Älteste Laufveranstaltung Jenas schon 1914

Telegramm an den Großherzog

Der Jenaer Kernberglauf kann in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feiern. Er ist damit die älteste Traditionsveranstaltung des USV Jena und eine der ältesten Laufveranstaltungen ohne Unterbrechung in der Region. Die Wurzeln des Kernberglaufs sind in der DDR-Laufbewegung zu suchen, die zum Teil ein „Kind“ des GutsMuths-Rennsteiglaufs war. Kernberglauf und Rennsteiglauf kommen aus einem „Stall“, der in der heutigen Abteilung Orientierungslauf (OL) des USV Jena zu verorten ist. Die Oler der damaligen Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV) begannen 1971 mit der Entwicklung der GutsMuths-Rennsteiglaufs, der dann ab 1975 zum wichtigsten Landschaftslauf in der DDR wurde. 1975 entstand bei den HSG-Oler eine eigenständige Laufgruppe, die dann 1977 den Kernberglauf als kleinen Bruder des Rennsteiglaufs aus der Taufe hob. Einige der Jenaer Organisatoren des Rennsteiglaufs gehörten auch zu den Vätern des Kernberglaufs.
Schaut man in die Geschichte des USV, so findet man ab den 1950er Jahren regelmäßig Laufveranstaltungen außerhalb der Stadion-Leichtathletik, die von Ruderern, Kanuten und Wintersportlern als Saisonauftakt oder Ausklang in Form von Waldläufen organisiert wurden. Wenig bekannt ist, dass auch beim Verein für Bewegungsspiele, dem Vorläufer des USV, seit 1911, bereits Laufveranstaltungen veranstaltet wurden. Damit sind aber nicht die Läufe über die Mittelstrecken von 800 – 1.500 Meter gemeint, die in Ermangelung einer Laufbahn bis 1924 häufig über Rasenflächen führten, sondern der 1913 erstmals organisierte Mühltallauf. Für 1914 wurde dazu in der Verbandszeitschrift „Mitteldeutscher Sport“ geschrieben, dass am 10. Mai der Mühltal-Staffellauf um den Pokal des Großherzogs stattfand. „Die Chaussee war durch das Gewitter zum Vortag staubfrei und damit die 7,5-Kilometer lange Strecke eine ideale Laufbahn. Insgesamt hatten acht Mannschaften a 20 Läufer gemeldet. Sechs starteten dann. Es gewann der VfB I in 18 Minuten 27,7 Sekunden. Der VfB II kam nach 20 Minuten und 17 Sekunden ins Ziel. Dritter wurde die Mannschaft der 94er gefolgt von Jungdeutschland, Ortsgruppe Jena, die die besten Schüler der Gymnasien vereinte und eigentlich favorisiert gewesen war… Der VfB Vorsitzende Dr. Hiltmann nahm in einer Gartengaststätte die Übergabe des wertvollen Pokals und der frischen Lorbeerkränze mit blau/weißem Bande vor. Dem Großherzog wurden die Ergebnisse telegrafiert.“
Ebenfalls sehr aktiv bei der Organisation von Läufen war der Fußballclub (F.C.) Carl Zeiss Jena. Seine bedeutendste Laufveranstaltungen vor dem I. Weltkrieg waren der „Nationale Armeegepäckmarsch über 30 Kilometer“ und der „ Nationale 25 Kilometer-Lauf“, der 1914 eine Woche vor dem Mühltallauf erstmalig stattfand. „Wer wollte es nun leugnen, daß durch die zwei „Nationalen Gepäckmärsche“ der gute Name und Ruf des F.-C. Carl Zeiss in alle deutschen Gaue drang und die Teilnehmer an diesen Wettmärschen sich gern des Namens „Zeiss“ und „Jena“ erinnern?...Die Organisation des (25 Kilometer) Laufes liegt in bewährten Händen. Es wird dafür gesorgt werden, daß das Jenenser sportliebende Publikum dem Tag der Veranstaltung voller Erwartung entgegensieht…“ konnte man in der Zeitung lesen. Als Hauptorganisator wird Karl Heu benannt. Insgesamt waren 107 Läufer gemeldet, von denen 103 am Start standen, darunter die Besten Deutschlands.
„Die Favoriten fanden sich im geschlagenen Felde, und zwei Neulinge rissen den Kranz des Tages an sich. Zwar hat ihnen dabei Fortuna die Hand gereicht, denn nur durch das plötzliche Versagen der bis kurz vor dem Ziele an der Spitze liegenden bekannten Sportsleute Blankenburg-Berlin und Osadnick-Berlin gestattete es ihnen, die Führung zu übernehmen und den Sieg an sich zu reißen…Rückwärts (nach der Wendestelle in Bürgel) hält sich die Spitze so, und es galt als totsicher, daß Blankenburg und Osadnick die Sieger sein würden. Da läuft Blankenburg plötzlich vor der Ostschule aus dem Kreise seiner Schrittmacher heraus und setzt sich an den Rand der Straße. Eine plötzliche Müdigkeit seiner Füße, die wie es scheint durch das wieder beginnende Pflaster hervorgerufen wurde, zwang ihn, aufzugeben. Bestimmend für ihn war noch eine starke Unlust, die ihn überkam und seine Willensstärke schwächte…Man erwartete nun als nächsten Osadnick. Doch zur großen Überraschung kam Nr. 100 (Günther-Gispersleben). Dicht darauf Baumann-Mittweida…Der zweite Sieger ist erst vom Militär entlassen und machte sein erstes Rennen mit. Er war ganz überrascht ob seiner Leistung und es dauerte eine ganze Zeit, ehe er die freudige Situation erfassen konnte. Die Zeit des ersten Siegers betrug 1 Stunde und 31 Min.“ Der deutsche Rekord wurde um zwei Minuten gedrückt. Ein Dittmann war als 15. der erste „Jenaer Sportsmann“.
Neben der Sportveranstaltung wurde ein Fotowettbewerb ausgeschrieben, sowohl für Presseleute als auch für Amateure. Die Ausschreibung dazu veröffentlichte der F.C. Carl Zeiss. An der Preiskonkurrenz beteiligten sich viele Fotografen, deren Fotos aber bis heute nicht aufgefunden wurden. Als nächste Veranstaltung hatte der F.C. im Sommer 1914 ein 100-Kilometer Meisterschaftsgehen von Jena nach Saalfeld und zurück übertragen bekommen, welches aber wohl wegen des beginnenden I. Weltkrieg nicht mehr zur Austragung kam.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Trotz Fotowettbewerb ist bis heute keine Bild vom 25-KilometerLauf gefunden worden, hier ein Foto aus der Sammlung von Wieland Knetsch von den Kampfspielen des VfB 1922, wo man genau sieht, dass über Rasenflächen gelaufen wurde, weil es noch keine Laufbahn gab.

In: Thüringische Landeszeitung vom 21. April 2016 Nr. 488
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