Störrische Modems

Es schien eine zu bewältigende Herausforderung zu sein: „Nein, ich brauche kein neues Modem“, sagte ich zum Techniker einer bekannten deutschen Fernsehkabelfirma, die mich kürzlich aus einer DSL-freien Zone in Jena befreite. Warum etwas Neues kaufen, wenn ein unwesentlich älteres Gerät der gleichen Herstellerfirma seine Dienste wieder aufnehmen könnte? „Sie müssen die Kabel am Modem anders stecken und vielleicht im Menü etwas umstellen“, riet der Techniker noch. Ich schrieb mir nicht mal seine Telefonnummer auf. Meine Prüfung für Netzwerktechnik stand unmittelbar bevor – ein willkommener Praxistest. Da sieht man gleich, ob sich das Studium bezahlt macht.

Erster Installationsversuch: An sich brauche ich das zusätzliche Modem nur, um kabellos ins Internet zu kommen. Die Kabelverbindung funktioniert tadellos und es kostete mich einige Überwindung, diesen Zustand in Gefahr zu bringen. Die Ver- und Entkabelung von IT-Geräten ähnelt häufig einer improvisierten Autoreparatur ohne Hebebühne: Man krabbelt in eine Ecke, es ist dunkel, man sieht nicht, wo was gesteckt ist, weil die Anschlüsse hinten sind. Die Kabel sind zu kurz, um die Geräte vorzuziehen. Meine Fingerspitzen ertasten den Ort, wo das erste Kabel durch ein anderes ersetzt werden soll: Es klemmt. Durchatmen, Konzentration, nicht mit Gewalt, sonst verkantet es noch und bleibt drin stecken – geschafft. Erste Glücksgefühle breiten sich aus.

Als beide Geräte miteinander verbunden sind, muss eins von ihnen resettet werden – auf deutsch ein Neustart. Danach ist möglicherweise nichts mehr so wie vorher. Soll auch so sein, die Geräte müssen lernen sich zu vertragen, doch es kann bedeuten, für unbestimmte Zeit nicht mehr ins Internet zu kommen. Alles läuft tadellos, die Lämpchen blinken vorschriftsmäßig. Jetzt wird das Modem an das Stromnetz angeschlossen. Die Lämpchen blinken dauerhaft heftig und das sollten sie nicht. Ursachenforschung.
In einschlägigen Foren stelle ich erleichtert fest, dass auch andere Leute ihren Altgeräten noch eine Chance geben wollten und mein Fall detailliert beschrieben wurde. Ich folge der Anleitung, stelle im Menü des Modems im Expertenmodus ein, dass der Interneteingang jetzt an einer anderen Stelle zu erfolgen hat. Und wegen so einem simplen Häckchen kaufen sich andere Menschen ein neues Gerät. Ich wiederhole die Anschluss- und Reset-Prozedur und siehe da, ich bin drin. Allerdings nur kabellos und ganz langsam im W-LAN. Die neue Kabelverbindung scheint ignoriert zu werden und die Benutzeroberfläche ist für weitere Konfigurationen nicht erreichbar. Ein bekanntes Problem, wie mir ein weiterer Bericht im Internet beweißt (ich habe noch einen UMTS-Stick) , aber eine Lösung wird nicht angeboten. Ich ziehe alle Kabel raus, stelle den ursprünglichen Zustand wieder her und bete. Glück gehabt.

In meiner Seminargruppe schildere ich der Dozentin den Fall und sie rät, auch das alte Modem zu resetten, da es noch mit den alten Benutzereinstellungen arbeitet. Wie konnte ich nur so etwas Naheliegendes übersehen?
Zweiter Installationsversuch: Das Modem hat keinen Reset-Knopf. Ich befrage die Fachliteratur und jemand schlägt vor, ein analoges Telefon an das Modem anzuschließen und eine Nummernreihenfolge mit Raute- und Sternchentaste einzugeben. Ich schließe mit ISDN-Telefon an und fühle mich wie Sydney Bristow in der Agentenserie Alias, die eben bei einem Einbruch gerade mal improvisieren muss. Es klappt auch mit dem ISDN-Telefon – das Modem resettet, aber die Kabelverbindung geht trotzdem nicht.
Ich ignoriere den Fall einige Tage. Mein Blick schweift über den Farblaserdrucker, dessen Papiereinzug zum Russischen Roulette geworden ist, und der Ausdruck erst dann klappt, wenn ich im Geiste schon über die Entsorgung nachgedacht habe. Ich sehe auf dem Schreibtisch meine erste Digitalkamera, die nur noch geht, wenn ich fest auf das Batteriefach drücke. Sind die neuen Batterien zu kurz oder ist eine Feder ausgeleiert? Soll ich es noch mal mit neuen Batterien versuchen?

Ich rufe bei dem Service des Fernsehkabelbetreibers an und sage: „Ich habe es mir überlegt, ich will doch das neue Modem dazubestellen.“ Der Preis hat sich verdoppelt. Auf meine Frage hin, ob das jetzt die Strafgebühr sei, weil ich nicht gleich das Modem dazu bestellt habe, sagt der Servicemitarbeiter, die Anbieterpreise hätten sich zwischenzeitlich erhöht und umsonst bekommen das Modem nur Neukunden innerhalb der derzeitigen Promo-Aktion und Neukunde sei ich ja nicht mehr. Ich bestelle.

Die überaus schnelle Lieferung bringt meinen Tagesplan durcheinander, aber ich muss ja checken, ob das neue Gerät funktioniert. Anschließen, Resetten, Lämpchen beobachten. Das W-LAN-Lämpchen beruhigt sich nicht, ich rufe die Technik an. Der Mann am Telefon sagt, da könne er gar nichts machen, das Gerät müsse erst im System registriert werden, sonst sähe er nicht, was damit los wäre. Er verbindet mich mit einer Mitarbeiterin, die für diese Registrierungen zuständig ist und die davon noch nie etwas gehört hat. Sie fragt im Raum nach, was zu tun sei und verbindet mich zurück mit einem Techniker. Währenddessen lese ich weiter in der Bedienungsanleitung, dass bei diesem Modem erst mal nur das Power-Lämpchen stabil leuchten muss. „Der Fall hat sich erledigt“, sage ich dem Techniker und lasse mich noch beraten, mit welchen Stecker oder Adapter ich das analoge Telefon meines Mitbewohners und mein Faxgerät an das Modem anschließe, ein Schritt den ich erst später austesten wollte, aber die alten Anschlüsse werden in Kürze inaktiviert, hatte ich in der Bedienungsanleitung gelesen. Ich starte einen Testanruf und sowohl Telefon als auch Faxgerät reagieren darauf. Das soll natürlich nicht so sein.

Ich erinnerte mich an die Existenz einer Bedienungsoberfläche, eines Menüs, mit dem man das Modem mittels Computer steuern kann. Die Kabelverbindung klappt nicht nur bis zum Modem sondern auch bis ins Internet. Das Telefon und das Faxgerät sind schnell eingerichtet. Ausgangsposition – jetzt fehlt nur das kabellose Surfen.

Nach unzähligen Versuchen, gebe ich es auf, eine kabellose Verbindung zum Modem herzustellen und rufe die Technikhotline an, die mir erklärt, dass dazu die besondere Abteilung der PC-Technik zuständig ist, die leider kostenpflichtig sei. Fast drei Euro die Minute aus dem Handynetz. Ich bedauere, nicht mit dem analogen Telefon meines Mitbewohners telefonieren zu können, weil es an ein Kabel gebunden mir nicht genügend Freiraum gegeben hätte, um die Anweisungen des Spezialisten abwechselnd in beiden gegenüberliegenden Zimmerecken zu befolgen. Durch den Fernsehkabelanschluss in der Wand vorbestimmt, hatte das Modem seinen natürlichen Platz nicht in unmittelbarer Nähe des Computers finden können. Dass dieser räumliche Abstand ein leicht zu lösendes Problem gewesen wäre, wurde mir bewusst, als der Techniker mich fragte, ob ich noch einen zweiten Computer (Laptop) hätte, den ich testweise mit dem Modem verbinden könnte, weil minutenlange Versuche am ersten Gerät nicht zum gewünschten Erfolg geführt hatten. Das mehrmalige Resetten sämtlicher beteiligter Gerätschaften hätte allerdings auch die preisgünstigere Telefonverbindung zusammenbrechen lassen.

Der Techniker machte mir Hoffnung: Sollte er feststellen, dass auch ein anderer Computer und andere Kabel das Modem nicht zur kabellosen Mitarbeit bewegen, könne er nur schlussfolgern, dass es kaputt sei und ausgetauscht werden muss. In diesem Falle könne ich mit dem Kundenservice dann verhandeln, ob ich für die zu erwartende Telefonrechnung eine Gutschrift erhalten könnte. Schließlich hätte ich bei einem funktionierenden Gerät nicht anrufen müssen oder das Problem wäre schneller gelöst worden. Das hat er dann auch in seinen Bericht reingeschrieben und mich an den Kundenservice weiterverwiesen, dem ich nun berichten sollte, dass ich ein Austauschgerät benötige. Der Kundenservice empfahl mir, eine Mail mit einer Beschwerde samt Gutschriftenwunsch zu verfassen und gab mir eine Telefonnummer von der Firma, die für den Handel mit diesen Modems zuständig ist und über die auch ein Austausch zu arrangieren wäre. Beim zweiten Telefonversuch lasse ich mich von der automatischen Stimme überzeugen: Der Anrufer ist vorübergehend nicht erreichbar.

Ich schaue auf meinen Computer und stelle fest, dass der mittlerweile das Modem über W-Lan lokalisiert hat und ich teste eine Verbindung. Sie wird aufgebaut. Eine halbe Stunde später surfe ich auch mit dem Zweitgerät kabellos im Internet. Das auf 130 Euro geschätzte teure Telefongespräch werde ich wohl nicht ersetzt bekommen. Aber immerhin funktioniert die alte Digitalkamera mit den neuen Batterien. Ja – die alten waren auch geladen.
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2 Kommentare
Axel Heyder aus Erfurt | 21.02.2011 | 16:46  
3.977
Thomas Twarog aus Erfurt | 26.02.2011 | 11:18  
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