Der USV Jena e. V. ein Traditionsverein?

Die erste Fahne kam aus Apolda

Nach der jüngst veröffentlichten Liste der größten Sportvereine in Thüringen steht der USV Jena e. V. weiter mit 3.508 Mitgliedern auf dem zweiten Platz. Er wird in der Statistik mit 26 Abteilungen angeben, womit er in dieser Beziehung sogar den Spitzenplatz einnimmt. In Thüringen gibt es nur noch sehr wenige große Mehrspartenvereine. Der USV, der sein Gründungsdatum auf das Jahr 1911 zurückführen kann, gehört zu den ältesten und größten Sportvereinen in Thüringen sowie in den neuen Ländern überhaupt. 1911 gründeten ihn sportlich ambitionierte Studenten, Lehrkräfte der Uni und Bürger der Stadt als Verein für Bewegungsspiele Jena e. V. (VfB). Der erste Vorsitzende war Oskar Leonhardt, ein Student der Cameralistik. Innerhalb kürzester Zeit hatte er über 100 Mitglieder in mehreren Sparten. Als Gründungssparte kann man die Leichtathletik ansehen, die es heute im USV nicht mehr gibt. Dazu kamen Fußball, Land- und Eis-Hockey, Wintersport und Turnen. 1913 schlossen sich die Law-Tennisspieler, die bis dahin einen eigenständigen Verein hatten, an. Die Vereinsfarben waren blau weiß und bis zum Verbot 1945 gab es ein einheitliches Emblem, welches nie geändert wurde, eine Vereinsfahne und als wichtige Traditionsveranstaltung sogenannte Stiftungsfeste, bei denen sich alle Abteilungen der Öffentlichkeit vorstellten. Als wichtigste „sportliche Events“ des VfB kann man das große nationale Leichtathletiksportfest ansehen, welches von 1912 bis Ende der 1930er Jahre unter verschiedenen Namen organisiert wurde.
Die Bindungen des VfB zur Universität erhielten eine neue Qualität, als in den frühen 1920er Jahren Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen wurden, die dem VfB weitgehende Nutzerrechte auf den Uni-Sportplätzen in der Oberaue einräumten, wofür er im Gegenzug umfangreiche Investitionen tätigte. So baute der VfB eine komplette Leichtathletikanlage und ein Vereinsheim.
Chronologisch kam es nach dem II. Weltkrieg und dem Verbot aller Turn- und Sportvereine durch die alliierten Siegermächte erst 1949 zu einer Neugründung einer akademisch geprägten Hochschulsportgemeinschaft (HSG). Obwohl sich diese bewusst von dem bürgerlichen Vorgängerverein abgrenzte, was der Sportpolitik der DDR entsprach, war sie sowohl strukturell als Mehrspartenverein als auch von der Zahl der studentischen Mitgliedern in der Traditionslinie des VfB. Enge institutionelle Bindungen zur Universität ergaben sich durch die gesetzlichen Regelungen, die eine Trägerschaft der Universität, für den Sport vorsahen. Die HSG wurde ebenfalls, wie der VfB, vor allem von Studenten gegründet. Der erste Vorsitzende war Bernd Schwalbe, der Politikwissenschaft studierte. Die Farben der HSG waren anfangs auf Grund zentraler Festlegungen grün-weiß, etwa ab 1960 blau-weiß und dann blau-gelb-weiß, in Anlehnung an die Stadtfarben. Die „Vereinsfahne“, die durch den damaligen Sektionsleiter Turnen, Wolfgang Gutewort, Mitte der 1950er Jahre in einer Apoldaer Stickerei in Auftrag gegeben wurde, war grün-weiß gestaltet. Sie wurde bei Aufmärschen, besonders am 1. Mai und bei Sportfesten gezeigt. Da die Farben um 1960 wechselten, verschwand sie von der Bildfläche und musste 1990 aus Privathand für das Vereinsarchiv zurückerworben werden. Zu den wichtigen Traditionsveranstaltungen der HSG zählten die Vereinsjubiläen, die in der damaligen Professoren-Gaststätte „Zur Rosen“ gefeiert wurden, die jährlichen Auszeichnungen der erfolgreichsten Sportler und die alle fünf Jahre organisierten DDR-Studentenmeisterschaften in der Leichtathletik. 1977 kam dann noch der Kernberglauf hinzu.
Die Sportstätten des ehemaligen VfB wurden der HSG von der Universität kostenlos zur Verfügung gestellt. Auf Grund des rasanten Mitgliederwachstums mussten weitere Uni-Sportstätten, wie die „Muskelkirche“, die „Jahnturnhalle“ und andere genutzt werden. Ein besonderes Merkmal der Zeit von 1949 – 1989 war, dass der staatlich verordnete Studentensport durch über 20 hauptamtliche Sportlehrer für alle Studenten der ersten zwei Studienjahre als Pflichtsport durchgeführt wurde. Diese Mitarbeiter waren alle funktionell mit wichtigen Ämtern in der HSG ausgestattet und entwickelten einzelne Abteilungen je nach Engagement und materiellen Möglichkeiten zu sportlichen Leistungsträgern in der Region.
Am 30. Mai 1990 kam es bei einer Delegiertenkonferenz der HSG zur Gründung des Universitätssportvereins Jena e. V. (USV) als Rechtsnachfolger der HSG. Vertreten waren bei der Gründung 24 Sportsektionen (1300 Mitglieder). Dem ersten Vorstand gehörten Prof. Dr. Lutz Wenke, Guenther Bühan, Manfred Rosemann, Edith Schwarz, Angela Sünder-Leps, Prof. Dr. Manfred Thieß, Wilhelm Tell und Kurt Grübner an. Kurzzeitig war Eberhard Täubert Geschäftsführer, bis Wilhelm Tell das neu geschaffenen Amt des Vorsitzenden, später Präsidenten übernahm. Der USV Jena wurde als gemeinnütziger Verein gegründet, in dem sowohl Studenten, Mitarbeiter der Universität und ihre Familienangehörigen, aber auch Bürger der Stadt Jena, Freizeit- und Wettkampfsport treiben· können. Die Vereinsfarben waren anfangs blau – gelb - weiß, wechselten dann aber zu blau-weiß. Das Vereinsabzeichen wurde mehrfach geändert. Traditionsveranstaltungen von überregionaler Bedeutung sind u. a. der Jenaer Kernberglauf, der 24-Stunden-Orientierungslauf und das Hanfried-Turnier.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Die erfolgreiche Männerbasketball-Mannschaft nahm in Anlehnung an alte Sportkleidung die Tradition wieder auf und gestaltete einen Trikotsatz in grün-weiß und nutze als erste Mannschaft seit 60 Jahren die alte Vereinsfahne zu einem Gruppenfoto.
veröffentlicht in Thüringische Landeszeitung 2. Juli 2015 Nr. 448
Unterstützt durch die Stiftung Jenaer Universitätssport
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