Tief durchatmen, die Familie kommt: So kommen Sie ohne Streit durch die Weihnacht

Die Messer sind gewetzt, die Familienstreitigkeiten können losgehen. (Foto: I-vista/pixelio.de)
 
Gerhart Streicher ist Leiter des Instituts für Systemische Beratung, Familientherapie und Supervision in der Beziehungswerkstatt Jena.
 
Gerade die Schenkerei führt immer wieder zu Streit und Enttäuschung. (Foto: Alexandra H./pixelio.de)
Jena: Beziehungswerkstatt Jena |

Von wegen heimelig und harmonisch – für viele müsste Frank Schöbel von „Weihnachtsfrust in Familie“ singen. Ich sprach über Streit am Heiligabend mit dem Diplom-Theologen Gerhart Streicher, dem Leiter des Instituts für Systemische Beratung, Familientherapie und Supervision in der Beziehungswerkstatt Jena.

Weihnachtsfrust in Familie. Warum kracht es gerade zum Fest so oft unterm Baum?
Krach unterm Weihnachtsbaum ist nur die Spitze des Eisbergs. Konflikte, die bis dahin unter dem Teppich geblieben sind, die halten es dort nicht mehr aus, die wollen mitfeiern.

Und doch pilgern Erwachsene alle Jahre wieder zu ihren Eltern und checken in ihren alten Kinderzimmern ein. Warum?
Ich weiß nicht, welche wirklichen Bedürfnisse das befriedigt. Es scheint eine Sehnsucht nach der heilen Welt zu sein. Diese kann auch sehr produktiv sein, aber an dieser Stelle läuft es eher entmutigend.

Heißt das: Wir feiern Weihnachten falsch?
Nicht wir alle. Aber wenn sich jemand alle Jahre wieder den Krach unterm Weihnachtsbaum erleben lässt, dann stimmt doch da was nicht. Dann sollte man kreativ sein und Weihnachten so feiern, wie es einem gut tut. Für den einen bedeutet Weihnachten, das Weihnachtsoratorium zu hören, für den anderen, sein Heim zu schmücken.

Und dennoch gilt Weihnachten vor allem als Familienfest. Warum?

Es gibt viele Singles und wenig Kinder. Und doch wird die Familie irgendwie idealisiert. Dann sind Familienfeste oft so, als würde es in einem starren Korsett feststecken. Und es gibt keinen richtigen Inhalt. Das Fest ist leer für viele, hat aber den Anspruch von Friede, Freude, Weihnachtsstollen. Der Konsum wird immer wichtiger, je weniger Inhalt im Weihnachtsfest ist. Denn dieses Vakuum muss irgendwie ausgefüllt werden.

Stichwort Konsum: Die Bescherung und die Geschenke führen ebenfalls immer wieder zu Streit und Enttäuschung.
Wenn die Schenkerei in der Familie eskaliert, könnte man sie herunterfahren. Zum Beispiel so: Jeder bekommt nur ein gemeinsames Geschenk von allen anderen. Dann gibt es diesen Wettbewerb nicht mehr.

Geschenke sollen doch Spaß machen und weniger Stress.
Stellen Sie sich die Mutter vor, die dem Sohn ein grünes und ein rotes Hemd schenkt. Wenn er beim nächsten Besuch das rote Hemd trägt, fragt sie ihn: „Das grüne gefällt dir wohl nicht?“ Er kann nur verlieren.

Das ideale Weihnachten ist also ein nicht idealisiertes Weihnachten?
Das ideale Weihnachten wird aus der Freude am Leben geboren, nicht aus Griesgrämigkeit. Das weniger sensationelle Kind im Futtertrog, dessen Geburt zur Weihnacht gefeiert wird, könnte uns an die Kraft des Kleinen, Unspektakulären, einfach Menschlichen erinnern. Weihnachten könnte so ein Fest der Zuversicht, der Hoffnung sein. Es findet auch nicht umsonst in einer Zeit statt, in der draußen alles dunkel ist und man gerne ein Licht anzündet. Ohne Lebensfreude können wir uns vielleicht berauschen und zudecken mit Sensationen, aber dann kommt die Freude nicht von innen heraus und ist auch nicht nachhaltig.

Wenn das Fest so inhaltsleer ist, warum sind wir dann alle deswegen so gestresst?
Es ist wie ein Wettrennen im Advent. Der Endspurt ist am Heiligen Abend. Dann kann man nicht mehr und die Nerven liegen blank. Der Krach ist damit schon vorprogrammiert.

Vielleicht ist so ein reinigendes Gewitter unterm Weihnachtsbaum ja gar nicht so schlimm.
Schlimm ist daran, dass Ideal und Wirklichkeit so weit auseinanderklaffen. Die Zeit vor Weihnachten war einmal als stille Vorbereitungszeit gedacht. Sie kann auch dazu dienen, dass man sich menschlich wieder nahe kommt. Man steigt aus dem Stress des Alltags einmal aus, nimmt sich Zeit für einander und kann auch die unangenehmen Themen ansprechen. Wenn die Adventszeit so gestaltet wäre, könnte Weihnachten ein gefülltes Fest sein. Dann kann man sich freuen, dass man einander hat. Für Frieden unterm Weihnachtsbaum muss jedoch viel früher begonnen werden, wirklichen Frieden zu schaffen.

Warum nicht erst am Heiligabend?
Dieser Abend ist nicht für Aussprachen geeignet. Da liegt zu viel Spannung in der Luft. Eher ist dieser Abend geeignet, Versöhnung zu besiegeln. Wir sollten im Vorfeld wieder die Wege zueinander finden, die wir vielleicht verloren haben. Den Kontakt wieder suchen und lange schwelende Konflikte bereinigen. Sich ohne Ablenkung miteinander einen Neuanfang gönnen. Aber es gibt dafür keine Patentlösung. Für Beziehungsfragen gilt nicht die normale Logik. Vor allem geht es da um Achtsamkeit und nie ums Rechthaben. Keiner kann immer Recht haben wollen und gleichzeitig eine schöne Beziehung erleben.

Und wenn ein Streit doch eskaliert? Ist es eine Option, einfach zu gehen?
Wenn jemand geht, weil er es nicht mehr aushält, soll er dabei nicht sagen: „Ich komme nie wieder.“ Lieber sollte er einen Rest an Wohlwollen als Weihnachtsgeschenk zurücklassen.

Hilft es, an Weihnachten besser einige Gesprächsthemen von vornherein auszuklammern?
Das kommt darauf an. Meist ist das Wie wichtiger als das Was. Wenn zum Beispiel zwei in der Familie völlig verschiedene politische Anschauungen haben, können sie sich deshalb in die Haare bekommen. Oder aber jeder kann anerkennen, dass der andere eine andere die Meinung hat. Wenn das nicht geht, dann sollte man konsequent dort feiern, wo Frieden ist und nicht dort, wo Tretminen ausliegen.

Aber es scheint gesellschaftlich nicht akzeptiert, Weihnachten mit Freunden zu feiern und nicht mit der Familie.
Das geht auch immer so weiter, wenn es nie jemand ändert.

Und die Weihnachtseinladung der Eltern ausschlagen? Kennen Sie den Edeka-Werbespot mit dem einsamen Opa, der seinen Tod vortäuscht, um seine Familie wenigstens an Weihnachten wieder an einem Tisch zusammenzubringen?
Aber der Opa muss doch nicht alleine sein. Er kann doch vielleicht mit guten Nachbarn feiern. Man sollte auch sagen können: „Dieses Jahr komme ich Weihnachten nicht.“

"Es soll doch jeder den Mut haben, sein Weihnachten zu feiern."


Aber dann braucht man eine gute Ausrede.
Man braucht gar keine Ausrede, wenn man klare mitmenschliche Beziehungen will. Faule Ausreden würden im Grunde die Beziehung kaputt machen. Es soll doch jeder den Mut haben, sein Weihnachten zu feiern. Wenn wir uns in Abhängigkeiten begeben und nur die Vorstellungen anderer bedienen, gehen wir kaputt dabei.

Aber je älter die Eltern werden, desto weniger gemeinsame Weihnachten liegen vor einem.
Das schlimmste Weihnachtsgeschenk, das wir uns machen können, ist emotionale Erpressung. Sie wird die Familie weiter schädigen. Weihnachten offenbart, was im normalen Leben nicht zutage tritt.

Aber ist Weihnachten nicht auch das Fest des Friedens und der Versöhnung, zu dem man Kompromisse finden sollte?
Kompromisse schon, aber keine faulen. Keine Kompromisse, die verbiegen, sondern solche, die das Miteinander der Gegensätze ermöglichen. Das setzt voraus, dass ein gewisser Weihnachtspluralismus herrschen darf. Ein gleichgeschaltetes Weihnachten funktioniert nicht. Wenn wir den Mut haben, unsere Verschiedenheit zu akzeptieren, dann finden wir auch zueinander


Im Werbespot „#heimkommen“ der Supermarktkette Edeka nutzt der einsame Opa einen Trick, um seine Familie zu Weihnachten zusammenzubringen.




Nur emotionale Erpressung? Hier der Gegenclip von "Circus HalliGalli".

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