Die Anfänge des Tennissports in Jena

11 1/5 weimar(ischer) Acker an der Saale
Thüringische Landeszeitung 12. März 2015 Nr. 432

Spätestens mit der Gründung der „Hohen Schule“ im Jahre 1548 als Vorläufer der Universität spielten körperliche Aktivitäten der Studenten, heute würde man es als Hochschulsport bezeichnen, eine zunehmend wichtige Rolle. Bereits 1550 ist ein Fechtmeister namens Christoph in den Analen Jenas verzeichnet. Fechten war damals kein sportliches Fechten im heutigen Sinne, sondern galt als standesgemäße Form „Leib, Leben und die Ehre“ zu verteidigen. Wer es sich leisten konnte, nahm Unterricht bei einem Fechtmeister. Die Fechtmeister aus der Familie Kreussler, die über 100 Jahre das Privileg eines Universitätsfechtmeisters hatten, sorgten auf Grund ihres Ansehens sogar dafür, dass sich Studenten extra wegen ihnen in Jena einschrieben. 1567 findet man neben dem Fechten in Urkunden weitere sportliche Aktivitäten erwähnt: „An Übungen und Spielen werden häufig das begehrte Ballspiel, das Kegeln, Pikenwerfen, Fahnenschwingen, Reiten und Zielschießen, worin die Studenten sich auf der Landveste in der Saalevorstadt übten...“ In der Zeit zwischen 1662 – 1678, als Jena Residenz eines Herzogtums war, entstanden eine Reitbahn zum Training des Reitens und ein Ballhaus. Beides, von der Herzogin Marie Charlotte finanziell aus ihrer Privatschatulle unterstützt, stand auch den Studenten der Universität offen. Für 1670 ist die Privilegierung von Johann Christian Usswald als ersten fürstlichen Ballmeisters nachgewiesen. Er unterrichtete das Rückschlagspiel „Jeu de Paume“, welches man als Vorläufer des Tennissports bezeichnen kann. Spätestens zur Goethezeit wurde das Ballhaus aber nicht mehr für den Tennissport genutzt, denn dieser plante 1796 den Umbau zu einem Theater. Erst um 1890 gibt es wieder Nachrichten zum Tennissport, der diesmal in veränderter Form aus England kam. Der international bekannte Sporthistoriker Heiner Gillmeister fand im Deutschen Lawn-Tennis-Jahrbuch wichtige Hinweise zur Jenaer Tennisgeschichte: „Der erste Lawn-Tennis-Club entstand im Frühjahr 1893. Der Leiter desselben ist ein hiesiger Universitätsprofessor. Mitglieder sind zumeist Studenten und jüngere Damen aus den academischen Kreisen. Der Tennis-Club bezog im Frühjahr 1894 den im Herbste 1893 von einer Genossenschaft erworbenen großen Spielplatz mit.“ Besagter Universitätsprofessor war der Physiker Felix Auerbach, der 1889 die von Ernst Abbe gestiftete Professur für theoretische Physik erhielt. Als Jude wurde ihm eine ordentliche Professur zunächst verwehrt, erst 1923 wurde sie ihm übertragen. In dem kürzlich erschienenen Buch „Jüdische Lebenswege in Jena“ wird ausführlich auf Auerbachs Biografie eingegangen, ohne allerdings seine sportlichen Ambitionen genauer zu beleuchten. Die Gründung eines Tennisclubs, als zeitweiliger Zusammenschluss von Interessenten, um einen Platz für das Tennisspiel zu mieten, gehörte auf jeden Fall zu seinen Aktivitäten in Jena. Im ersten Jahr, 1893 spielte man noch auf der Landveste, ab 1894 auf den oben genannten Wiesen in der Oberaue. Diese Spielwiesen, wo auch Fußball und Leichtathletik betrieben wurde, hatten eine „…Grösse von 11 1/5 weimar(ischem) Acker an der Saale.“ Bis 1896 wurden darauf elf Tennisplätze angelegt, von denen zwei immer für ein Jahr an Universitätsprofessoren vermietet waren. Die Mieter hatten „für die Benutzung kleinere Gesellschaften gebildet“ und einen jährlichen Mietpreis in Höhe von fünfzig Mark zu entrichten, schreibt Gillmeister in einem Artikel. Maximal 20 Personen wurden in den Club aufgenommen. Einer davon ist der schon im Zusammenhang mit dem ersten Fußballspiel benannte Engländer Arthur Westlake Andrews, der in seiner Heimat Mitglied im „Oxford University Athletic Club“ gewesen ist. Der Allrounder Andrews war aus der Sicht des Auerbachschen Tenniszirkels ein überdurchschnittlich guter Tennisspieler. Er war nicht nur auf den Plätzen Oxfords erprobt, sondern hatte sogar auf dem heiligen Rasen von Wimbledon ab 1889 im Einzel und Doppel gespielt. Er erreichte zwar nur die zweite Runde, aber er hatte sich mit Topathleten seiner Zeit messen dürfen. So war er etwa gegen die All England Champions Herbert Lawford (siegte 1887) und Wilfred Baddeley (siegte 1891, 1892 und 1895) angetreten sowie noch 1910 gegen den aufstrebenden Spitzenspieler Gordon Lowe. Im Jahre 1893 war er daher vermutlich der erste Spieler auf deutschem Boden, der beim angesehensten Turnier der Zeit, in Wimbledon, bereits zwei Auftritte gehabt hatte. Außer dem Auerbachschen Tennisclub gab es auch eine studentische Verbindung, die sich einen Platz auf ihrem Grundstücke notdürftig zum Tennisspiel hergerichtet hatten. Dazu kamen um diese Zeit noch die Lawn-Tennis-Spielgesellschaft des Herrn „stud. jur. O. Röhrig“ sowie ein Privatplatz des Herrn Dr. Hess mit der Spielbeteiligung von ca. 12 Eingeladenen und einer vom Sohn des Eigentümers geleiteten Gymnasiasten Spiel-Vereinigung, wie Heiner Gillmeister herausfand. Ob es sich bei letzterem um den Tennisplatz von Prof. Dr. Ludwig Knorr an dessen Villa in der Kahlaischen Straße handelte, muss noch ermittelt werden.
Die Tennisaktivitäten fasste etwa ab 1895 Hermann Peter, als Verwalter der Spielplätz in der Oberaue, zusammen. Für 1889 findet man z. B. in der Jenaischen Zeitung die Anzeige: „Donnerstag den 5. Mai wird der Sommerbetrieb eröffnet... weitere Anmeldungen zur Beteiligung bei den einzelnen Abteilungen (Sportrudern, Tennis, Fußball usw.) wollte man bei dem Turnlehrer des Gymnasiums Herrn Peter anbringen. Der Spielplatzverein.“
Für 1901 findet sich in den Akten des Spielplatzvereins, dass die studentischen Verbindungen der Gothanen, Normannen, Saliern, Paulinern, Arminen, der mathematische Verein und die Westphalen Plätze zum Tennisspiel genutzt haben. Erst 1907 ist dann ein regulärer eingetragener Tennisverein nachweisbar, der sich später als eigenständige Abteilung dem Verein für Bewegungsspiele (heute USV Jena e. V.) anschloss.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Heiner Gillmeister fand in den Archivunterlagen Andrews (2. V. l. hinten) auch ein Foto des Jenaer Tennisclubs von Prof. Auerbach (Bildmitte halbsitzend).
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