Wenn Eltern an Krebs erkranken, leiden auch ihre jugendlichen Kinder - In Jena gibt es für sie eine Sprechstunde

Kerstin Zellmann (links) und Monique Dröschler im Gespräch über das neue Angebot von Sprechstunden für Jugendliche krebskranker Kinder,
Jena: Brustzentrum |

Pubertät ist für Heranwachsende keine einfache Zeit. „Sie suchen nach der eigenen Identität“, erklärt Kerstin Zellmann. Wenn in dieser Phase ein Elternteil an Krebs erkrankt, potenzieren sich die Probleme der jungen Menschen. Zellmann weiß: „Eigentlich wollen sie sich loslösen von der Familie. Doch plötzlich ist alles anders.“ Viele Jugendliche übernehmen dann Erwachsenenaufgaben, möchten ihren Eltern helfen, sie unterstützen. Aus diesem Spannungsfeld kann Wut entstehen, können sich Ängste entwickeln.

Kerstin Zellman beschäftigt tagtäglich mit diesen Problemen innerhalb von Familien. Allerdings aus einem anderen Blickwinkel. Die Krankenschwester arbeitet am Universitätsklinikum Jena im Interdisziplinären Brustzentrum und hat eine Spezialausbildung zur so genannten Brustschwester absolviert. Sie pflegt sehr persönliche Kontakt zu den Patienteninnen, versorgt die erkrankte Frauen mit Informationen, zeigt Hilfsangebote jenseits der medizinischen Therapie auf.


Ältere Kinder funktionieren in Extremsituationen


In dieser Extremsituation, so Zellmanns Erfahrung, kommen in den Familien gerade die Heranwachsenden zu kurz. Dabei machen sich gerade Jugendliche viel mehr Gedanken als jüngere Kinder. Doch das lassen sie sich selten anmerken. Sie funktionieren, wollen keine Problem zu bereiten. Dadurch unterschätzen Eltern die Konflikte, in denen sich ihre Söhne oder Töchter befinden. „Sie erahnen nicht, was in den Köpfen ihrer Kinder vor sich geht“, glaubt Zellmann

Doch das sei fatal. Studien hätten gezeigt, dass Jugendliche, die diese konfliktreiche Zeit ohne Hilfe und Unterstützung durchleiden müssen, in späteren Lebensphasen mit Problemen zu kämpfen haben. „Eine Verschlechterung der Schulleistungen muss sich nicht in der akuten Krankheitsphase einstellen“, erläutert Zellmann eine mögliche Spätfolge. Unterdrückte Ängste und Wut können zudem häufig erst später den Lebensalltag erschweren. Deshalb rät Zellmann zu einem offenen Umgang mit der Krankheit. Kinder und Eltern müssen im Gespräch bleiben.

Hier möchte ein neues Angebot ansetzen. Dazu hat Zellman in der Studentin Monique Dröschler eine Mitstreiterin gefunden. Sie studiert im 7. Semester Soziale Arbeit an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena. Im Rahmen eines Praxisprojektes hat sie eine Sprechstunde für Jugendliche initiiert, in deren Familie ein Elternteil an Krebs erkrankt ist. „Das Thema ist hochsensibel“, erläutert Monique Dröschler, „und gerade deshalb eine große Herausforderungen.“ Aber es reizt sie, die Arbeit mit Jugendlichen mit einem Beratungsangebot zu verknüpfen.

Angebot ist kostenlos und unverbindlich

Zwei Mal im Monat hält Monique Dröschler ihre Sprechstunden im Beratungszentrum für Selbsthilfe ab. „Es ist ein kostenloses, unverbindliches Angebot“, erklärt sie. Wer möchte, kann einfach vorbeikommen. Die Sprechstunde richtet sich an Heranwachsende zwischen 12 und 18 Jahren, die über die Krankheit ihrer Eltern, ihre Ängste und Gefühle und Nöte reden wollen. Dabei müssen die Gespräche nicht zwingend in den Berstungsräumen stattfinden. „Wir können auch gemeinsam etwas unternehmen.“ Wie die gemeinsame Zeit gestaltet wird, richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen, den Fragen und Sorgen der Jugendlichen.

Im November hatte Dröschler zur ersten Sprechstunde eingeladen. „Aber bisher ist noch niemand gekommen.“ Weder verwundert, noch enttäuscht das die Studentin. Ein solches Angebot müsse sich erst bekannt machen. Auf den Krebsstationen des Uniklinikums oder in Schulen und anderen Beratungsstellen. Das ist derzeit eine ihrer wichtigsten Ziele. „Doch das braucht seine Zeit“, so Dröschler. Deshalb wird sie mit der Sprechstunde auch nach dem Ende ihres Praxisprojektes weitermachen. Auf ehrenamtlicher Basis soll die Sprechstunde zu einem festen Angebot für die Heranwachsende werden.

Sprechzeit

jeden 2. und 4. Dienstag im Monat im IKOS - Beratungszentrum für Selbsthilfe, Kastanienstraße 11 in Jena
Tel. 0171/6509052
E-Mail: jena.beratung@gmail.com
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