Soziale Angst - Was passiert im Gehirn?

Prof. Miltner erforscht mit seinem Team die Vorgänge, die bei Sozialer Angst direkt im Gehirn eines Menschen ablaufen. Foto: Hausdörfer
JENA. Etwa jeder achte Mensch in Deutschland, so schätzen die Experten, leidet an Sozialer Angst. Die Betroffenen befürchten, sich in der Öffentlichkeit zu blamieren, Fehler zu machen und als ungeschickt oder gar unfähig abgestempelt zu werden. Dies hat oft gravierende Auswirkungen auf den Lebensalltag und die Persönlichkeitsentwicklung. Eine Studie des Instituts für Psychologie der Jenaer Uni und der Uni Münster, für die zurzeit Probanden mit Sozialer Angst gesucht werden, soll Erkenntnisse darüber erbringen, welche Hirnvorgänge für Soziale Angst besonders bedeutsam sind. AA-Redakteur Bernd Hausdörfer sprach über dieses Thema mit Prof. Dr. Wolfgang Miltner, dem Leiter der Studie.

AA: Was versteht man unter sozialer Angst?

Miltner: Die Soziale Angst hat ganz unterschiedliche Facetten. Sie äußert sich zum Beispiel so, dass Menschen ganz fürchterlich ins Stottern kommen, wenn sie vor jemanden, der Autorität hat, etwas sagen oder vortragen sollen. Oder wenn sie im Freundeskreis etwas über ihr Leben erzählen sollen. Wir nennen das Redeangst. Eine andere Soziale Angst ist, dass sich Menschen in der Öffentlichkeit immer ganz am Rande des Geschehens bewegen. Das sind, wenn man so will, die Randfiguren bei Partys. Ich erinnere mich an einen Patienten, der konnte in der Mensa nicht essen, weil er Angst hatte, sich mit dem Löffel zu bekleckern. Er hatte also Angst, in der Öffentlichkeit eine bestimmte Verhaltensweise zu zeigen. Ein weiteres Beispiel ist: Ein junger Mann oder eine junge Frau trauen sich nicht, jemanden, den sie sehr anziehend finden, auch anzusprechen. All das sind Varianten der Sozialen Angst.
Der Kern dieser Verhaltensweisen sind immer die Ängste, von anderen Menschen abgewiesen, ausgelacht, diskreditiert, persönlich abgewertet oder beleidigt zu werden.

AA: Wo ist zum Beispiel bei der Kontaktaufnahme zu einem möglichen Partner die Grenze zur Schüchternheit?

Miltner: Schüchternheit ist eine Vorstufe der sozialen Angst, die aber noch nicht gravierend in das Leben eingreift. Es besteht noch die Fähigkeit, die Schüchternheit irgendwann zu überwinden. Jemand der mehr als schüchtern ist, würde den Schritt, jemanden anzusprechen, nicht wagen, es einfach sein lassen. Dann kippt die Schüchternheit in soziale Ängstlichkeit und die Ziele werden aufgegeben.

AA: Wo liegen Ansätze für eine erfolgreiche Therapie der Sozialen Angst?

Miltner: Hier spielen viele Faktoren eine Rolle. So muss untersucht werden, ob Verhaltensdefizite vorliegen. Das heißt, der Mensch weiß nicht, wie er sich in einer konkreten Situation zu verhalten hat. Es kann sein, dass eine falsche Bewertung von Einwänden anderer Personen vorgenommen wird - so genannte Denk- und Interpretationsfehler. Die Therapie nimmt sich solchen Aspekten an und fragt dann: Kann er keine Rede halten? Dann muss man dem Menschen beibringen, wie man das macht. Oder: Hat er nicht genügend Wissen darüber und ist deshalb überfordert. Dann muss er lernen zu sagen, nein, das kann ich nicht. Und so weiter.

AA: Mit der jetzt anlaufenden Studie sollen ganz neue Erkenntnisse gewonnen werden...

Miltner: Die Psychologen sind schon lange daran interessiert, die Ursachen zu ermitteln, warum Menschen vor bestimmten Objekten oder Situationen schwere Ängste haben. Bisher war man dabei zumeist auf das Verhalten fokussiert. In der neuen Studie untersuchen wir, wie sich Soziale Angst auf die Informationsverarbeitung direkt im Gehirn auswirkt, also welche Hirnvorgänge für Soziale Angst besonders wichtig sind und ob eine Therapie auch Strukturen im Gehirn verändert. Die Ergebnisse könnten dazu beitragen, die Wirksamkeit von Therapien exakter zu beurteilen bzw. schon während der Therapie zu kontrollieren.

AA: Was erwartet die Probanden?

Miltner: Zunächst ein Gespräch und eine einstündige MRT-Untersuchung der Gehirnaktivitäten, während typische Angstsituationen simuliert werden. Wenn eine Therapie vermittelt wird, erfolgt nach deren Abschluss eine Wiederholung der Untersuchung.

Anmeldung und Infos:
Interessierte können sich an der Uni unter Tel. 03641/945140 (Mo-Fr 9-11 Uhr) oder per Mail unter sindy.vent@uni-jena.de melden. Alle Probanden erhalten eine Aufwandsentschädigung.
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