Eine Wiese für 15 Taler

Eine Wiese für 15 Taler

Zum 200. Jubiläum der Gründung der Jenaer Burschenschaft gab es sehr kontroverse Berichte und Meinungen zu den Burschenschaften. Bei allem Für und Wider, welches je nach politischer Couleur vorgetragen wurde, wurde vor allem vergessen, dass es wohl ohne die Burschenschaften nicht zu der großen Verbreitung des Turnens in Deutschland im 19. Jahrhundert gekommen wäre. Nach dem Vorbild des burschenschaftlichen Lebensbundprinzips entwickelten sich spätestens nach der 1848er Revolution die auf demokratischen Regeln agierenden Turnvereine. Sie stellten, ähnlich den Burschenschaften, einen über mehrere Generationen und lebensbegleitenden Zusammenschluss, von anfangs vorwiegend Männern, mit dem Ziel dar, eine „sportlich“ gestaltete Freizeit zu organisieren. Der geistige Urheber für die „sportliche“ Komponente war der „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn. Er war auch ganz entscheidend bei der Gründung der Urburschenschaft in Jena durch zwei seiner „Schüler“, Hans Ferdinand Maßmann und Christian Eduard Leopold Dürre, beteiligt. Gehen wir hier nicht weiter ausführlich auf die bekannten Ideen der Urburschenschaft ein, die von der Entwicklung eines deutschen Nationalbewusstseins bis zur deutschen Fahne in schwarz-rot-goldene Fahne reicht. Für Jena käme noch hinzu, dass es ohne die Burschenschaften den Namen des viel umstrittenen Eichplatzes nicht gegeben hätte.
Kaum hervorgehoben wird, dass die Ur-Burschenschaft, die in Landsmannschaften und Verbindungen aufgesplitterte Jenaer Studentenschaft einigte. Die Landsmannschaft der Vandalen, der Thüringer und der Franken lösten sich als erste auf, um die Urburschenschaft zu gründen. Fast alle übrigen studentischen Verbindungen folgten, sodass am Ende weit über die Hälfte der Jenaer Studenten in dieser Organisation ihre politische und „sportliche“ Heimat hatten. Vielleicht ist auch dies ein Grund, warum „Unbekannte“ das berühmte Burschenschaftsdenkmal von Adolf von Dorndorf am Uni-Hauptgebäude mit grüner Farbe übergossen haben.

Der erste Ansatz zur „Turnerei“ findet sich bei den Burschenschaften im §6 ihrer, von Jahn beeinflussten Burschenschaftsordnung, wo es heißt, dass es zu den Pflichten eines Burschenschafters gehöre: 1. Etwas Tüchtiges lernen; 2. Sich deutsch aus(zu)bilden für Volk und Vaterland, leiblich und geistig und 3. Sich in den Waffen üben, mit Blankwehr wie mit Schießgewehr. Das heißt, eine Volksbewaffnung und das Üben mit den Waffen gehörte zu den demokratischen Forderungen der Urburschenschaft. In genau diese Richtung zielten dann auch viele Übungen des Jahnschen Turnens. Die beiden von Jahn nach Jena entsandten Studenten Maßmann und Dürre übernahmen als „Übungsleiter“ den Turnbetrieb, den sich alle Burschenschaftler mindestens einmal pro Woche unterzogen. Die Uni-Professoren Heinrich Luden und Georg Kieser unterstützten diese turnerischen Aktivitäten indem sie eine Wiese für 15 Taler privat als Turnplatz anmieteten. Sie bekundeten außerdem in einer Eingabe an den akademischen Senat die Absicht „nach dem Beispiele der Turnanstalten zu Schnepfenthal und Berlin“ auch in Jena eine solche Einrichtung zu schaffen, die nicht nur den Studenten, sondern allen „turnfähigen Einwohnern der Stadt“ offen stehen solle.

Nach dem Attentat des Jenaer Burschenschafters Karl Ludwig Sandt auf den Dichter August Friedrich v. Kotzebue in Karlsbad wurde von den deutschen Fürsten das Verbot der Burschenschaften und des Turnens beschlossen. In der Folge wurden viele Burschenschafter und Turner verfolgt. Beim Hambacher Fest 1832 und bei der Revolution von 1848 rückten die Turner, häufig geführt von ehemaligen Burschenschaftern, noch mal politisch in wichtige Funktionen auf. In den 1860er Jahren wurden die Turner zunehmend, ähnlich den Burschenschaften, den preußischen Reichseinigungsbestrebungen untergeordnet, worauf hier nicht weiter eingegangen werden soll. In Jena spielte in der frühen Turnbewegung Karl Volkmar Stoy eine wichtige Rolle, der 1815 geboren, natürlich kein Urburschenschafter war. Er stand aber während der Studienzeit in Göttingen den Anhängern der Burschenschaftsideen sehr nahe. In der 1848 Revolution gehörte er zu den Initiatoren der Volksbewaffnung und der Bildung einer Bürgerwehr in Jena.
Da es aus dieser Zeit natürlich keine Fotos gibt, haben wir ein bisher unveröffentlichtes Foto einer studentischen Verbindung ausgewählt, welches um 1900 in Weimar aufgenommen wurde. Der Leiter des Weimarer Stadtarchiv Dr. Jens Riederer bemerkt dazu: „Am nahe liegendsten handelt es sich um Jenaer Studenten, die wegen des Hoftheaters regelmäßig nach Weimar herüberkamen…In der Altenburg (Jenaer Straße) gab es eine Landwirtschaftliche Ausbildungsstätte, die aber auch irgendwie mit der Uni Jena zusammenhing…Da die Industrieschule erst 1931 nach Weimar wechselte, wüsste ich keine andere Studieneinrichtung zu nennen. Die Kunstschule kommt kaum in Frage, die nannten sich auch Schüler, nicht Studenten.“
Der These, dass es sich um Jenaer Studenten auf dem Foto handelt, können wir uns anschließen. Ein wichtiger Hinweis zum Namen der Verbindung könnte sein, dass auf dem Foto zwar studentische Degen und Mützen erkennbar sind, aber keine Bänder. Es könnte sich daher um den „nichtfarbetragenden“ 1859 gegründeten Akademischen Turnverein Gothania Jenensis handeln.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Jenaer Studenten um 1900, aufgenommen von Fotografen Otto Hoffmann in Weimar. Fotonachweis USV-Fotoarchiv.

Veröffentlicht in Thüringische Landeszeitung 25. Juni 2015 Nr. 447
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