Verschenkte Zeit: Das Projekt „Paten für Demenz“ in Jena kümmert sich um Kranke und entlastet Angehörige

Demenz-Patin Martina Winterot (links) im Gespräch mit Dorothea Petrich vom Tausend-Taten-Verein.
 
Projektverantwortliche Dorothea Petrich: „Leider haben die Angehörige oft Hemmschwellen, unser Betreuungsangebot anzunehmen. Oft haben sie ein Schamgefühl entwickelt oder Angst um ihre Privatsphäre. Das ist verständlich, aber unnötig. Günstig ist es, wenn der Ehrenamtler den zu Betreuenden in einem frühen Krankheitsstadium kennen lernt. Beide können so in die Situation hineinwachsen.“
Jena: Neugasse 19 |

Martina Winterot ist Patin, Patin für Demenzkranke. Seit drei Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich im Jenaer Verein „Tausend Taten“. Der Allgemeine Anzeiger sprach mit ihr über schöne und bedrückende Momente.

Frau Winterot, Sie stellen sich keiner leichten Aufgabe. Warum?
Ich war mehrere Jahr in der häuslichen Krankenpflege tätig. Ich habe, scherzhaft gesagt, sicher ein Helfersyndrom. Meine Kinder sind groß. Trotzdem suche ich die Nähe zu Menschen, die mich brauchen. So kann ich die nachberufliche Phase mit Sinn füllen.


Wie kamen Sie zu Ihrer Aufgabe?

Ich habe in der Zeitung über das Projekt gelesen. Als ich mich informiert habe, hat die Chemie mit den anderen Vereinsmitgliedern gleich gestimmt. Was der Verein leistet, gefällt mir.

Wie viele Demenzkranke haben Sie zwischenzeitlich betreut?
Ich betreue jetzt den sechsten Kranken. Es ist eine ältere Dame, die keine nahen Angehörigen mehr hat.

Wie viel Zeit müssen Sie investieren?

Das richtet sich nach den Wünschen der Betreuten. Derzeit gehe ich mehrmals die Woche zu meiner alten Dame. Das ist aber eher unüblich.

Welche Tätigkeiten erledigen Sie?
Ich mache all das, was auch die eigenen Kinder erledigen würden. Aber die gibt es in vielen Fällen nicht oder sie sind beruflich eingespannt. Ich kann mir die Zeit nehmen. Ich kontrolliere auch mal den Kühlschrank und kaufe ein.


Also hauswirtschaftliche Leistungen?

Nein. Das machen wir nicht. Kleine Gefälligkeiten ja. Aber für die Hauswirtschaft gibt es Anbieter. Davon grenzt sich mein Tun ganz klar ab.

Wie gestalten Sie die gemeinsame Zeit?
Wir teilen das gesellschaftliche Leben. Kürzlich habe ich mit meiner Dame den „Nussknacker“ im Volkshaus angeschaut. Es war schon erstaunlich. Sie hat sich weniger über die Inszenierung gefreut als über die Fahrt mit der Straßenbahn durchs weihnachtlich geschmückte Jena. Das sind Momente, die mich erfreuen und gleichzeitig nachdenklich machen. Mit einem meiner Betreuten war ich auch schon zum Tanztee oder wir feiern Geburtstag. Ich singe auch viel mit den Demenzkranken. Oft nehme ich mein Tablett mit und spiele Musik, die sich die Kranken wünschen. Hans Albers oder Heintje. Sie sind dann ganz erstaunt, was mein „Wunderding“, wie meine Betreute sagt, so alle kann.


Direkt gefragt: Was bringt Ihnen diese Arbeit?

Die alten Leutchen erzählen mir viel von früher. Das finde ich toll. Ich habe auch mal eine Krankenschwester besucht. Sie erzählte mir, wie sie im Krieg Tuberkulose-Kranke die Treppen rauf und runter tragen mussten, weil es keine Fahrstühle gab. Mit einer anderen Frau habe ich mir die Urlaubsalben angeschaut. Sie war schon zu DDR-Zeiten auf Kuba und ist gleich nach der Wende auf Reisen gegangen. Diese gemeinsame Zeit wiegt alle Mühe auf.


Keine bedrückenden Momente?
Doch, die gibt es. Die Dame, die ich jetzt betreue, hat Angst, ins Heim zu müssen. Das ist schmerzlich. Doch ich bin mir mit dem gesetzlichen Betreuer einig, dass sie so lange zu Hause belieben kann, wie es möglich ist. Aber Demenz ist eine heimtückische Krankheit. Man weiß nicht, wie sie sich entwickelt.


Erleben Sie auch Aggressionen?

Ja, das ist schon passiert. Ich versuche dann durch Ablenkung, die Situation zu entkrampfen. Mir macht vor allem verbale Gewalt zu schaffen. Damit bin ich anfangs nur schlecht zurechtgekommen. Das ging schon ganz an die Nieren. Aber auch das gehört zur Krankheit.


Ist die Dame, die Sie derzeit betreuen, schwer erkrankt?

Sie befindet sich im mittleren Stadium, räumt viel um und sucht ständig etwas. Aber trotzdem ist sie ein freundlicher Mensch, mit dem ich gern zusammen bin. Aus der Schulung für Demenzpaten habe ich viel über die Krankheit gelernt und kann Symptome deuten.

Wie ist es, wenn die Krankheit fortschreitet?
Im konkreten Fall muss man sehen, wie es weiter geht. Ich will aber weiter für sie da sein. Andere Menschen habe ich selbst in der Phase betreut, in der man nur noch Nähe geben, die Hand halten kann. Mir ist es wichtig, den Erkrankten noch eine gute Zeit zu bescheren.


Hat Ihr Einsatz Ihre Sicht auf diese Krankheit verändert?

Freilich habe ich Angst, auch dement zu werden. Was ich sehe, macht mich schon traurig. Schlimm ist es vor allem, wenn die Leute selbst merken, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Ich denke schon über meine Zukunft nach. Aber konkrete Schritte habe ich für mich für den Fall eines Falles noch nicht festgelegt.

Zur Sache


+ „Paten für Demenz“ heißt das Angebot des Tausend Taten e.V. in Jena. Die ehrenamtlichen Paten unterstützen stundenweise Demenzkranke in deren häuslicher Umgebung und entlasten damit die Angehörigen.

+ Vor dem Einsatz als Demenzpate durchläuft jeder Freiwillige eine Weiterbildung.

+ 60 Ehrenamtler haben bisher daran teilgenommen, 40 sind aktiv im Einsatz.

+ Ein ähnliches Projekt für Demenzkranke gibt es in Thüringen derzeit nur noch in Saalfeld.

+ Bei dem Projekt handelt es sich um ein niederschwelliges Angebot für Demenzkranke. Die Leistungen werden über die Pflegekasse finanziert. Der Ehrenamtler erhält eine Aufwandsentschädigung. Auch die Fahrtkosten werden übernommen.

+ Neue Mitstreiter sind jederzeit willkommen, ebenso Familien, die die Hilfe der Paten in Anspruch nehmen wollen.

+ Kontakt und Inform@tion: 03641/9264171, www.tausendtaten.de
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