Arthur Linß eine Jenaer Trainerlegende III

1972 Der Entdecker Nordwigs

Als am 16. September 1954 der Sportclub (SC) Motor Jena als ersten Sportclub der DDR gegründet wurde, gehörte Arthur Linß zu den Trainern der ersten Stunde. Er wurde für die Leichtathletik verantwortlich gemacht. Eine scharfe Trennung zwischen den einzelnen Disziplinen Lauf, Wurf, Sprung usw. gab es damals noch nicht. Arthur Linß war vor allem auf die technischen Disziplinen spezialisiert. Man konnte ihn aber auch in den anderen Sportarten beim SC Motor Jena beim Training und bei Wettkämpfen finden, wo er als Berater sehr geschätzt wurde. Eine enge Verbindung gab es zu den Wintersportlern, die kurzzeitig beim SC Motor beheimatet waren. Dies könnte an der Freundschaft zu Lothar Eichhorn-Beyer gelegen haben, mit dem ihn die gemeinsamen Trainings- und Wettkampfjahre als Rasenkraftsportler verband.
Zeitweilig nannte Arthur Linß sich Cheftrainer-Leichtathletik. Er wurde ehrenamtliches Mitglied der Fachschaft Leichtathletik am Institut für Körpererziehung der Universität. Aus dieser Zeit stammt wohl auch sein Spitzname „der Professor“ oder „Hochsprungprofessor“, wie einige ehemalige Athleten ihn heute noch bezeichnen. Dies charakterisiert etwas seinen Trainingsmethodik, die dadurch gekennzeichnet werden kann, dass er sich ständig mit neuesten sportwissenschaftlichen Erkenntnissen auseinandersetzte und diese ins tägliche Training einfließen ließ. Sowohl die sowjetischen Trainingswissenschaften, die in der DDR vielfach publiziert wurden, als auch, soweit verfügbar, Erkenntnisse aus dem westlichen Ausland studierte er regelmäßig. Der spätere Professor Horst Götze, der in den 1960 und 1970er Jahren Fachschaftsleiter Leichtathletik an der Uni war, sorgte dafür, dass Arthur Linß in der Institutsbibliothek ständig die neueste Literatur nutzen konnte.
Das praktische Training der Athleten von Arthur Linß zeichnete sich nicht durch das Abarbeiten strenger und minutiös geplanter Trainingspläne aus. Er versuchte vielmehr, im Gespräch mit den Athleten, jeweils die passende Trainingsmethode zu erarbeiten. Die Berücksichtigung persönlicher, familiärer und beruflicher Anforderungen gehörte dabei zum Konzept, ebenso wie ein vertrauensvoller privater Kontakt. Dabei hatte er einen sehr guten Blick für das Talent und die Fähigkeiten seiner Sportler. Rüdiger Grunow, der als junger talentierte Mittelstreckler zum SC Motor gekommen war, erinnert sich noch heute, dass ihm Arthur Linß, der eigentlich garnicht für die Läufer zuständig war, den Hinweis gab: „Für die Mittelstrecke bist Du nicht geeignet. Du könntest aber ein guter Marathonläufer werden.“ Dieser Hinweis nutzte Grunow allerdings wenig, da er wenige Zeit später in die Fänge der DDR-Justiz geriet und im Zusammenhang mit der Prozessen gegen den „Eisenberger Kreis“ aus politischen Gründen verurteilt wurde. Nach seiner Freilassung hatte er erst mal weniger die sportliche Karriere im Sinn. Als Grunow dann später zur Laufbewegung kam, erinnerte er sich an den Rat von Arthur Linß und trainierte als Volkssportler ganz erfolgreich für den Marathon und längere Strecken.
Insgesamt konnte Arthur Linß bei seinen Sportlern auf über 40 DDR-Meistertitel blicken. Die Erfolgreichsten unter ihnen waren der Stabhochspringer Wolfgang Nordwig und der Zehnkämpfer Rüdiger Demme. Linß war es aber auch, der den Hochspringer Rolf Beilschmidt und den späteren erfolgreichen Bobpiloten Dietmar Schauerhammer auf den richtigen sportlichen Weg brachte.
Wolfgang Nordwig wäre fast um seinen größten sportlichen Erfolg, die Goldmedaille bei den Olympischen Sommersportspielen 1972 in München gekommen. Schon als Jugendlicher wurde sein Stabhochsprungtalent von Arthur Linß erkannt und ständig gefördert und weiterentwickelt. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. 1966 wurde Wolfgang Nordwig Europameister. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko schaffte er mit Bronze die erste Olympiamedaille für den SC Motor Jena. Für die Spiele 1972 war er aber nicht mal nominiert. Hintergrund war, dass ein neuer Hochsprungstab aus Karbonfiber in den USA entwickelt worden war, von dem nicht sicher war, ob er zu den Spielen bereits zugelassen werden würde. Diesen Stab beherrschte Nordwig nicht. Die DDR-Sportführung unter Leitung von Manfred Ewald sah unter diesen Bedingungen keine Medaillenchance für Nordwig und nahm ihn daher erst gar nicht mit nach München. Er musste sich aber in der Sportschule Kienbaum auf Abruf zur Verfügung halten. Dort verfolgte er am Fernseher die Eröffnungsveranstaltung von den Spielen in München. Kurzfristig wurde er dann doch noch zum Einsatz gerufen und sprang mit 5,50 Meter zur Goldmedaille. Diese Höhe hielt dann fast 10 Jahre als DDR-Rekord. Arthur Linß, der bis München bereits an fünf Olympischen Spielen als Zuschauer oder Trainer teilgenommen hatte, durfte ebenfalls nicht nach München, was ihn später immer noch ärgerte, ebenso die Tatsache, dass er als Nichtmitglied der SED, bei staatlichen Auszeichnungen häufig eine Stufe unter seinen Trainerkollegen mit Parteibuch blieb. Seine Athleten verehrten ihn aber bis zu seinem Tode im Jahre 1983. Wolfgang Nordwig schenkte ihm sogar seine Anstecknadel, die er für seine olympische Bronzemedaille 1968 bekommen hatte. Noch als Rentner war Linß als fachlicher Berater gern gesehener Gast bei den Leichtathleten im Ernst-Abbe-Stadion, wo zu DDR-Zeiten eine Hochburg dieser schönen Sportart war. Für die Olympischen Spiele 1980 wurde er sogar noch mal als Berater des Stab-Hochspringers Axel Weber aktiv, mit dem er ein neues Trainingskonzept entwickelte, welches zumindest dazu führte, dass Weber den DDR-Rekord von Nordwig aus dem Jahre 1972 egalisierte. Bei den Spielen in Moskau schaffte Weber dann allerdings „nur“ im Qualifikationsspringen 5,15 Meter.

Dr. H. Kremer

In: Thüringische Landeszeitung 23. Juli 2015
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