In der Elektrotechnik sind Studentinnen unter sich: Erstmals Frauenstudiengang in Jena eingeführt

Professor Ralph Ewerth (links) und Professor Oliver Jack haben Studentin Kathrin Müller in ihre Mitte genommen. Sie hat sich für den neuen Frauenstudiengang an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena entschieden.
Jena: Carl-Zeiss-Promenade 2 |

Mit einem Angebot allein für Studentinnen betritt die FH Jena Neuland – nicht nur in Thüringen, sondern auch deutschlandweit. Im Bereich Elektrotechnik/Informationstechnik können junge Frauen in den ersten beiden Semestern bei Übungen und Praktika unter sich bleiben. So will man Vorbehalte abbauen und mehr weibliche Studierende gewinnen.

Ein Rückfall kann auch Fortschritt befördern. So scheint man es an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena zu sehen. Hier wird in diesem Semester erstmals ein Studiengang allein für Frauen angeboten. „Damit betreten wir Neuland“, erklärtRalph Ewerth, Professor für digitale Bildverarbeitung und Medientechnik, der an der Konzeption dieses Angebotes maßgeblich beteiligt war. Neuland nicht nur in Thüringen, sondern auch bundesweit. Im Freistaat hat bisher noch keine Hochschule einen Frauenstudiengang im Programm. Den Bachelorstudiengang Elektrotechnik/Informationstechnik gibt es in ganz Deutschland so kein zweites Mal.

Vorbehalte der Frauen sind meist unbegründet


Ist ein Frauenstudiengang noch zeitgemäß? Professor Ewerth und Professor Oliver Jack, Dekan des Fachbereichs Elektrotechnik und Informationstechnik, sehen das eher pragmatisch. Fest stünde, dass sich zu wenige Frauen für einen solchen Studiengang interessieren. Ihr Anteil liege bei etwa fünf Prozent. Oftmals hätten Abiturientinnen Bedenken, ihre männlichen Kommilitonen verfügten über mehr Vorkenntnisse. Entsprechend unsicher sind sie. „Doch das ist in den meisten Fällen unbegründet“, erklärt Professor Ewerth.

Gezielte Förderung ist notwendig


Vielmehr sehen beide Hochschullehrer in dem neuen Angebot eine Chance, Ungleichheit abzubauen. Studien hätten gezeigt, dass immer noch die Jungen in Vorschule und Schule im technischen Bereich mehr gefördert würden. „Doch hier sind unsere Einflussmöglichkeiten mehr als gering“, meint Ewerth. Die Jenaer Hochschule setze also dort an, wo sie etwas bewirken könne: mit einer gezielten Förderung der Frauen.

Damit wolle man nicht nur helfen, Vorbehalte bezüglich der unterschiedlichen Startbedingungen abzubauen. Studieninteressierte würde es oftmals auch abschrecken, in männerdominierten Gruppen zu studieren. Diese Überlegungen seien vor allem in der nicht leicht zu meisternden Zeit des Übergangs von der Schule zur Hochschule ein entscheidendes Kriterium bei der Studienwahl.


Bei den Anforderungen gibt es keine Abstriche


Der Frauenstudiengang ist zeitlich begrenzt. Er erstreckt sich auf die ersten beiden Semester und soll für einen vereinfachten Einstieg sorgen. Abstriche bei den Anforderungen und Lehrinhalten werden aber nicht gemacht. Ewerth betont: „Nur bei den Übungen und Praktika in technischen und mathematischen Grundlagenfächer sind die Frauen unter sich.“ Da beträfe etwa die Hälfe der Lehrveranstaltungen. Zudem wolle man ein Mentorenprogramm aufbauen. Studentinnen aus höheren Semestern werden den Neuen als Ratgeber zur Seite stehen, Absolventinnen sollen ihnen bei der Karriereplanung helfen.

Drei Frauen haben sich für speziell das neue Angebot eingeschrieben. Sieben weitere belegen den „normalen“ Studiengang gemeinsam mit männlichen Kommilitonen. Damit sind beide Professoren vorerst zufrieden. Erst im April habe man begonnen, für das Frauenprogramm zu werben. Mit insgesamt zehn Studienstarterinnen konnte man die Anzahl der weiblichen Studierenden verdoppeln. „Wenn auch nur auf geringem Niveau“, schränkt Jack ein. „Es würde uns freuen“, wagt Ewerth einen Blick in die Zukunft, „wenn später einmal die Hälfte aller Studierenden in unserem Fachbereich weiblich sind.“ So sei es heute schon in der Mathematik. „Dann bräuchte man auch nicht mehr über Frauenstudiengänge zu diskutieren.“

Frauenstudiegang gut angelaufen


Die ersten Studienwochen sind gut angelaufen. Das ist auch der Eindruck von Professor Jack. Er leitet die Frauen-Übungsgruppe „Grundlagen der Programmierung. „Die Studentinnen wirken freier, entspannter. Sonst wirkten sie etwas schüchtern“, zieht Jack ein erstes Resümee. Dem kann sich Kathrin Müller nur anschließen. Sie ist eine der neuen und kommt aus dem hessischen Waldeck. In der „Zeit“ hat die junge Frau vom Jenaer Angebot gelesen. „Ich habe vorher den Beruf der Elektronikerin gelernt“, erzählt die Studentin. Da habe sie gespürt, wie schwer es manchmal sein kann, „allein unter Jungs zu sitzen“. Durchs Frauenstudium hofft sie auf mehr Austausch mit Gleichgesinnten. Und natürlich gefällt es ihr, hier in kleinen Gruppen arbeiten zu können.

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1 Kommentar
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 02.11.2015 | 08:47  
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