Geschichte der Jenaer Leichtathletik und des Hochschulsports

Studentenweltmeisterin aus Jena?

Ein Nebensatz in einem Leichtathletik-Pressebericht aus den frühen 1950er Jahren löste eine umfangreiche Recherche aus, die eine Studentenweltmeisterin zu Tage förderte, die auch für Jena startete.
Bisher waren vor allem Siegfriede Dempe und Luise Lockemann als Studentenweltmeisterinnen der Jenaer Universität bekannt. Sie haben in den 1930er Jahren je neun Einträge in der gerade erschienenen zweiten Auflage der „Ehrentafel des Jenaer Universitätssports“ bekommen.
Studentenweltmeisterschaften gibt es seit 1924 (Warschau). Die 100-Meter-Läuferin Charlotte Freytag aus Weimar war die erste Studentin der Jenaer Uni die bei Studentenweltmeisterschaften startete, was bisher aber kaum im Blick der Öffentlichkeit stand. 1930 (Darmstadt) belegte sie mit 13,2 Sek. einen hervorragenden zweiten Platz. Siegfriede Dempe, ebenfalls aus Weimar und Fritz Müller (Celle), beide Sportstudenten an der Uni, gingen dann 1935 (Budapest) bei den Studentenweltmeisterschaften an den Start. Siegfriede holte Silber über 80-Meter-Hürden und Fritz Silber mit der Olympischen Staffel und Bronze im Leichtathletik-Fünfkampf. Den ersten Studentenweltmeistertitel schaffte 1937 Siegfriede Dempe über ihre Paradedisziplin (80-Meter-Hürden), in der sie 1939 sogar kurzzeitig eine Weltbestzeit (11,5 Sek.) hielt. Die Studentenweltmeisterschaften 1939 wurden von Deutschland mit großem Aufwand, im kurz vorher „angeschlossenen“ Österreich organisiert. Sie standen aber am Vorabend des Beginns des II. Weltkriegs unter schlechten Vorzeichen. Eine Vielzahl von demokratischen Staaten hatte auf die Teilnahme in Wien verzichtet. Die vier Gold-, eine Silber- und eine Bronzemedaille von Siegfriede Dempe und Luise Lockemann müssen trotzdem sportlich gesehen als hochwertig angesetzt werden. Beide waren nämlich inzwischen Assistentinnen bzw. Lehrerinnen, die voll im Dienst standen. Nur auf Grund des Regelwerkes, welches besagte, dass man bis ein Jahr nach Abschluss des Studiums noch als Student zählte bzw. als Titelverteidiger noch mal antreten durfte, ermöglichten, dass Siegfriede und Luise für Deutschland starten konnten. Dazu kam noch die Jenaer Sportstudentin Annemarie Langerbeck, die zur deutschen Goldstaffel über 4x100m gehörte.
Nach dem Ende des II. Weltkrieges übernahm der neu gegründete Internationale Studentenbund (ISB) die Idee der Organisation von Studentenweltspielen. 1947 gab es im Winter (Davos) und im Sommer (Paris) die erste Neuauflage. Als Ergebnis des sich zuspitzenden „Kalten Krieges“ zwischen Ost und West, gründeten 1948 einige westliche Studentensportorganisationen einen eigenständigen Verband (FISU). Durch diese Spaltung kam es zu zwei parallel stattfindenden „Weltmeisterschaften“. Während der ISB „Weltmeisterschaften“ im Rahmen von Weltfestspielen austrug, organisierte die FISU Weltspiele. Seit 1954 gab es Versuche, die Spaltung der internationalen Studentensportorganisation zu überwinden, was 1959 mit der ersten Universiade in Turin seinen erfolgreichen Abschluss fand. Die DDR wurde dabei auf Grund des Alleinvertretungsanspruchs der BRD nicht mit aufgenommen. Die DDR-Sportpolitik hatte aber auch einen starken eigenständigen Studentensportverband nicht auf ihrer Agenda. Das Präsidium für Hoch- und Fachschulsport der DDR, vorher Arbeitsgemeinschaft Deutscher Studentensport, stellte erst ab den 1960er Jahren mehrfach den Antrag auf Aufnahme in die FISU, was aber unter dem Druck des westdeutschen „Alleinvertretungsanspruchs“ immer wieder abgelehnt wurde. Erst 1970 durften DDR-Sportler bei der Universiade an den Start gehen. Der Jenaer Student Wolfgang Nordwig holte dabei die erste Goldmedaille für den DDR-Studentensport. Seine 5,46 Meter im Stabhochsprung bedeuteten gleichzeitig Weltrekord.
Nun tauchte 1952 eine Studentenweltmeisterin „Irmgard Piep“ bei den DDR-Meisterschaften in Jena in der Presse auf und gewann die 100-Meter. Sie startete für die HSG DHfK Leipzig. Kurze Zeit später wechselte sie nach Jena zur BSG Motor Carl Zeiss bzw. zum SC Motor. Studentenweltmeisterin wurde die aus Senftenberg stammende und für die DHfK Leipzig startende Sprinterin 1951 bei den Weltfestspielen mit der 4x200-Meter-Staffel. Bei den gleichen Weltfestspielen holten die Schwimmer Gerhard Giera eine Goldmedaille (100-Meter-Brust) und Jutta Großmann zwei Bronzemedaillen (100-Meter, und 1000-Meter-Freistil) für die Uni Jena.
Irmgard Piep heiratete den ebenfalls für Jena startenden Speerwerfer und Mehrkämpfer Werner Fritzsch und taucht bis 1955 in den Bestenlisten der BSG bzw. des SC Motor in den verschiedensten Disziplinen auf. So gehörte sie mit Gisela Köhler, Annemarie Clausner und Siegfriede Weber (Dempe) zu der 4x100-Meter-Staffel, die 1954 bei den Internationalen Rumänischen Meisterschaften gewann. Mit der gleichen Staffelbesetzung lief sie über 4x200 Meter in 1:41, 2 Min. einen Deutschen Rekord. In der Rekordliste von Motor Carl Zeiss von 1954, die wir von Dr. Paul Dern bekamen, der dort selber mit dem Stadionrekord über 1000-Meter (2:30,8 Min.) verzeichnet ist, erscheint Irmgard mit folgenden Bestleitungen: 100 Meter Platz 3 (12,4), 200-Meter 4. (26,4), 4x100 und 4x200-Meter 1., Weitsprung 4. (5,28), Kugelstoßen 17. (7,42), Diskus 11. (21,48), Fünfkampf 5. (2417 Punkte). Der Sportstatistiker Harry Themel aus Dresden hat sie außerdem mit einer 80 Meter-Hürdenbestzeit von 12,5 Sekunden gelistet. 1955 verzog sie nach Leipzig und gab ihre sportliche Laufbahn auf.
Hans-Georg Kremer
Bildunterschrift: Fotosammlung Kremer: Aus dem Nachlass von Annemarie Clausner stammt das Foto von der Staffel (v. l.) Irmgard Fritzsch, Annemarie Clausner, Gisela Köhler und Siegfriede Weber.

In: Thüringische Landeszeitung vom 28.6.2017 Nr. 543
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