Eine Familie und die Jenaer Sportgeschichte

Otto Preuß War Mitgründer zweier Sportvereine

Wie wir in einem kürzlich veröffentlichten Beitrag ausgeführt haben, gehörte ein Otto Preuß Anfang der 1920er Jahre zu den Mitgründern des „Touristik und Wintersportvereins“ in Jena, der die Wanderhütte im Leutratal erbaute. Weitere Recherchen zu Otto Preuß förderten in der Fotosammlung seines Enkels Hubert Preuß ein Foto zu Tage, welches zeigt, dass er auch Kanufahrer war. Ein weiterer Enkel, der inzwischen 86jährige Joachim Preuß konnte dazu einige Details liefern, die die Vermutung stützen, dass Otto sogar zu den Gründern und wichtigen Akteuren des Kanusportvereins gehörte. Joachim Preuß, der selber eine bewegte sportliche Karriere hatte und heute noch mehrmals wöchentlich mit dem E-Bike unterwegs ist oder zügig den Jenzig in 20 Minuten erklimmt, konnte sich an Erzählungen erinnern, dass sein Großvater regelmäßig im Bootshaus oberhalb der Wasseraufbereitungsanlage von Schott/Zeiss dem Kanusport nachging. Hier hatte der Kanusportverein in den 1920er Jahren sein Bootshaus errichtet, so dass man davon ausgehen kann, dass Otto diesem Verein angehörte. Er baute für seinen Verein auch ein erstes Paddelboot aus Holz. Später hatte er sich dann einen Doppelsitzer angeschafft. Auf dem Foto bietet dieses Boot sogar drei Personen Platz. Der Bau eines Holzbootes fiel ihm nicht besonders schwer, da er ein sehr geschickter Tischler war.
Otto Preuß wurde 1880 geboren. Seine Familie stammte aus Saaldorf am Oberlauf der Saale. Sein Vater, der Schmied Karl Christian Preuß, hatte sich in Wenigenjena niedergelassen. Nach Erinnerungen seines Enkels Joachim soll er in die Schmidt‘sche Schmiede eingeheiratet haben. Auf jeden Fall war er mit einer Johanna Schmidt verheiratet. Als Flößer auf der Saale war er wohl öfters durch Jena gekommen. Zur Familientradition gehörte die Flößerei, wo auch gerne Schmiede mitgenommen wurden, um notfalls unterwegs Werkzeuge zum Bau der Flöße in Ordnung zu halten. Wann er genau dabei erstmals nach Jena gekommen ist, konnte noch nicht geklärt werden.
Sein Sohn Otto bekam 1908 die Bürgerrechte von Wenigenjena verliehen. Im Adressbuch wird er als Tischler geführt. Er war als Tischler bei Zeiss angestellt worden und entwickelte sich dort zu „dem Holzfachmann“ überhaupt. Er wurde Einkäufer für alle Hölzer, die Zeiss für seine Geräte und Verpackungen benötigte. Dazu musste er auch regelmäßig ins Ausland, sogar bis nach Südamerika reisen. Bis 1945 war er der Obermeister aller Zeisstischler. Als Tischler hatte er für seine Enkel eigenhändig ein Paar Ski aus verschiedenen Holzschichten u. a. aus Hickory entwickelt. Diese Art von Skibau wurde erst in den 1950er Jahren, vor der Erfindung der Aluminium- und Kunststoff-Modelle, Standart.
Als Mitglied der NSdAP wurde Otto Preuß nach dem Einmarsch der Roten Armee denunziert und verhaftet. Der letzte Kontakt, an den sich Joachim Preuß aus Familienerzählungen erinnern kann, war, als seine Großmutter Otto beim Behelfsbrückenbau in einer Gruppe Gefangener bewacht von Soldaten der „Roten Armee“ sichtete und vom Weiten zuwinken konnte. Danach verlieren sich seine Spuren. Gerüchten nach soll er im Speziallager 2 in Buchenwald umgekommen sein. Zur Familientragik gehörte, dass sein Sohn Karl, also der Vater von Joachim, auch vermutlich durch Soldaten der „Roten Armee“ zu Tode kam. 1947 bei einer Hamsterfahrt im Umland von Jena wurde er mit schweren Verletzungen tot aufgefunden. Bewohner eines nahegelegen Dorfes berichteten, dass kurz vorher ein LKW mit sowjetischen Soldaten aus dieser Richtung gekommen seien. Die Jenaer Polizei ermittelte in dem Falle kaum und empfahl der Familie sogar, von eigenen Nachforschungen abzusehen.
Die Mutter stand nun mit fünf Söhnen alleine da. Der Älteste, Remo, der seiner Mutter nicht auf der Tasche liegen wollte, ging in den Westen und später in die USA, wie wir schon berichteten. Joachim, der zweitälteste, war kurz vor Kriegsende noch eingezogen worden. Er war als Schüler leidenschaftlicher Segelflieger, wie viele Jugendliche in dieser Zeit. Er hatte mit dem Flugmodellbau begonnen und dann zur Fliegergruppe bei der „Hitlerjugend“ gefunden. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Jugendliche verstärkt für die Segelfliegerei begeistert, um später für die Luftwaffe eingezogen und im Kriegsdienst als Piloten eingesetzt werden zu können. Joachim Preuß erinnerte sich noch an Starts mit dem Gleitsegler unterhalb der Lobdeburg, als dort noch große Wiesen und Felder waren. Gegen Kriegsende wurde er sogar noch als Luftwaffenschüler eingezogen. Nach unbestätigten Vermutungen sollte die Gruppe, der Joachim angehörte, kurz vor Kriegsende mit dem Jagdflugzeug He 162 zum Einsatz kommen. In Wikipedia findet man den Hinweis, dass: „eine Einheit von Segelfliegern der Hitlerjugend…hastig ausgebildet und nach zehn Flugstunden mit der He 162 in den Einsatz geschickt (wurde).“ Das Flugzeug war ein Strahltriebjagdflugzeug, welches erst im September 1944 in Auftrag gegeben wurde. Große Teile bestanden aus Holzkonstruktionen, da das „Deutsche Reich“ nicht mehr über genügend hochwertigeres Material verfügte. Dadurch wies der Düsenjäger viele Mängel auf. Seine Geschwindigkeit musste statt der möglichen 900 auf ca. 600 km/h gedrosselt werden. Erste Einsätze gab es im April 1945. Die meisten Flugzeuge gingen durch Materialschäden oder die mangelhafte Flugerfahrung der meist sehr jungen Piloten zu Bruch.
Dieses Schicksal blieb Joachim auf Grund des Kriegsendes erspart. Er ging 1947 zur Holzaktion für Carl-Zeiss in den Thüringer Wald. Was aber eine spätere Geschichte sein wird.
H. Kremer
Bildunterschrift: Fotoarchiv Kremer: Otto Preuß um 1925 im Kanu links hinten, davor sein Sohn Karl auf der Saale.

In: Thüringische Landeszeitung vom 10. August 2017 Nr. 549
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