Das erste Fußballspiel in Jena

„An das alte liebenswürdige Jena vibriert“
Thüringische Landeszeitung 5. Februar 2015 Nr. 426

Mit dem kürzlich veröffentlichten „Jahrhundertfund“, dem Spielergebnis des ersten Fußballspiels des FC Carl Zeiss Jena in der Thüringischen Landeszeitung, konnte eine wichtige Lücke in Jenas Fußballgeschichte geschlossen werden. Nach über 111 Jahren wurde erstmals die 4:2 Niederlage der Fußballer des neu gegründeten Fußballklubs Carl Zeiss gegen die II. Mannschaft des Fußballklubs Weimar im Juli 1903 in Jena publiziert. Noch viele Fragezeichen gibt es allerdings für den Zeitraum zwischen dem ersten offiziellen Jenaer Fußballspiel 1893 und 1903. Einige Ansätze dazu lassen sich in dem kürzlich erschienenen Buch „Jenaer Sporthistorie in Wort und Bild“ nachlesen. Zu dem für damalige Zeiten sehr umfangreichen Vor- und Spielberichten über das Spiel von 1893, können jetzt weitere Details veröffentlicht werden. So wurden in einer Laudatio zum 70. Geburtstag des wichtigsten Mitbegründers des Jenaer Fußballs, Hermann Peter, geschrieben: „In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte Gymnasiallehrer Prof. Rasch zur Ergänzung des Turnens im Paradiese Turnspiele eingerichtet. Unser Peter, der Nachfolger von Rasch, setzte diese Bestrebungen fort. Anfang der neunziger Jahre sehen wir schon den ersten Fußballklub im kleinen Paradiese unter Peters Leitung eifrig bei der Arbeit. Namen von Gewicht, wie Schott, Straubel, Pulfricht, Klett, Netz u. a. waren damals aktive Mitglieder dieser ersten Vereinigung vom Rasen.“ Nicht beantwortet wurde allerdings die Frage, ob diese fünf „Größen“ aus Jenas Wirtschaft selber am ersten Fußballspiel 1893 teilgenommen haben. Vom Alter her wäre dies absolut denkbar, denn in dem Ergebnisbericht vom 30. Juli in der Jenaischen Zeitung kann man lesen: „Der älteste Jenaer Spieler war 46 Jahre alt…In der Jenaer Mannschaft spielten fünf Engländer und ein Deutsch-Österreicher.“ Da aber im gleichen Artikel zu lesen ist: „Nach den Berufen waren unter den Jenaern ein Arzt, fünf Lehrer, ein cand. theol. und drei Studenten“ muss man die Teilnahme von z. B. Otto Schott in Frage stellen.
Einer sehr interessanten Spur ging der international bekannte Bonner Sporthistoriker Heiner Gillmeister nach, der sich in den letzten Jahren mit der Auswertung von Nachlässen englischer Sportgrößen beschäftigte. Dabei stieß er in den Unterlagen von Arthur Westlake Andrews unter Zeitungsausschnitten, Fotos, und Medaillen auf ein mit Schreibmaschine abgefasstes Gedicht, das mit dem ersten Vers und der letzten Strophe des bekannten Jenaer Studentenliedes „Und in Jene lebt sich’s bene, und in Jene lebt sich’s gut“ aufwartete: Dieser Fund, dessen Veröffentlichung von Thüringer Zeitungen nicht übernommen wurde, beinhaltet u. a. einige Strophen, bei denen es um das legendäre Fußballspiel von 1893 geht. Gillmeister übertrug das Gedicht ins Deutsche und die uns betreffenden Zeilen lauten:
„Ein Lied, das immer noch im Andenken
An das alte liebenswürdige Jena vibriert, wo wir
Gegen Leipzig ein Fußballspiel austrugen, das erste
In Deutschland oder fast das erste, und unsere
Mannschaft bildeten aus Studenten und vier Engländern
Und ich erinnere mich an den Ausgang, ein Unentschieden
Und ein Spiel, in dem es hin- und herging bei dem vergeblichen Versuch
Ein Tor zu erzielen oder zu verhindern

Und Jenas Ruf eines heiteren Gemüts aufrechterhielten
Denn niemand hat viel Wert auf den Sieg gelegt
Und als das Spiel vorbei war, kehrten wir
In einer Kneipe ein, wo ein Fass darauf wartete angezapft zu werden.“

Das Gedicht, welches 1943 vom siebzigjährigen Andrews in Erinnerung an seine Jenaer Zeit aufgeschrieben wurde, und in dem er sich zwar nicht mehr richtig an das Spielergebnis erinnerte, Jena verlor 0:1, belegt aber, dass er selber zu den Akteuren gehörte. Heiner Gillmeister schreibt in einem in nächster Zeit erscheinendem Artikel zu Andrews, den wir dankenswerter Weise hier zitieren dürfen: „Der Allrounder Andrews war also offenbar nicht nur Fußballer und Leichtathlet, sondern auch…eine überdurchschnittlich guter Tennisspieler. Er war nicht nur auf den Plätzen Oxfords erprobt, er hatte sogar auf dem heiligen Rasen von Wimbledon zwischen 1889 und 1913 nicht weniger als acht Matches im Einzel und zwei Matches im Doppel bestritten. Dabei war ihm zwar nur zweimal das Erreichen der zweiten Runde gelungen, aber er hatte sich mit Topathleten seiner Zeit messen dürfen und gegen sie auch den ein oder anderen Punkt gewonnen…Im Jahre 1893 war er daher vermutlich der erste Spieler auf deutschem Boden, der beim angesehensten Turnier der Zeit, in Wimbledon, bereits zwei Auftritte gehabt hatte.“ Über weitere Mitspieler von 1893, die Heiner Gillmeister nachweisen konnte, berichten wir in einem späteren Beitrag.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Portraitfoto von Arthur Westlake Andrews: Foto Army and Navy Auxiliary C.S. Ltd, Francis Street, Westminster [London], S.W.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
13.095
Eberhard :Dürselen aus Weimar | 08.02.2015 | 19:55  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige