Man wird, wer man ist: Till Roenneberg untersucht den Einfluss der inneren Uhr

Ob jemand in der Ausübung seines Berufes den Anforderungen gewachsen ist, scheint entscheidend von seiner inneren Uhr abzuhängen. In dem Buch „Wie wir ticken“ erklärt der Chronobiologe Till Roenneberg in 24 Kapiteln, was die innere Uhr ist und wie sie das Leben der Menschen und anderer Organismen bestimmt.

Eine Fallgeschichte von Roenneberg handelt vom Neurobiologen Skinter, der gleichzeitig ein hervorragender Jazzpianist ist. Abends zu spielen fällt dem schwer, denn normalerweise schläft er um diese Zeit. Skinter ist eine fiktive Figur, zu der Roenneberg durch einen sehr begabten Kollegen angeregt wurde. Dieser habe mit der Neurobiologie die richtige Berufsentscheidung getroffen, weil er sein persönliches Leistungshoch in den frühen Morgenstunden habe und damit für die Arbeiten im OP, die zwischen sechs und sieben Uhr beginnen, geeignet ist.

Die innere Uhr beim Menschen ist laut Roenneberg so individuell wie eine Schuhgröße. Roenneberg, der in München geboren wurde und lange in London am University College und in Amerika in Harvard geforscht hatte und jetzt als Professor in München an der Ludwig-Maximilian-Universität arbeitet, beschäftigt sich seit 25 Jahren mit der Chronobiologie.

Sein Verständnis über die innere Uhr geht weit hinaus über die klassische Einteilung in die sogenannten Lerchen und Eulen, die Früh- und Spätaktiven. 60 Prozent der mitteleuropäischen Bevölkerung haben ihre Schlafmitte an freien Tagen zwischen 3:30 Uhr und 5:30 Uhr. Das heißt, sie würden bei einer angenommenen Schlafdauer von acht Stunden ohne Wecker zwischen 07:30 Uhr und 09:30 aufwachen. Das erklärt schon mal, warum die Mehrheit der Menschen den Eindruck hat, dass Frühaufstehen schwer fällt. Die Mehrheit richtet sich nach einer Minderheit, den extremen Frühtypen.

Kurz- und Langschläfer gibt es übrigens sowohl bei den Lerchen als auch bei den Eulen und darüber hinaus Menschen, deren innere Uhr vom 24 Stunden Rhythmus der Erdumdrehung abweicht und nur durch Sonnenlicht wieder synchronisiert wird. Dass im Osten Deutschlands mehr Menschen früher aufstehen, resultiert laut Roenneberg aus dem früheren Sonnenaufgang und nicht aus den Gewohnheiten in der DDR, wie er anschaulich durch Grafiken beweist.

Als Fachmann wird Roenneberg oft zu Diskussionen eingeladen, wenn es beispielsweise darum geht, ob die Schule morgens später beginnen sollte. Roenneberg plädiert dafür, denn in der Jugendzeit tendierten alle Chronotypen zu Eulen: Das sei biologisch und liege nicht an den Discobesuchen. Ihn wundere, wie emotional die Debatten um das Aufstehen geführt werden. Der Körper verliere, wenn er gegen den eigenen Biorhythmus lebe. Der Hang zum Suchtverhalten nehme zu. Schichtarbeit gilt als krebsfördernd. Die Immunabwehr sei darauf angewiesen, dass jeder zu seiner richtigen Zeit schlafe.

Roenneberg versteht sich als Datenanalyst und setzt auch im Buch auf Fakten, die in ihrer Fülle den Laien schnell überfordern können. Die einstimmenden Fallbeispiele sind auflockernd, durch die Trennung zum Hintergrundbericht wirkt das Ganze jedoch etwas lehrbuchhaft – was es laut Einleitung gerade nicht sein will. Der Komplexität des Themas wird Roenneberg gerecht. Mehr Berichte über seine Erfahrungen, wann und warum seine Daten in der Praxis so wenig Beachtung finden, wären wünschenswert gewesen, denn vieles, was er in dem Buch veröffentlicht hat, ist ihm schon seit Jahrzehnten bekannt.

Till Roenneberg: Wie wir ticken. Die Bedeutung der Chronobiologie für unser Leben. Dumont, 312 Seiten, 19,95 Euro
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5 Kommentare
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Andreas Stricker aus Erfurt | 28.03.2011 | 14:20  
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Antje Hellmann aus Jena | 28.03.2011 | 14:56  
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Antje Hellmann aus Jena | 28.03.2011 | 18:28  
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Hannelore Grünler aus Artern | 28.03.2011 | 19:53  
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Antje Hellmann aus Jena | 28.03.2011 | 21:41  
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