15,3% deutlich stärker gesunken als im Bundesdurchschnitt, in den Landkreisen mit 38% stärker als in den kreisfreien Städten mit 18%. Nur in Jena stieg sie um 4%.
- Die Geburtenzahlen sind in letzten 15 Jahren in den kreisfreien Städten angestiegen (Jena 49,2%, Erfurt 23%, Weimar 5,3%).
- Die Geburtenzahl sind in den letzten 15 Jahren in den Landkreisen um 6,8% gesunken, in manchen Landkreisen fast um 25%.
- Bis 2020 wird die Anzahl der Frauen im gebärfähigen Alter weiter sinken, außer in Jena (+3%) und Erfurt (+4%) – dort werden also auch die Geburtenzahlen steigen.
→ der Bedarf an Hebammenleistungen wird in den kreisfreien Städten steigen und den Landkreisen sinken

Hebammen

- Für ca. 50% der Geburten in den Kliniken kann keine 1:1-Betreuung gewährleistet werden. In manchen Kliniken kann keine kontinuierliche Kreißsaalbesetzung gewährleistet werden. In 85% der Kliniken führen Hebammen fachfremde Tätigkeiten aus (Bestellung, Reinigung, Pflege, Assistenz bei Operationen).
- Auf die Landkreise entfallen 71% der Geburten, verglichen damit ist das Leistungsangebot der Hebammen in den kreisfreien Städten stärker ausgeprägt als in den Landkreisen.
- In den letzten 2 Jahren ist der Anteil ausschließlich angestellt tätiger Hebammen um 38% gesunken und der Anteil freiberuflich tätiger Hebammen um 13% gestiegen.
- In den Kliniken gibt es viele offene Hebammenstellen, deren Besetzung schwierig ist, u.a. da die Anzahl der Bewerbungen abnimmt.
- Auf die vorhandenen Ausbildungs- und Studienplätze gibt es ausreichend Bewerbungen. Es ist schwer, Personal für die Lehre zu finden, da sie hohe Anforderungen erfüllen müssen, aber ein „nicht attraktives“ Entgelt erhalten. Es gibt zu wenig Praktikumskliniken.
- Drei Viertel der Hebammen in Thüringen sind über 40 Jahre alt, ein Drittel über 50. Ca. 10% der Hebammen haben unter 6 Jahren Berufserfahrung, fast zwei Drittel haben mehr als 16 Jahre.
- Die meisten Hebammen haben Wochenarbeitszeiten von deutlich über 40 Stunden. 58% der angestellt tätigen und 60% der freiberuflich tätigen Hebammen gaben an, dass ihre Wochenarbeitszeit stark gestiegen ist. Über die Hälfte aller Hebammen denkt darüber nach, ihren Beruf aufzugeben oder ihre Arbeitszeit zu reduzieren, Gründe sind vor allem zu viel Arbeit, zu hohe Arbeitszeit, zu geringes Einkommen. Das Einkommen aller Hebammen stieg in den letzten Jahren. Die Daten erlauben keine Rückschlüsse, ob Änderungen der finanziellen Situation der Hebammen auf verlängerte Arbeitszeit oder bessere Vergütung zurückzuführen sind.
- 72% der freiberuflich tätigen Hebammen sind mit ihrer Arbeit zufrieden und nur 55% der angestellt tätigen Hebammen. 80% der Hebammen sind mit ihren Arbeitszeiten unzufrieden. Für ein Drittel der Hebammen ist es schwierig, ihren familiären Verpflichtungen nachzukommen. Für die Mehrheit der Hebammen ist die Begleitung einer Geburt der wesentliche Bestandteil des Hebammenberufes.
- 94% der freiberuflich tätigen und 71% der angestellt tätigen Hebammen finden ihre Tätigkeit abwechslungsreich und interessant. 71% der freiberuflich tätigen und nur 20% der angestellt tätigen Hebammen stimmen der Aussage zu, dass sie selbst bestimmen können, auf welche Art und Weise sie ihre Arbeit erledigen. 84% der freiberuflich tätigen und nur 50% der angestellt tätigen Hebammen stimmen der Aussage zu, dass sie bei ihrer Tätigkeit neues lernen und sich beruflich weiterentwickeln können.
- 23% der Hebammen haben eine Ausbildung zur Familienhebamme. Auf Bedarf einer Unterstützung durch Familienhebammen wird die Hebamme vorrangig durch die Familien selbst oder ihre Tätigkeit in den Familien aufmerksam (→ aufsuchende Betreuung sehr wichtig).
- Geburtsvorbereitungskurse, Schwangerenbetreuung, Rückbildungskurse, Familienhebamme, Geburt in 1:1-Betreuung, werden vorrangig von ausschließlich freiberuflich tätigen Hebammen bedient. Wochenbettbetreuung wird von freiberuflich tätigen Hebammen bedient. Bis zu einem Drittel der Hebammen haben 2014 bestimmte Leistungen nicht mehr angeboten, insbesondere Geburtsvorbereitung , Rückbildung, Geburt in 1:1-Betreuung und Familienhebamme, Grund ist vorrangig fehlende Rentabilität der Leistungen. Für Familienhebamme, Geburtsvorbereitung, Geburt in 1:1-Betreuung, Wochenbettbetreuung, Rückbildung ist die Nachfrage deutlich höher als das Angebot. Dies sind auch die Bereiche, in denen bis zu 50% der Hebammen eine weitere Einschränkung ihres Angebots planen.

Mütterbefragung

- Die Hälfte der Befragten waren Erstgebärende.
- Ein Viertel fühlte sich nicht ausreichend über die Möglichkeit einer außerklinischen Geburt informiert. Ein Viertel fühlte sich nicht ausreichend über die Erstattung von Hebammenleistungen durch Krankenkassen informiert.
- Ein Drittel der Befragten nahm in ersten Trimester das erste Mal Kontakt zu einer Hebamme auf, zwei Drittel danach. Mehr als ein Drittel der Frauen hat mehr als eine Hebamme kontaktiert.
- 70% nahmen individuelle Schwangerenbetreuung durch eine Hebamme in Anspruch. Die Mehrheit der Frauen hatte in der Schwangerschaft mehr als 5 persönliche Kontakte mit der Hebamme. 90% aller Frauen empfanden die Kontakthäufigkeit als genau richtig.
- Über 90% der Frauen waren mit ihrer individuellen Schwangerenbetreuung zufrieden, besonders wichtig war die ständige Erreichbarkeit für Fragen und Probleme und die ausführliche Beantwortung von Fragen, sowie die individuelle Beratung. Knapp 20% der Frauen fand es nicht leicht, eine Hebamme für die individuelle Vorsorge zu finden, besonders schwierig war es in Jena, Weimar, dem Ilm-Kreis, Weimarer Land, Sonneberg und Gera. Etwas über 20% wussten nicht, dass Hebammen auch vor der Geburt die Betreuung übernehmen können, sowie dass das von der Krankenkasse bezahlt wird.
- Mit ihren Vorsorgeuntersuchungen waren 87% der Mütter zufrieden. Gründe für Unzufriedenheit waren schlechte Beratung, zu wenig Zeit, keine Erklärung von Diagnosen, zu viele IGEL-Leistungen, versteckte Kosten und zu lange Wartezeit. Leider wird im Gutachten nicht unterschieden, durch wen die Vorsorge primär durchgeführt wurde. War an der Vorsorge eine Hebamme beteiligt, war die Zufriedenheit der Frauen höher.
- 6,2% der Mütter hat im Krankenhaus geboren da sie keine Möglichkeit für eine außerklinische Geburt gefunden haben. Frauen, die zukünftige Geburten nicht mehr in der Klinik durchführen wollen, geben als Gründe an, dass die schlechte Erfahrung im Krankenhaus gemacht haben, sie mehr Individualität wünschen, sie die Geburt im Krankenhaus aus unruhig und stressig empfanden, es zu viele medizinische Interventionen gab, und sie nun besser über die Möglichkeit einer außerklinischen Geburt informiert wären. Bis auf eine Ausnahme waren alle Mütter mit ihrer außerklinischen Geburt sehr zufrieden. 50% der Frauen fand es nicht leicht, eine Hebamme für die Betreuung einer außerklinischen Geburt zu finden.
- 12% der Klinikgeburten fanden mit Beleghebamme in 1:1-Betreuung statt. Gründe für die Nicht-Inanspruchnahme einer Beleghebamme mit 1:1-Betreuung waren fehlende Kenntnis vom Angebot (26,1%), die Klinik hat die Möglichkeit nicht angeboten (21,9%), keine Hebamme gefunden (12,9%).
- 97,1% der Mütter nahmen eine aufsuchende Wochenbettbetreuung in Anspruch. Hauptgrund für die Nicht-Inanspruchnahme war, dass keine Hebamme gefunden wurde. Als optimal aus Sicht der Frauen sind mindestens 6 Kontakte. Die Mütter sind mit der Wochenbettbetreuung fast durchgehend zufrieden. Besonders wichtig waren ihnen die Tipps der Hebamme, dass die Hebamme sich genug Zeit genommen hat, die Hebamme auf die Wünsche und Bedürfnisse der Frau eingegangen ist. Für 15% der Frauen war es nicht leicht, eine Hebamme für die Wochenbettbetreuung zu finden, insbesondere in Jena, Weimar, Gera, Saale-Holzland-Kreis, Saalfeld-Rudolstadt, Weimarer Land.
- 12% der Frauen haben keinen Platz in einem Rückbildungskurs gefunden

Aus unserer Sicht sind weitere wichtige Fragen, die unbedingt gestellt werden sollten:

- Wie sollte ein Arbeitsumfeld gestaltet sein, das Frauen dazu einlädt, ihre Tätigkeit als Hebamme auch nach der Ausbildung langristig weiter auszuüben?
- Weshalb sind freiberuflich tätige Hebammen deutlich zufriedener mit ihrer Tätigkeit als angestellt tätige Hebammen?

Statt an den Symptomen zu spielen, sollte der Ursache nachgegangen werden!
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