Schulnetz nach dem Motto: Den Vorhang zu und alle Fragen offen!

Die Jenaer Wirtschaftsschule hat eine lange Tradition in diesem Haus im Stadtzentrum und wurde erst kürzlich für die Bedürfnisse einer modernen kaufmännischen Aus- und Fortbildung saniert.
Jena: Stoyschule | Der Schulleiter der Karl-Volkmar-Stoyschule, Richard Brömel, äußert sich wie folgt zur Schulnetzdiskussion:

Unter den Titeln „Paradiesschule wird Gymnasium“ und „Ein Joker – egal, wie der Hase läuft“ veröffentlichten Ostthüringer Zeitung und Thüringische Landeszeitung am 21.07.2012 Standpunkte des Dezernenten für Familie und Soziales unserer Stadt zur Schulnetzplanung, die offenbar im Schulnetzausschuss des Stadtrates eine Mehrheit gefunden haben.
Die Artikel können auf Grund der falschen Darstellungen nicht unkommentiert bleiben. Sprache ist verräterisch. Deshalb vielen Dank an den Autor Thomas Stridde, dass Bürgermeister Schenker häufig wörtlich zitiert wurde.
Der Leser sollte erfahren, was der Dezernent damit umschreibt, dass es bei der Netzplan-Diskussion „ein bissel Gerangel gibt.“ Er meint wohl die Stellungnahmen der Industrie- und Handelskammer Ostthüringen sowie des Bundesverbandes der mittelständigen Wirtschaft, die in keiner Weise im Beschlussentwurf Berücksichtigung fanden, obwohl die Thüringer Kommunalordnung „insbesondere die harmonische Gestaltung der Gemeindeentwicklung unter Beachtung ... der Belange von Wirtschaft und Gewerbe“ verlangt. Die Vertretungen der ausbildenden und Gewerbesteuer zahlenden Unternehmen werden ignoriert.
Die Thüringer Kommunalordnung fordert, „die örtlichen Angelegenheiten ... zur Förderung des Wohls ihrer Einwohner zu verwalten.“ Kreis- und Landeselternsprecher der berufsbildenden Schulen sowie die Landesschülervertretung haben sich klar positioniert – die Stadtverwaltung ignoriert und wertschätzt die Bedenken demokratisch gewählter Interessenvertreter als „ein bissel Gerangel“.
Wie bemerkten kürzlich einige Ortsteilbürgermeister: Die Stadtverwaltung hat immer Recht.
„Rein wirtschaftlich spricht alles für den Umzug der Stoy-Schule.“ - so Herr Schenker. Dieser Aussage liegt leider eine Datenbasis wider besseren Wissens und keine seriöse Folgenabschätzung zu Grunde. Das allerdings ist kein neues Phänomen. Abbau von Schulplatzkapazität zur Verwirklichung kurzfristiger Intentionen der Stadtverwaltung und deren späterer Wiederaufbau für Millionenbeträge hat eine gewisse Tradition in Jena. Der Wegfall von ca. 1200 beruflichen Schulplätzen durch Umnutzung des Gebäudes in der Paradiesstraße wird sich in wenigen Jahren nur auf zwei Wegen ausgleichen lassen. Wenn die Stadt Jena zur Fachkräftesicherung der Jenaer Unternehmen beitragen will, baut sie wie bei Grundschulen und Gymnasien ein neues Schulgebäude und damit die Kapazität wieder auf oder sie verabschiedet sich von dem Ziel, durch Aus- und Fortbildung die Jenaer Unternehmen zu unterstützen. Beides wird sehr teuer werden! Die Frage, weshalb in Jena die vergangenen 100 Jahre Konsens über die Notwendigkeit einer spezialisierten Wirtschaftsschule im Stadtzentrum bestand, scheint sich die momentane Stadtverwaltung nicht zu stellen. Die Antworten könnten die Planung in Frage stellen.
Wer übernimmt in Jena für den ökonomischen Wahnsinn, gerade für Millionen Euro nutzergerecht sanierte Schulgebäude erneut für Millionenbeträge umzubauen, eigentlich die Verantwortung? Baute oder sanierte man in der Vergangenheit Schulgebäude, so sollten sie über Jahrzehnte ihren Zweck erfüllen. Seit 2005 ist die Mindesthaltbarkeitsdauer auf wenige Jahre oder gar Monate reduziert. Die Bauendabnahme der Karl-Volkmar-Stoy-Schule fand am 20. März 2012 statt, den erneuten Umbau möchte die Stadtverwaltung am 10. Oktober 2012 vom Stadtrat beschlossen wissen.
Das der Sachverstand der Schulleiter ausgeblendet wird, zeigt sich unter anderem in der Nichtberücksichtigung plausibler Schülerzahlprognosen, nicht nachvollziehbarer Angaben zu sogenannten unterfrequentierten Klassen und der Verweigerung, Lösungen für die Infrastrukturprobleme am Standort Göschwitz aufzuzeigen. Wider besseren Wissens wird suggeriert, dass für eine berufsbildende Schule die Formel „2500 Schüler – 1000 anwesend“ gelte, die Lage sei „zumutbar“ – ein neuer Maßstab in Jenas Schulentwicklung. Realität und Erfahrung lassen im Fall einer Fusion mittelfristig „3000 Schüler – 2000 anwesend“ und langfristig eher „4000 Schüler – 2500 anwesend“ erwarten. Dass „Jenas Berufsschüler ... zu 60 % Gäste aus den Nachbarkreisen sind“ wird wohl als gönnerhafter Luxus der Stadt angesehen, ist aber Folge der prosperierenden Wirschaft , der ohne diesen Zustrom Wachstumschancen genommen und der Stadt Steuereinnahmen entgehen würden.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Auswirkungen der Überschreitung einer „optimalen“ Schulgröße werden ebenso wie alle qualitativen Aspekte vollständig vernachlässigt, obwohl diese der Stadtverwaltung zugänglich gemacht wurden.
Der Dezernent wird im oben genannten Artikel zum Schulstandort Burgau zitiert: „Burgau hätte nur den Vorteil, dass es dort eine Straßenbahnhaltestelle gibt.“ Am 18. Juni diesen Jahres wurde der Stadtverwaltung durch mich eine stichpunktartige Vorteils-Nachteils-Abwägung übergeben, die u. a. darauf hinweist, dass am Standort Burgau im Gegensatz zur Immobilie Paradiesstr. 5 die Schulbauempfehlungen des Freistaates für allgemein bildende Schulen und die Arbeitshilfen der Kultusministerkonferenz zum Schulbau eingehalten werden könnten, dass lehrplangerechter Sport- und naturwissenschaftlicher Unterricht möglich wäre, dass Sportanlagen und Freiflächen vorhanden sind und ein Schwimmbad fußläufig erreichbar ist, dass der Umbau nicht während des Schulbetriebes erfolgen müsste, dass der Schulweg und ggf. eine Evakuierung ohne Überquerung einer Hauptstraße möglich ist. Kurz, der Standort Burgau sollte nicht suggestiv schlecht geredet werden!
Die Schulnetzplanung bezüglich eines Gymnasiums am Standort Paradiesstraße kann man mit Bertold Brecht wohl so kommentieren: Den Vorhang zu und alle Fragen offen!

Richard Brömel
Jenaer Bürger und Schulleiter
der Karl-Volkmar-Stoy-Schule
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