Ominöse Einladung zu Chefinnen-Treffen in Jena

Jena: Jena | Es begann mit einem Kontakt über das Netzwerk Xing. Eine Jenaerin schrieb mich an, ob sie mich als Kontakt hinzufügen könne, sie baue gerade etwas auf und suche Unternehmerinnen aus der Region. Gern, schrieb ich zurück und, sie habe mich neugierig gemacht.

Wenige Tage später rief sie an: Sie veranstalte hier in Jena ein Chefinnen-Treffen und dazu würde sie mich gerne einladen. Warum nicht, dachte ich. Ich hatte gerade ein familienfreies Wochenende und beschloss, spontan zuzusagen – Frauenrunden sind meist amüsant und unterhaltsam. Sie fügte hinzu, ich bekäme dann auch das Buch „Die Chefin“ und ein Willkommensgetränk. Was hat man denn da mit mir vor, denke ich noch, - da schiebt meine neue Kontaktfrau nach, und in den 30 Euro, die ich bezahlen müsste, wäre dann auch noch ein kleines Coaching enthalten. Ich befand mich in einem Verkaufsgespräch, realisierte ich, ohne zu wissen, was ich da eigentlich kaufen würde. Unbehagen stieg in mir auf. Die Verlegerin in mir sagte, was für eine clevere Masche, Bücher los zu werden.

Auf diese Weise hat noch niemand versucht, ein Buch an mich zu verkaufen, entgegne ich ihr. Verwundert über diese Dreistigkeit, die ich gleichzeitig bewunderte, schob ich nach, dass ich Bücher als Journalistin, die Rezensionen schreibt, in der Regel kostenfrei über die Verlage bestelle. Ich sagte auch, dass ich noch nicht einschätzen könne, wer an diesem Abend am Ende wen berät, dass ich auch einiges zu bieten hätte. Mein Gegenüber behielt aber fest das Verkaufsziel im Blick und lies sich nicht auf Verhandlungen ein. Ok, lenkte ich ein, im Bewusstsein einer professionellen Verkaufsmasche aufgesessen zu sein, ich sage zu. Mir war unterdessen eingefallen, dass ich an diesem Tag ursprünglich zu einem Coaching-Seminar an der Leipzig School of Media angemeldet war, das doppelt so viel gekostet hätte, dann aber aus Mangel an Nachfrage ausgefallen war. Ich hatte wieder das Bild von der lustigen Frauenrunde im Kopf und dachte, ach diesen Spaß kann ich mir für 30 Euro doch mal leisten.

Es kam anders. Mir ging es an dem Tag nicht gut und ich sagte ab – auch mit einem Gefühl der Erleichterung. In der Zwischenzeit hatte ich in Erfahrung gebracht, dass das versprochene Buch schon 5 Jahre alt war, man es gebraucht massenhaft für 4 Euro bekam und neu von Fremdanbietern für ungefähr 7 Euro. Nach einiger Zeit rief sie wieder an mit neuen Chefinnen-Treffen im Angebot – alle an Wochenenden, wo ich nicht konnte und irgendwie auch schon nicht mehr wollte. Ich stellte noch mal ein unverbindliches Treffen in Aussicht, wir beide im Café im gegenseitigen Informationsaustausch – aber sie ging nicht darauf ein.

Nun meldete sie sich überraschend wieder – und wollte mich zu einem Broadway-Musical an den Starnberger See einladen. Das sei mit schauspielernden Unternehmern besetzt. Wir kamen darüber ins Gespräch und dann erfuhr ich, dass sie in Jena ein Unternehmerinnenseminar anbieten will, im Oktober solle es losgehen, das würde ein Semester umfassen und einmal die Woche stattfinden. Eine interessante Story, dachte ich und sagte ihr das auch - eine Jenaerin, die viel nach Amerika reist, dort im Bereich Coaching Erfahrungen gesammelt hat und hier jetzt speziell Seminare für Unternehmerinnen anbieten will. Ich hatte schon die Fragen im Kopf, wieso speziell für Frauen, stammt das Konzept aus Amerika, ist das dort erfolgreich, wie haben die Jenaerinnen bisher darauf reagiert? Warum fühlt sie sich dafür berufen, welche Erfahrungen hat sie in ihrem Berufsleben gesammelt und was soll in den Seminaren vermittelt werden? Es keimte erneut der Plan auf, sich am Abend im Anschluss an ein offizielles Chefinnen-Treffen zu verabreden.

Aber bevor wir über ihre Pläne reden würden, müsste ich natürlich dieses Minicoching mit ihr machen und die 30 Euro wären dann fällig. Ich war baff. In mir stieg das Bild eines headsetbewaffneten Erfolgstrainers auf, der auf der Bühne den willigen Zuhörern verkündet: Sie dürfen niemals ihren Geschäftsabschluss aus den Augen verlieren. Ich antwortete, ich brauche kein Coaching – (jedenfalls keins, bei dem ich nicht weiß, wer mich coacht). Ich stecke noch mitten in einer Weiterbildung, und wenn ich meinen Verlag hobbymäßig führe und eher auf Dienstleistungen setze, dann läge das daran, dass ich nicht bereit bin, Kredite aufzunehmen. Das würde sich auch nicht ändern, entgegnete sie, ich würde ja auch nicht wie eine Geschäftsfrau reden, ich würde immer klein bleiben. Die Stimmung zwischen uns wurde schlechter. Ohne das Coaching könne sie mich ja nicht kennenlernen und dann wüsste sie auch gar nicht, wie ich bin und was ich dann über sie schreiben würde. So viel Misstrauen wurde mir noch nie bei einem kostenlosen Angebot entgegengebracht, einen Artikel für die regionale Presse zu schreiben. Jetzt wurde ich richtig misstrauisch. Wo kam diese Angst vor schlechter Berichterstattung her? Waren ihr 30 Euro wirklich wichtiger als ein Kontakt zur regionalen Presse?

Ich begann zu recherchieren. Auf ihrem Xing-Profil war nachzulesen, dass sie unter anderem für diverse bekannte Jenaer Unternehmen tätig war. Die Vielzahl spricht für häufige Jobwechsel – aber da bin ich unvoreingenommen. Peinlich ist dann schon die Schreibweise der „Ingeneurschule“ in ihrem Xing-Profil, die sich auch auf anderen Profilen wiederholt. Ich konnte nicht anders, als ihr das mitzuteilen und mittlerweile hat sie es geändert. Dass ein noch peinlicheres Video sie auf Youtube zeigt, habe ich erst mal für mich behalten. Dort sieht man, wie eine vor sich hingagernde Moderatorin sie zu ihrer Befreiung als Frau und Unternehmerin befragt. Ihre Antworten sind im gleichen gagernden Teenie-Stil, und nicht ein einziger substantieller Satz über das, was sie macht, kommt raus. Nur das alles ganz großartig ist.
Großartig finde ich, dass sie laut Xing-Profil mehrere Jahre Büroleiterin im Deutschen Bundestag war und frage mich, wie das mit den anderen Eindrücken von ihr zusammenpasst oder der Job dort wirklich so anspruchslos ist.

Nach diesem Karriereschritt hat sie das Leben zu einer Unternehmerinnenschule nach Köln geführt, bei der sie 4 Jahre ein High-Performance Leadershiptraining absolviert hat. Offenbar liegt hier die Grundlage für ihre Verhandlungsstrategien am Telefon. Und offenbar will sie hier etwas Ähnliches aufziehen. Die Webseite der Schule, die als GmbH ihren Stammsitz in München hat, wirkt oberflächlich, einen auffällig unseriösen Eindruck macht sie jedoch nicht. Angeblich sollen die Kurse auch von der IHK bezuschusst werden. Allerdings: Nirgendwo steht ein Preis. Zielgruppe sind die 30 bis 40-Jährigen, die sich fragen, was sie jetzt wohl noch aus ihrem Leben machen können und die sich zu einer Selbständigkeit berufen fühlen.

In den Foren sieht es schon anders aus: Da fragt ein Nutzer, ob ihm jemand Auskunft erteilen könne über diese GmbH. Seine Frau sei seit zwei Jahren dabei und wäre nach seiner Wahrnehmung nicht mehr „Herr über sich selbst“. In der Antwort schreibt ihm jemand, dass er die Coaches dieser GmbH als äußerst unprofessionell erlebt habe. Die Teilnahmegebühren seien zu hoch und man arbeite mit zweifelhaften Verkaufsmethoden bis hin zur Manipulation.

Google bietet bei der Eingabe dieser GmbH die Kombinationen mit „Sekte“, „Erfahrungen“, „Scientology“ an, was bedeutet, dass eine beträchtliche Anzahl von Suchern diese Kombinationen eingegeben haben. Ein weiterer Foreneintrag berichtet von monatlichen Seminargebühren in Höhe von 10.000 Euro bei dieser speziellen GmbH. Ein anderer Bericht nennt den Firmennamen in Verbindung mit „Die Abzocker-GmbH“ – dieser Erfahrungsbericht musste allerdings gelöscht werden, kann man dort nur noch lesen, wie auch bei Forenbeiträgen auf weiteren Plattformen. Gegen kritische Berichterstattung geht man vor und die positiven Berichte sind übersichtlich – in Masse befinden sie sich nur auf den firmeneigenen Webseiten.

Eine weitere Spur führt zu einem Coach aus den USA, der Inhaber des Verlages ist, der das Buch „ Die Chefin – der Weg zu eigenen Existenz“ herausgebracht hat. Zu seinen Methoden gibt es ebenfalls kritische Anfragen in Foren – und gelöschte Antworten. Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, die häufig über Sekten- und sektenähnliche Strukturen berichtet, hat unter der Überschrift „Fragwürdige Gruppentrainings“ sich mit den Methoden dieses Coaches auseinandergesetzt, der seine Dienste auch an der Unternehmerinnenschule meiner Telefonwerberin anbietet.

Coachings sind per se nicht schlecht. In der Branche gibt es allerdings einige schwarze Schafe. Und ich bin mir sicher, ich bin einem begegnet.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
20 Kommentare
Jana Scheiding aus Arnstadt | 29.08.2012 | 13:05  
2.250
Ulf Wirrbach aus Gotha | 29.08.2012 | 13:12  
13
Michael Schmidt aus Jena | 29.08.2012 | 13:35  
6.472
Mariett Demirelli aus Erfurt | 29.08.2012 | 15:13  
3.977
Thomas Twarog aus Erfurt | 29.08.2012 | 15:31  
5.691
Petra Seidel aus Weimar | 29.08.2012 | 19:05  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 29.08.2012 | 19:11  
5.081
Joachim Kerst aus Erfurt | 30.08.2012 | 12:41  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 30.08.2012 | 12:48  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 30.08.2012 | 15:47  
13.094
Eberhard :Dürselen aus Weimar | 30.08.2012 | 17:26  
1.536
Constanze Fuchs aus Gotha | 30.08.2012 | 18:54  
7.108
Gabriele Wetzel aus Zeulenroda-Triebes | 30.08.2012 | 21:28  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 31.08.2012 | 00:24  
7.498
Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 31.08.2012 | 00:58  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 31.08.2012 | 01:00  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 28.11.2012 | 23:32  
7.498
Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 28.11.2012 | 23:57  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 29.11.2012 | 00:16  
7.498
Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 29.11.2012 | 00:22  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige