Steckt die Soziale Arbeit in der Krise?

Das Jugenkulturzentrum Pumpe e.V. war der Veranstaltungsort für die Tagung zur Kritischen Sozialarbeit. Organisiert wurde sie unter anderem von der Jenaer FH-Professorin Mechthild Seithe.
Berlin: Pumpe e.V. | Aus der Dienstleistungsperspektive gesehen steht die Branche Soziale Arbeit gut da. Kindergartenbetreuung, Jugendsozialarbeit, Hartz-IV-Beratung, Behindertenarbeit sind nur Ausschnitte aus dem weiter wachsenden Produktspektrum. Die Zielgruppe vergrößert sich, die Fallzahlen wachsen. Trotzdem herrscht Krisenstimmung: 160 Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen waren am 17. und 18. Juni aus Deutschland und Österreich nach Berlin gereist, um über den Zustand ihrer Profession zu diskutieren.

Keiner hat so einen tiefen Einblick in die Befindlichkeiten der Gesellschaft wie die Sozialarbeiter. Zu ihren Klienten gehören Obdachlose genauso wie reiche Geschäftsleute. Während die selbständigen Familienberater sich der Probleme der gutsituierten Bürger annehmen und auch von diesen bezahlt werden, sind ihre Kollegen, die in staatlichen oder freien Einrichtungen arbeiten, darauf angewiesen, dass die Fördergelder für ihre Dienstleistungen aus Steuergeldern finanziert werden.
Knappe Ressourcen bei wachsendem Bedarf, das ruft Betriebswirtschaftler auf den Plan. In den vergangenen Jahren hat man versucht, die Sozialarbeit zu professionalisieren. Messbare Erfolge sollten zu mehr Effektivität führen.

Kann man Soziale Arbeit managen wie eine Schraubenfabrik?
In der Schraubenfabrik wie in jedem anderen Unternehmen würde man darauf schauen, welche Produkte den größten Gewinn versprechen. In der Sozialen Arbeit stellt sich die Frage, wie kann man mit den verfügbaren Mitteln möglichst vielen helfen. Ist es nicht sinnvoll mehr Kraft und damit Geld in Klienten zu investieren, die aktiv an der Lösung ihrer Probleme mitarbeiten und damit versprechen, bald wieder ohne Hilfe ein funktionierendes und wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu werden? In der Medizin insbesondere bei Notfalleinsätzen würde man diese Haltung als menschenverachtend bewerten, weil das ja bedeuten würde, an die Schwerverletzten, die kaum eine Überlebenschance haben und vielleicht mit schweren Behinderungen davon kommen, besser keine Ressourcen zu verschwenden.
Bei der sozialen Arbeit scheint sich die Gesellschaft noch nicht auf derartige Standards verständigt zu haben.

Die Beschäftigen in der sozialen Arbeit beklagen, dass ihre Einrichtungen von Ökonomen geführt werden, Fachfremde die maßgeblichen Entscheidungen treffen, wer gefördert wird und wer nicht. Die Sozialarbeiter sind angehalten, umfangreiche Dokumentationen zu erstellen, die Entscheidungen sollen transparent und nachvollziehbar sein. Die Ökonomen basteln an der Produktionstrecke, standardisieren Produkt und Herstellungsprozess und hoffen auf die laut Lehrbuch einhergehende Optimierung und Effizienz. Sie vergessen, dass die Klienten weder standardisierte Schrauben brauchen noch welche sind.

Wer entscheidet, wann soziale Arbeit erfolgreich ist?
Spontan würde man sagen, soziale Arbeit war erfolgreich, wenn jemanden geholfen wurde. Aber wer entscheidet das - der Klient oder der Sozialarbeiter, der Leiter der Einrichtung oder die Öffentlichkeit – oder alle zusammen? Die Perspektiven und Kriterien sind unterschiedlich und damit auch die Bewertungsergebnisse.
Gleichwohl lässt sich erkennen, wenn das Ziel, jemanden zu helfen, nicht mehr erreicht wird: Wenn sich wegen befristeter Arbeitsbedingungen keine langfristigen Beziehungen zu den Klienten aufbauen lassen, wenn Kindergartenkinder nicht mehr eine feste Bezugsperson haben, wenn Gruppen immer wieder neu zusammengestellt werden müssen, weil sie wegen der Einzelpersonenabrechnung sonst nicht finanziert sind, wenn umfangreiche Dokumentationen kaum noch Zeit für die Klienten übrig lassen.

Wie sieht es in Thüringen aus?
Wo sind in Thüringen die Rahmenbedingungen für Soziale Arbeit sinnvoll und wo wurde der falsche Kurs eingeschlagen? Diskutieren Sie mit oder schreiben Sie eigene Erfahrungsberichte.

Weitere Informationen zur Tagung „aufstehen – widersprechen – einmischen“
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11 Kommentare
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Regina Pfeiler (aus Gera) aus Gera | 24.06.2011 | 05:45  
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 24.06.2011 | 07:19  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 24.06.2011 | 11:50  
256
Grit Löwe aus Gera | 24.06.2011 | 13:50  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 27.06.2011 | 18:38  
13.458
Uwe Zerbst aus Gotha | 30.06.2011 | 21:53  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 01.07.2011 | 14:25  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 01.07.2011 | 17:57  
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 02.07.2011 | 00:55  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 02.07.2011 | 09:41  
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Hannelore Grünler aus Artern | 03.07.2011 | 01:31  
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