Wer denkt an die Opfer?

Monika Prager leitet die Außenstelle des Weißen Rings in Jena.
JENA. Im Jahr 1976 gründete Eduard Zimmermann, der „Vater“ der ZDF-Reihe „Aktenzeichen XY...ungelöst“, mit Gleichgesinnten in Mainz den gemeinnützigen Verein „Weißer Ring“. Im kommenden Jahr feiert die Hilfsorganisation für Opfer von Straftaten in Thüringen und auch in Jena ihr 20-jähriges Bestehen. Der AA sprach mit Monika Prager, seit 2008 Leiterin der Jenaer Außenstelle.

Was ist der Weiße Ring?

Monika Prager: Die Frage „Wenn alle den Verbrecher jagen, wer denkt dann eigentlich an das Opfer?“ war ausschlaggebend für die Gründung unseres Vereins mit heute rund 60.000 Mitgliedern. Rund 3000 ehrenamtliche Mitarbeiter – in Jena sind es zehn - stehen in bundesweit 420 Außenstellen den Kriminalitätsopfern mit Rat und Tat zur Seite.

Wie erfolgt die Kontaktaufnahme?

Monika Prager: Für unsere Außenstellen gibt es keine Büros. Der Kontakt kommt zumeist telefonisch zustande, seltener schriftlich oder per E-Mail. Wichtig dabei ist, das wir nicht selbst aktiv suchen können, sondern die Initiative stets von den Opfern bzw. Angehörigen ausgehen muss. Dann vereinbaren wir ein Gespräch, bei den Opfer zu Hause oder auf Wunsch auch an einem neutralen Ort.

Wie kann geholfen werden?

Monika Prager: Wichtig ist für viele erst einmal das Gespräch mit menschlichem Beistand und einer Beratung darüber, was man machen kann. Wir begleiten auch zu Gerichtsterminen, geben Unterstützung beim Umgang mit Behörden und vermitteln die Hilfe von anderen Organisationen. Bei materiellen Notlagen nach Straftaten helfen wir direkt finanziell oder durch Hilfeschecks, zum Beispiel für anwaltliche oder psychotraumatologische Erstberatungen. Neu ist ein Untersuchungsscheck zur rechtsmedizinischen Beweissicherung, ohne dass vorher zwingend Strafanzeige gestellt wurde. Opfer, die, zum Beispiel bei Straftaten im familiären Umfeld, noch nicht bereit sind, Anzeige zu erstatten, können dann auch noch später auf diese Beweise zurückgreifen.

Was sind in Jena die häufigsten Delikte und welche Unterstützung wurde gewährt?

Monika Prager: An der Spitze steht häusliche Gewalt, gefolgt von sexuellen Missbrauch und Körperverletzung. Im letzten Jahr konnten wir in insgesamt 57 Fällen helfen. Es wurden knapp 7.000 Euro an Opfer- und Soforthilfe sowie 26 Beratungsschecks ausgegeben.

Gibt es Fälle, die Sie besonders bedrücken?

Monika Prager: Wenn Opfer, die in ihrer Jugend von sexuellen Missbrauch betroffen waren, so lange, lange brauchen, bis sie die notwendige Hilfe erhalten. Das tut weh! Ich denke hier an das Schicksal einer jungen Frau, die in ihrer Kindheit neun Jahre lang missbraucht wurde und dann, als der verurteilte Täter aus der Haft entlassen wurde, psychologische Hilfe suchte. Keiner hat geholfen, keine Krankenkasse, sie kämpft jetzt immer noch.

Was möchten Sie Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind, besonders ans Herz legen?

Monika Prager: Wichtig ist, dass Betroffene, die aufgrund eines vorsätzlichen, rechtswidrigen tätlichen Angriffs eine gesundheitliche Schädigung erlitten haben, wissen, dass sie ein Recht auf staatliche Zuwendungen durch das Opferentschädigungsgesetz haben. Der Leitgedanke des Gesetzes ist: Wenn es dem Staat nicht möglich ist, seine Bürger ausreichend vor Straftaten zu schützen, so muss er sich wenigstens ausreichend um die Opfer kümmern. Dazu ist eine Antragstellung erforderlich, die möglichst im ersten Jahr nach der Straftat erfolgen sollte. Bei den Formalitäten steht der Weiße Ring natürlich auch gerne den Opfern hilfreich zur Seite.

Kontakt und Spenden

Weißer Ring, Außenstelle Jena
Postfach 150117, 07713 Jena
Tel. 03641/222844
Mail: weisser-ring-jena@gmx.de
Spenden: Kto.-Nummer 343434
Deutsche Bank Mainz, BLZ 55070040
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