Fußballer aus Coburg zu Gast in Jena

Nicht der erste und letzte „Westkontakt“


Ein Zufallsfund im Internet förderte ein Freundschaftsspiel der „Alten Herren“ des VfB Coburg gegen die „Alten Herren“ der BSG Motor Carl Zeiss Jena im Oktober 1959 im Jenaer Stadion zu Tage. Dazu konnten vom Sohn eines Coburger Mitspielers sogar einige Fotos ausfindig gemacht werden. Das Spiel fand im Vorfeld des 10. Geburtstages der DDR, der am 7. Oktober 1959 mit großem propagandistischem Aufwand begangen wurde, statt. Wie es zu den Kontakten nach Coburg kam, konnte bis jetzt noch nicht ermittelt werden. Sportkontakte nach Coburg sind bis jetzt in der Jenaer Sportgeschichte eher selten belegt, obwohl Coburg bis 1945 in vielen Sportfachverbänden zum „Gau Thüringen“ gehörte. Nachgewiesen sind aber viele Turnfahrten nach Coburg, lag doch dort vor dem I. Weltkrieg eine wichtige „Wiege“ der Deutschen Turner, was auch mit der liberalen Einstellung des dort regierenden Herzoghauses von Sachsen-Coburg und Gotha zu tun hatte. Der Herzog Carl Eduard, der bis 1918 auch zu den vier Nutritoren der Universität gehörte, unterstützte regelmäßig mit Preisstiftungen Sportveranstaltungen, so auch das erste große Universitäts- Turn- und Sportfest 1914.
Eine Fußnote der Universitätsgeschichte ist, dass Ernst Haeckel 1860 beim I. Deutschen Turnfest in Coburg als Turner mitmachte. 1863 als das Turnfest in Leipzig stattfand, bekam er sogar eine Medaille für seinen 6,00 Meter-Weitsprung.
Ein Jenaer Fußballkontakt nach Coburg ist für das Jahr 1910 belegt. Bei einen Punktspiel im Juli waren Vorstandsmitglieder des Verbands Mitteldeutscher Ballspielvereine als Gäste anwesend, die „…am Ende des Spiels dem F.-K. Zeiß den ehrenvollen Auftrag zuteilwerden ließ(en), auf Veranlassung des Verbandes am 7. August in Coburg ein Propagandaspiel zu liefern…“, kann man in der Jenaischen Zeitung lesen. Der Folgesatz dazu ist heute schwer nachvollziehbar: „Bis dahin stellt der F.-K. C. Zeiß den Fußballsport ein, damit die Leichtathletik gepflegt werden kann.“ Damals waren viele Fußballer gleichzeitig als Leichtathleten aktiv und hielten sich die Sommermonate von Fußballspielen frei. Zum angekündigten Fußballspiel kann man im Jenaer Volksblatt lesen, dass der Gaumeister Ostthüringens, Carl Zeiss in Coburg das Propagandaspiel 6:1 gewann. Gegner war der Thüringisch-Fränkische Ballspielverein, dessen Aufnahme in den Mitteldeutschen Verband damit symbolisch vollzogen wurde.
Jenaer Sportkontakte nach Coburg gab es vor allem durch die studentischen Landsmannschaften und Turnerschaften, die nicht nur den Namen der Stadt als „Coburger Convent“ (CC) tragen, sondern seit 1872 mit wenigen Unterbrechungen ihre Pfingstreffen in Coburg organisieren. Auch Jenaer studentische Verbindungen nahmen daran teil. Bei den Pfingsttreffen gab es immer sportliche Wettbewerbe, so konnte z. B. 1927 die Rhenania Jenensis die Faustballmeisterschaft des CC gewinnen.
Zurück zum Fußballspiel von 1959: Dass die BSG Motor Carl Zeiss mit großem Aufwand ein Fußballspiel gegen eine „Westmannschaft“ organisierte, gehört zur damaligen Sportpolitik, die nach Gründung der DDR sportliche Kontakte nutzen wollte, die DDR als sportfreundlichen Staat bekanntzumachen und die westliche „Hallsteindoktrin“ zu unterlaufen. Das Spiel war ein Rückspiel und wurde 0:3 verloren. In einer Coburger Zeitung findet sich folgender Artikel:
„Im neu erbauten Jenaer Stadion, das vier Fußballplätze aufweist, wurde gespielt. Jena gewann die Revanche nicht, obwohl es bekannte Spieler in seinen Reihen hatte, so u. a. die Repräsentativen Malter (früher Effelder) und Walter Bachmann (früher 1. SV)…Die 5000 Zuschauer spendeten den Coburgern für ihr überzeugendes Spiel oftmals starken Beifall…Über die Fahrt nach Jena wird uns noch Folgendes mitgeteilt: Die Aufnahme in Jena war sehr herzlich und die Unterkunft im „Schwarzen Bären“ gut. Am Sonnabendabend wurde noch eine Wanderung nach dem Fuchsturm unternommen und ein Blick auf das hell erleuchtete Jena geworfen. Am Sonntagvormittag gab es eine Stadtbesichtigung. Am Marktplatz entsteht zur Zeit ein mehrstöckiges Hochhaus der Zeiß Werke. Das Schillerhaus wurde u. a. besucht. Am Abend gab es ein Abschiedsessen im „Engel“. Aus allen Gesprächen klang der Wunsch nach baldiger Wiedervereinigung.“
Dieses Fußballspiel war nicht der erste und letzte „Westkontakt“ einer Jenaer Betriebssportgemeinschaft zwischen der Republiksgründung 1949 und dem Mauerbau 1961. Jena kann sogar für sich in Anspruch nehmen, dass hier wahrscheinlich das erste „Gesamtdeutsche“ Fußballspiel überhaupt am 9. November 1949 stattfand. Das Fußballspiel der Uni-Auswahl gegen Göttingen, wurde von den Gästen mit 2:1 gewonnen. 2500 Zuschauer waren dazu ins Unisportzentrum gekommen. Auch hier gab es ein Rahmenprogramm. Die Gäste sollten: „Ausschnitte aus dem Leben in der Deutschen Demokratischen Republik mit eigenen Augen zu sehen. Sie besichtigten mit großem Interesse den volkseigenen Betrieb Schott, in dem das bekannte Jenaer Glas hergestellt wird, und sahen, dass Schott, ebenso wie das Zeisswerk, längst wieder in drei Schichten auf vollen Touren arbeitet…Das Erscheinen der Göttinger Fußballer…ist nach der Konstituierung der Deutschen Demokratischen Republik der Auftakt einer fruchtbaren Epoche sportkameradschaftlicher Zusammenarbeit und damit ein spürbarer Schlag gegen die westdeutschen Spaltungspolitiker…“ kann man der Tageszeitung „Thüringer Volk“ lesen.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift. Die Altherrenmannschaften vom VfB Coburg und der BSG Motor Jena 1959 vor dem Spiel.

In: Thüringische Landeszeitung vom 25. Februar 2016 Nr. 480
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