Die Fußballspieler des ersten Spiels 1893 in Jena

Ein Duden für Jena am Ball

Am 30 Juli 1893 fand das erste offizielle Fußballspiel im Jenaer Paradies statt. Es spielte der um 1890 gegründete Fußballverein Jena gegen den Allgemeinen Turnverein 1845 Leipzig, der 1:0 gewann. Nach einem damaligen Pressebericht rekrutierte der „…Jenaer Fußballverein (…) seine Mitglieder durchgängig aus dem gelehrten Stande, und befinden sich die Spieler zum guten Teil schon im vorgerückten Alter.“ Leider sind in dem Bericht keine Namen überliefert. Es bedurfte der Untersuchungen vom renommierten Sporthistoriker Heiner Gillmeister aus Bonn, um etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Vorausschickend sei noch mal an frühere Beiträge erinnert, die belegten, dass „…im Jahre 1883 das hiesige Gymnasium den Spielbetrieb einführte, (und) von der Stadt bereitwillig das kleine Paradies zur Verfügung gestellt (wurde),“ wie in einem Antrag an die Stadtverwaltung, betreffs der weiteren Nutzung der kleinen Spielwiese im Paradies, zu lesen ist. Franz Rasch und ab 1893 Hermann Peter, die Turnlehrer am „Gymnasium Carolo Alexandrinum“, wie das damals neu gegründete Jenaer Gymnasium hieß, waren dabei die Hauptakteure und können auch als Mitspieler beim ersten Fußballspiel angesehen werden. Einige Jahre später konstituierte sich dann wie oben geschrieben ein Fußballverein. Zur Zielstellung dieses Vereins wurde in einem zeitgenössischen Artikel ausgeführt: „Im Jahre 1890 versuchten sich einige Herren im Spiel mit dem großen Stoßballe. Sie entschlossen sich, zunächst die Einübung des schwierigen, aber äußerst interessanten Fußballspiels in Angriff zu nehmen; es bildete sich ein Fußballverein, der ursprünglich 8, dann 16, jetzt über 30 Mitglieder zählt. Diesem Vereine gehören Lehrer aller hiesigen Schulen (der Universität, des Gymnasiums, der Institute, der Bürgerschulen, des pädagogischen Seminars) einige Aerzte, Kandidaten der Theologie, Studierende, einige Kaufleute und Andere aktiv an. Die Stellung dieser Herren führte sie gleich am Anfange der Betheiligung dazu, nicht nur zu spielen, sondern sich auch Urtheile über das Spiel zu bilden: Über seinen Werth überhaupt, seine Brauchbarkeit für Deutsche, für Erwachsene u. f. w.“
Zurück zum ersten Fußballspiel: „In der Jenaer Mannschaft spielten fünf Engländer und ein Deutsch-Österreicher. Nach den Berufen waren unter den Jenaern ein Arzt, fünf Lehrer, ein cand. theol. und drei Studenten.“ Zu den genannten fünf Engländern gehörte auf jeden Fall Joseph J. Findlay und Robert Waterhouse, die zusammen Ende 1892 nach Jena kamen. Findlay meldete sich 1893 bei der Universität für Vorlesungen und Seminare bei den Professoren Wilhelm Rein und Rudolph Eucken an. Er promovierte in Leipzig und vermittelte wohl auch das erste Fußballspiel. Als weiteren Engländer konnte Heiner Gillmeister Wimbledon-Tennisspieler Arthur Westlake Andrews identifizieren. Im Nachlass von Andrews fand Gillmeister fünf „Kabinettfotos“ junger Männer, die vielleicht in der Tradition studentischer Stammbücher anzusiedeln sind und von den darauf Abgebildeten diese einem lieben Kommilitonen, in diesem Fall Arthur Westlake Andrews, überreicht wurden. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit haben wir es hier zumindest mit dem einen oder anderen jener Kicker zu tun, die bei dem Jenaer „Urspiel“ mit von der Partie gewesen waren, führt Gillmeister aus. Dies gilt vor allem im Falle zweier Promovierter, dem des Dr. phil. Friedrich Dreyer und dem des Assistenten Dr. Paul Duden, die sich in Jenaer Adressbüchern der Zeit ermitteln ließen. Paul Duden, der Sohn von Konrad Duden, nach dem das bekannte Rechtsschreibenachschlagwerk benannt wurde, war ab 1889 in Jena im Fach Chemie immatrikuliert; 1892 promovierte und 1896 habilitierte er bei Prof. Ludwig Knorr. Dieser gehörte auch zu den akademischen Sportakteuren in Jena. Von Prof. Dr. Ludwig Knorr ist von Chemiehistoriker Peter Hallpap nachgewiesen worden, dass er in seinem „Wochenendgrundstück“ am Starnberger See auch Fußball spielte und sein Cousin, Dr. Angelo Knorr von 1907 – 1913 einer der ersten Präsidenten FC Bayern gewesen war. Ebenso zu den Spielern gehörte nach Gillmeister der Jenaer „Sport-Avantgardist“ Prof. Felix Auerbach. Er wäre auf Grund seiner jüdischen Herkunft zu den jüdischen Fußballpionieren zu zählen. Die Jenaer Sportgeschichtsschreibung hat dieses Kapitel bisher weitestgehend umgangen. Belegt sind außer einigen jüdischen Spielern und Funktionären beim 1. Sportverein (heute FC Carl Zeiss) vor allem Sportaktivitäten des Jüdischen Frontkämpferbundes, der z. B. bis 1933 Treffen jüdischer Frontsoldaten zu sportlicher Betätigung auf den Sportplätzen an den Teufelslöchern organisierte. 1935 gab es scharfe Angriffe des Direktors des Instituts für Leibesübungen, Hans Ebert, gegenüber dem Tennis-Wettspiel-Verein im VFB Jena (heute USV), der der Tennisriege des jüdischen Frontkämpferbundes einen Platz zum Preis von 300,- RM weiterverpachtet hatte. „Darüber hinaus hat der Verein durch seine Vermietung an den Jüdischen Frontkämpferbund eine starke judenfreundliche Einstellung gezeigt, die ihn nach meiner Anschauung nicht mehr für würdig erscheinen lässt, als Pachtvertragsgegner einer Deutschen Hochschule und Nutznießer von hochschuleigenen Sportanlagen aufzutreten,“ schrieb Ebert an die Uni. Die Jüdische Sportgeschichte ist aber ein Thema, welches noch gründlicher untersucht werden muss.
Für das erste Fußballspiel 1893 konnten damit jetzt neun Spieler identifiziert werden.
Dr. H. Kremer

In: Thüringische Landeszeitung 28. Mai 2015 Nr. 443
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