Jenaer Uni schult "taktvoll gegen Rechts"

Professor Michael May (Foto: Kasper/Uni Jena)
Jena: Carl-Zeiss-Straße 3 |

Ein Hakenkreuz auf der Federmappe, eine bestimmte Modemarke, beleidi­gende Äußerungen gegenüber Minderheiten: Fremdenfeindliche und rechtsextreme Einstellungen können sich auf vielfältige Weise zeigen.

Hier muss der Lehrer ­reagieren, fordert ­Michael May. Er ist Professor am Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena. „Nicht zu reagieren, ist keine Lösung“, erläutert Professor May und fügt hinzu: „Wenn Lehrer so etwas bemerken, dürfen sie aber auch nicht Gefahr laufen, zu ­moralisieren oder zu ­bestrafen.“


Für politische Bildung nicht auf bestimmte Fächer begrenzt


May vertritt die Auffassung, dass ­Schüler nicht nur in ­bestimmten Unterrichts­fächern politisch gebildet werden sollten. Um künftige Lehrer dafür zu sensibilisieren, hat er das Lehrkonzept „Taktvoll gegen Rechts“ entwickelt – gemeinsam mit Dr. Karin Kleinespel vom Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung (ZLB) der Uni Jena und dem Erfurter Staatsanwalt Uwe Strewe. Im Wintersemester wurde es erstmals angeboten. Im gerade gestarteten Sommersemester findet das Konzept seine Fortsetzung. Es zeigt mit Beispielen, wie angemessen reagiert werden kann, wenn Fremdenfeindlichkeit im Schulalltag auftaucht.


„Menschen, die sich belehrt ­fühlen, lernen nicht.“
Professor Michael May



20 Studenten hatten sich im Wintersemester für ein solches Seminar angemeldet. Sie studieren unterschied­liche Fächerkombinationen. „Nicht nur Sozialkunde“, hebt der Professor hervor. Ein Umstand, der ihn froh stimmt. „Das zeigt, dass die Studierenden diesen Dialog als Schulaufgabe sehen.“ Angehende Lehrer starten an der Friedrich-Schiller-Universität zum Beginn des fünften Semesters eine Praxisphase. Während der Vorbereitungen erläutert Staatsanwalt Uwe Strewe in einer Vorlesung, wie man anhand von Kleidung, Symbolen und anderen Äußerlichkeiten rechtes Gedankengut erkennen kann.
Geklärt wird in der Vorlesung auch die rechtliche ­Seite. Was darf ein Lehrer? Kann er beispielsweise ein Handy einziehen? „Das gibt den Studierenden Sicherheit“, weiß Professor May. „Doch die pädagogische Perspektive wird nicht berücksichtigt.“ Hier setzt er an. Wer sich für sein Lehrangebot entschieden hat, muss während der Hospita­tionen in der Schule alltäg­liche Situationen beobachten, aus denen sich in Bezug auf Rechtsextremismus ein Handlungsbedarf ergibt. Das kann ein Gespräch über Farben im Kunstunterricht sein. „Auch Chemie ist prädestiniert für bestimmte Sprüche. Ich denke da beispielsweise an das Wort vergasen.“

Mehr Handlungskompetenz für künftige Lehrer


Was Professor May nicht bieten kann, sind ­pauschale Handlungsanleitungen. Die Reaktion auf Vorfälle sei immer situationsabhängig. Aber anhand der Fallbeispiele kann Handlungskompetenz erworben werden. „Wir müssen verstehen, wie die Schüler die Welt sehen und wie sie zu ihren Einstellungen und Ansichten kommen“, fordert er. Zu forsche Kritik komme oft nicht an und führe zum Abblocken. Hier heißt es, sensibel zu balancieren. Den Schüler als Person anzunehmen, seine Meinung aber zu hinterfragen, die Beweggründe zur Diskussion zu stellen. Denn rechtsextremes Verhalten basiere nicht immer auf fehlendem Wissen. Die ­Gründe, so May, sind häufig im sozialen Umfeld zu suchen.

Das Lehrkonzept soll nach dem Sommersemester fortgeführt werden. „Vielleicht kann es auch ausgeweitet werden“, blickt May voraus.

HINTERGRUND
„Taktvoll“ bezieht sich auf den pädagogischen Ansatz von Johann Friedrich Herbart (1776 - 1841). Der Pädagoge und Psychologe hatte „taktvolles Handeln“ der Lehrer im Umgang mit den Schülern angemahnt. Gemeint ist damit, dass es keine Rezepte pädagogischen Handelns geben kann, sondern immer die konkrete Unterrichtssituation beachtet werden muss.
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