Karl Marx’ Doktortitel kam aus Jena – Er promovierte vor 175 Jahren, ohne in der Stadt gewesen zu sein

Vor 175 Jahren – am 15. April 1841 – promovierte Karl Marx in Jena, ohne jemals in der Stadt gewesen zu sein. (Foto: Quelle: Friedrich-Ebert-Stiftung)
 
Privatdozent Dr. Stefan Gerber (Foto: Privatdozent Dr. Stefan Gerber. Foto: Anne Günther/FSU)
Jena: Fürstengraben |

Goethe und Schiller, Zeiss und Abbe: Diese Namen stehen für Jena. Hier haben sie ihre Spuren hinterlassen – durch ihr Wirken in und für die Saalestadt. Umgekehrt verhält es sich mit einer anderen Geistesgröße: Karl Marx. Der Jenaer Universität verdankt er seinen Doktortitel, ohne jemals in die Stadt kommen zu müssen. Über die Umstände der Marxschen Promotion vor 175 Jahren – im April 1841 – sprach AA-Redakteurin mit Privatdozent Dr. Andreas Gerber vom Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität.

Dr. Gerber, gibt es heute überhaupt noch die Möglichkeit, in Abwesenheit zu promovieren?
Nein, das geht heute nicht mehr

Wie kamen Marx und Jena zusammen? Er hat doch in Bonn und später in Berlin studiert.
Wahrscheinlich hatte Marx in Jena Bekannte, die zwischen ihm und der Universität vermittelt haben. Die Universität war bekannt dafür, dass man hier in absentia promovieren konnte. Es wurden in großer Anzahl Promotionsschriften auswärtiger Studenten angenommen. Zudem durfte man hier seine Promotionsschrift unter Umständen in deutscher Sprache statt in Latein abfassen. Auch das könnte ausschlaggebend gewesen sein.

Warum wurden so viele Absenzpromotionen angenommen?
Die Jenaer Universität war eher klein, die Gehälter im Vergleich zu großen Universitäten nicht üppig. Professoren, Fakultätsmitglieder und Angestellte der Uni haben durch die Promotionsgebühren ihr Einkommen gern aufgebessert.

Wurden die Doktortitel demnach verkauft?
Nein. Eine Promotion in Abwesenheit sagt nichts über deren Qualität aus. Die Arbeiten wurden nicht durchgewunken. Auch in Jena konnte man den Doktorgrad nur dann erlangen, wenn der eingereichte Text wissenschaftlichen Bestand hatte.

Heute werden Promotionen mit Prädikaten ähnlich wie Schulnoten bewertet. Welche Zensur bekam Marx?
Diese Art der Bewertung gab es damals noch nicht. Promotionsschriften wurden eingereicht und dann innerhalb der Fakultät bewertet. Die Arbeit von Marx schätzte man als sehr gute wissenschaftliche Leistung ein, die ausreichend war für eine Promotion.

Welche Voraussetzungen musste man damals mitbringen, um promovieren zu können?
Der Student musste nachweisen, dass er ein Studium abgeschlossen hatte. Es war eine Doktorarbeit zu verfassen, handgeschrieben oder gedruckt. Und natürlich waren die notwenigen Gebühren zu entrichten.

Wie viel hat Marx der Doktortitel gekostet?
12 preußische Goldtaler. Das war nicht unerheblich. Das Geld wurde unter den Fakultätsmitgliedern, Bediensteten und dem Dekan aufgeteilt. Alle hatten ein Interesse an den Promovierenden von außerhalb.

Kann man die Promotionsschrift heute noch lesen?
Ja, natürlich. Sie ist in den Marx-Engels-Gesamtausgaben veröffentlicht. Zudem gibt es eine Einzelausgabe als Nachdruck. Leider ist das Original aber verschollen.

Wie konnte das passieren?
Der Promotionsvorgang und alle dazu notwendigen Unterlagen befanden sich in einer Akte der Jenaer Universität. Die Papiere wurden aber herausgetrennt und durch Kopien ersetzt. Die Originale gingen nach dem Zweiten Weltkrieg als Geschenk an das Marx-Engels-Lenin Institut nach Moskau.

Können Sie das Thema der Marxschen Promotionsschrift kurz skizzieren?
Er beschäftigt sich mit den beiden griechischen Philosophen Demokrit und Epikur. Marx stellt deren Thesen in Bezug zu aktuellen Fragen des 19. Jahrhunderts. Er betreibt Religionskritik, denn Religion ist für ihn der Versuch der Herrschenden, die Herrschaftsverhältnisse zu kaschieren.

Was bewog Karl Marx damals, einen Doktortitel anzustreben?
Er wollte nach seiner Studienzeit in Berlin nach Bonn zurückkehren, wo er seine Ausbildung begonnen hatte, um Hochschullehrer zu werden. Er strebte eine wissenschaftliche Karriere an. Dafür war ein Doktortitel Grundvoraussetzung.

Was wurde aus diesem Wunsch?
Es ergab sich keine Chance für Marx, in den Wissenschaftsbetrieb einzusteigen. Schnell wendet er sich deshalb dem Journalismus zu und wird später Chefredakteur der Neuen Rheinischen Zeitung.

Wie bewerten Sie Jenas Stellung in der Biografie von Karl Marx?
Zu DDR-Zeiten wollte man Jena gern als Marx-Ort präsentieren. Davon zeugte auch die große Marx-Büste vor dem Unihauptgebäude, die später entfernt wurde. Aber Jena war eben nur der Promotionsort. Die Angelegenheit war damals sehr schnell über die Bühne gegangen, ohne dass Marx überhaupt in der Stadt erscheinen musste. Natürlich gab es nach der Wende erst einmal das Bedürfnis sich zu distanzieren. Das Verhältnis hat sich inzwischen aber relativiert. Vor fünf Jahren gab es sogar eine Ausstellung an der Uni zur Promotion von Karl Marx. Schließlich ist er ein wichtiger Philosoph des 19. Jahrhunderts, auch wenn seine Schriften heute nicht mehr dogmatisch ausgelegt werden.
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