Eine Jenaer BSG-Sportlerin 1960 bei Olympiade mit Medaille verdient den Eintrag ins goldene Buch der Stadt

Eine BSG-Sportlerin bei Olympia

Im Rahmen der Artikelserie zu den olympischen Sommersportspielen in Rio de Janeiro wurden einige weniger bekannte historische Begebenheiten aus der Jenaer Sportgeschichte veröffentlicht. Eine davon rief mehrere Reaktionen von fleißigen Lesern hervor. Dies betraf Barbara Goebel, die als Schwimmerin die erste Olympiamedaille überhaupt für Jena errang. In der Ausstellung Körperkämpfe, die 2012 im Stadtmuseum erfolgreich präsentiert wurde, kam Barbara Goebel nur am Rande vor. Ihr Erfolg wurde damals aber Magdeburg zugerechnet, obwohl sie zumindest bis Ende 1960 Mitglied bei der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Motor Carl Zeiss Jena gewesen ist.
Wie kam es zu dieser gravierenden „Lücke“ in Jenas Sportgeschichte?
Erst nach der Veröffentlichung des betreffenden Artikels gelang es, Barbara Goebel persönlich ausfindig zu machen, die jetzt wechselweise mit ihrem Mann in Magdeburg und Berlin lebt. Im Gespräch mit ihr und Dank von Hinweisen ihrer „Mitschwimmerin“ Christine Vorkäufer (heute verheiratete Schmöller) gelang es einige Fragen zu klären.
Barbara Goebel ist schon sehr jung immer gerne geschwommen, und im Sommer verbrachte sie viel Freizeit am und im Schleichersee. Sie wohnte in der Kahlaer Straße unweit der Schubertsburg und hatte es über die damals existierende Pontonbrücke zum Schleichersee nur einen Katzensprung. Schon mit sechs Jahren tummelte sie sich hier. Mit etwa 10 Jahren kam sie zur Sektion Schwimmen der BSG Motor Carl Zeiss Jena. Eine ihrer Übungsleiterinnen, die ihr Schwimmtalent förderte, wurde Jutta Hübscher, die ehrenamtlich bei der BSG Motor Carl Zeiss tätig war. Die Trainingsgruppe umfasste maximal 20 Schwimmerinnen und Schwimmer aller Altersklassen und wurde von Gerd Saul, der beim VEB Carl Zeiss arbeitete, als Sektionsleiter und Trainer organisiert. Jutta Hübscher, die nicht verheiratet war, verbrachte viel Zeit mit den Schwimmern, war bei allen Wettkämpfen dabei und tröstete auch mal bei Misserfolgen. Sie galt als die gute Seele der Gruppe. Barbara wurde von ihren Eltern stark unterstützt. Zu Wettkämpfen ging es meist in andere Städte, wo es bessere Schwimmhallen gab. Häufig waren sie in Greiz, wo sie mit Ingrid Schmidt eine ebenbürtige Schwimmerin hatte, die nicht nur Teamkameradin im DDR-Auswahlkader sondern auch Freundin von Barbara wurde. Als Barbara zum DDR-Nachwuchskader kam, unterstützte sie Gerhardt Hoecke vom Institut für Körpererziehung, der mit ihr das Athletiktraining, nach heutigem Sprachgebrauch, organisierte. Hoecke wurde später Schwimmfunktionär im internationalen Schwimmverband und war viele Jahre Startverantwortlicher bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Als Kader musste Barbara alle 14 Tage zum Trainingslager, das häufig in Magdeburg stattfand, wo der Trainer herkam. Außerdem hatten sich im September 1959 die Trainingsbedingungen in Jena wegen der Schließung des Volksbades (bis 1962) gravierend verschlechtert. So mussten die Schwimmer in der kalten Jahreszeit nach Pößneck, Erfurt, Gera oder Greiz zum Training.
Nach den Olympischen Spielen 1960 und der fehlenden Perspektive in Jena ging Barbara nach Magdeburg, wo der Trainer der DDR-Nachwuchsauswahl Herr Zierau wohnte und sie trainierte. Außerdem bekam Barbaras Vater in Magdeburg eine Arbeitsstelle. Barbara legte in Jena aber noch ihr Abitur in der „Angerschule“ ab. In Vorbereitung auf die olympischen Spiele 1964 in Tokio gehörte sie ebenfalls zum Kaderkreis. Eine Meniskusverletzung führte zu längerem Trainingsausfall, so dass sie bei den Ausscheidungswettkämpfen knapp den Startplatz für die gesamtdeutsche Mannschaft verpasste. Bei Wettkämpfen und sogar bei den Ausscheidungskämpfen für die gesamtdeutsche Olympiamannschaft 1960 lernte sie auch Jutta Langenau kennen, die in Jena Sport studiert hatte und die erste DDR-Europameisterin geworden war. Jutta Langenau schaffte es aber nie in die gesamtdeutsche Mannschaft. Das im oben angesprochenen Artikel verwendete Foto stammte aus einer italienischen Sportzeitschrift über die Olympiade 1960. Eigentlich war es von den DDR-Offiziellen nicht so gerne gesehen, wenn Ost- und Westsportler bei Wettkämpfen zusammen auftraten. Da aber die italienischen Journalisten darauf bestanden, dass die Zweite (Wiltrud Uselmann BRD) und Dritte (Barbara Goebel DDR) des Endlaufs zusammen abgebildet wurden, wurde ein Farbfoto unmittelbar nach dem Schwimmwettkampf arrangiert. Danach wurde noch ein weiteres Foto angefertigt, auf welchem die beide Sportlerinnen in der Mannschaftskleidung zu sehen sind, das ebenfalls mehrfach publiziert wurde und heute manchmal als Autogrammfoto im Internet auftaucht.
Nachzutragen wäre noch, dass Barbara Goebel unmittelbar nach Ihrer Rückkehr in Jena mehrfach geehrt wurde. So wurde sie gemeinsam mit dem Ringer Christian Luschnig, der ebenfalls an den olympischen Spielen in Rom teilgenommen hatte, im Jenaer Stadion im Rahmen des „Zeissfestes“ vor tausenden Zuschauern vom Zeiss-Werkleiter Hugo Schrade ausgezeichnet. Außerdem gab es einen Ehrenempfang in der Gaststätte Schwarzer Bär. Da ihr Jenaer Trainer Gerd Saul dazu nicht eingeladen worden war, schmiss dieser seine jahrelang erfolgreiche ehrenamtliche Tätigkeit hin, was ein großer Verlust für Jenas Schwimmsport war. Auf die Geschichte des Schwimmsports bei der BSG Motor Carl Zeiss werden wir später noch mal zurückkommen.

Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Auf einem privaten Foto aus dem Album von Christine Schmöller ist dieses Bild von der Olympia-Nachfeier der Jenaer Schwimmerinnen in der Wohnung von Barbara Goebel (links) zu sehen, rechts Christine.

In: Thüringische Landeszeitung vom 9. November 2016 Nr. 516
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