Faustball in Jena

Die Rückkehr des Faustballs

Die Sportreferentin des Studentenrates der Friedrich-Schiller-Universität hatte kürzlich zu einer Auszeichnungsveranstaltung geladen, bei der in Anwesenheit von viel Prominenz der Uni die erfolgreichsten Hochschulsportler des Jahres 2015 ausgezeichnet wurden. Neben der Leichtathletik, Karate und Rudern gehörte erstmalig in der Geschichte dieser seit 2005 jährlich durchgeführten Veranstaltung auch ein Faustballteam dazu. Dieses sicherte sich damit auch den ersten Faustballeintrag in die Hall of Fame (Ehrentafel) des Universitätssports.
Faustball gehört zu den ältesten Mannschaftspielen in Jena überhaupt und geht bis ins Ende des 19. Jahrhundert zurück, als in allen Jenaer fünf Turnvereinen Faustballmannschaften vorhanden waren. Dazu kamen noch die Akademischen Turnvereine (ATV), wie der 1882 gegründete ATV Gothania Jenensis, der einige Jahre die Faustballhochburg in Jena war. Mit dem Aufkommen der Fußball- und Sportvereine ab 1903, gab es auch bei diesen, so beim Fußball-Klub (FK) Carl Zeiss und beim Verein für Bewegungsspiele (VfB) Faustballmannschaften. In einem Werbeprospekt für die Universität aus dem Jahre 1910 wurde das heutige Universitätssportzentrum wie folgt beschrieben: „Etwas oberhalb der Stadt, in den herrlichen, mit Weiden und Erlen bestandenen Wiesen an der Saale, ist ein Platz im Umfang von fünf Hektar für Sportzwecke eingerichtet. Es wird daselbst Fußball, Croquet, Schlagball, Faustball, Hockey und Tennis gespielt.“ Ein richtiger Faustball-Sandplatz lag vor dem heutigen Tennishaus und reichte bis zum Bootshaus. Er war vom Sportplatzbegründer Hermann Peter angelegt worden. Nach 1910 häufen sich die Nachrichten über Faustballturniere in den Zeitungen.
Am 15. Juni 1912 spielte die Gothania in Halle gegen den dortigen ATV ein Hockey- und ein Faustballwettspiel aus. „Das Hockeyspiel war das 1. Landeshockeyspiel und hatte eine erfreuliche Zuschauermenge auch aus akademischen Kreisen angezogen… Große Begeisterung fand das Faustballspiel. Die Schiedsrichter konnten sich aber über das Resultat nicht einigen, doch dürfte Halle knapp mit 71:69 gewonnen haben“, kann man in der Jenaischen Zeitung lesen. 14 Tage später fand ein Faustballspiel des ATB Gothania gegen den FK Carl Zeiss statt, den Carl Zeiss mit 15 Bällen Unterschied gewann. Die Faustballspieler des FK waren dabei zum Großteil identisch mit den Fußballspielern. Beim 22. Gauturnen Mittelthüringens 1912 verloren die Gothanen im Endspiel des Faustballwettbewerbes 104 : 93 gegen MTV Erfurt. Seit 1913 gehörte Faustball zum Programm des Universitäts- Turn- und Sportfestes. Den Wanderpokal für die beste Faustballmannschaft beim Universitätssportfest 1914 gewannen die Gothanen.
Seit 1912 fanden in Jena „Vaterländische Turn- und Spielfeste“ statt. Hier traten Mannschaften von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in den verschiedensten Turnwettbewerben an. Als Wettspiele waren Faustball, hier gewinnt die Gothania alle ihre Spiele, Barlauf, Tamburin, Schlagball, Grenzball, Korbball (eine Vorform des Basketballs), hier gewinnt die Ostschule bei den Mädchen und Treibball, ausgeschrieben. Insgesamt waren fast 500 Teilnehmer beim Vaterländischen Turn- und Spielfest aktiv. Beim 3. Vaterländischen Turnen 1914, welches diesmal auf der Wiese der Rasenmühleninsel stattfand, war erstmals ein Faustballturnier für Frauen und Mädchen ausgeschrieben. Als Siegerinnen sind hier eine Mannschaft des Studentinnenvereins verstärkt durch Lehrerinnen der Stadt verzeichnet.
Dass das Faustballspiel damals sehr populär war, kann man auch daran erkennen, dass bei der Planung von Erweiterungs- und Sanierungsbauten im Universitätssportzentrum 1917 von Jakob Schrammen neben einer 400-Meter Laufbahn, ein Fußballplatz, zwei Faustballplätze, je drei Fußball- und Faustballübungsplätze, Einrichtungen für Turnübungen und Wehrturnen, eine Turnhalle (13 X 25 m) eingeplant waren.
Beim Unisport wurde dann mehr oder weniger intensiv bis 1945 Faustball in der Turn- und Sportlehrerausbildung und im „Hochschulsport“ gespielt. Nach 1945 gehörte Faustball noch in vielen Sportgemeinschaften zum festen Angebot. 1950 fanden sogar die ersten DDR-Meisterschaften im Faustball in Jena statt. Im Rahmen der Sportlehrerausbildung wurde bis Mitte der 1950er Jahre von Walter Wurzler Faustball gelehrt und als Spieler sind neben der späteren DDR-Fußballtrainerlegende Georg Buschner, Paul Dern, Walter Wurzler, Horst Götze, Wilfried Wesiger und Rolf Kunze überliefert, von denen einige gleichzeitig aktive Volleyballer waren.
In den 1980er Jahren beschwerte sich der Altersturner Eduard Malcolm mehrmals, dass seine Faustballmannschaft (Ü80) von der BSG Motor Carl Zeiss nicht DDR-Meister werden könne, da es keine Gegner mehr gäbe.
Beim Thüringer Turnverband sind heute etwa 20 faustballspielende Vereine gelistet, darunter aus Jena die „Turnsport Gemeinschaft“ (TsG).
Zurück zum heutigen Faustballteam des Unisports: Dieses wurde 2013 von der heutigen Sportreferentin Bianca Kruck als feste Übungsgruppe im Hochschulsport ins Leben gerufen. Die Mannschaft beteiligte sich 2015 an den „adh-open“, einem Wettkampf im Range von Hochschulmeisterschaften für Sportarten, die noch nicht im „Meisterschaftskanon“ des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbandes (adh) aufgenommen wurden. Im Mix-Turnier belegte die Uni Jena den dritten Platz.

Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Das Faustballteam der Uni 2015 den „adh-open“ mit (v.l.) Oliver Siebdrath, Sebastian Gawrisch, Natalie Löber, Bianca Kruck, Richard Lauer.

In: Thüringische Landeszeitung 17. Dezember 2015 Nr. 472
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
719
Jürgen Wesiger aus Nordhausen | 28.01.2016 | 15:55  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige