Geschichte der Jenaer Sportmedizin Teil III

  Einen Sack mit 100 Kilogramm Erbsen

Die Sportmedizin an der Jenaer Universität kann in diesem Jahr als eigenständiger Wissenschaftsbereich auf 50 Jahre zurückblicken. Damit ist er der älteste Lehrstuhl des Instituts für Sportwissenschaft, das in der Seidelstraße 20, auch „Muskelkirche“ genannt, seinen Hauptsitz hat. Seit Beginn der 1990er Jahre sind die Sportmediziner in der Wöllnitzer Straße neben dem Sportgymnasium beheimatet. Als Wissenschaftsbereich wurde die Sportmedizin 1967 im Rahmen der 3. Hochschulreform konstituiert. Seit 1983 ist die Sportmedizin mit einem Lehrstuhl ausgestattet (Jochen Scheibe). Den ersten Lehrstuhl des Instituts (1966) hatte die Sportgeschichte, die aber mit dem Ausscheiden von Prof. Willi Schröder 1992 „abgewickelt“ wurde. Die Biomechanik, die als zweiter Bereich des Instituts über einen Lehrstuhl verfügte, wurde im vergangenen Jahr, nach Ausscheiden von Prof. Reinhard Blickhan, nicht wieder ausgeschrieben.
Die Geschichte der Sportmedizin an der Uni Jena ist insgesamt aber älter und seit 1911 eng mit der Entwicklung der Turn- und Sportlehrerausbildung verbunden. Bereits vor dem I. Weltkrieg übernahm Dr. Julius Grober, der 1925 den Lehrstuhl für „Physikalische Therapie“ bekam, Vorlesungen und Übungen mit sportmedizinischem Inhalt bei der Ausbildung zukünftiger Turn- und Sportlehrer. Bis Mitte der 1930 Jahre war Grober auch verantwortlich für die sportmedizinischen Untersuchungen der Studenten. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde ein linientreuer Parteigenosse (NSdAP) für ihn eingesetzt.
Nach dem II. Weltkrieg begann die Sportlehrerausbildung 1948. Auch jetzt übernahmen Mediziner der Universität die sportmedizinische Ausbildung über Lehraufträge. Nach Harry Themel und Lothar Köhler, Studenten der ersten Matrikel der Sportlehrerausbildung, hatten sie zuerst Anatomievorlesungen bei Prof. Hermann Voss. Da sich die Sportstudenten beschwert hatten, daß die Vorlesung gleichzeitig mit Medizinern liefen und für sie zu ausführlich seien, übernahm Hans-Joachim Gompper von der Anatomie die Vorlesungen, der nach kurzer Zeit „abhandengekommen“ war, wozu es viele Gerüchte gab. Harry Themel erinnert sich an seine erste Vorlesung, die Gompper einleitete mit dem Satz: „Ich mache das nicht für die Universität, sondern für Sie als Sportstudenten.“ Was sich dahinter verbarg, konnte er nicht näher erklären. Auf jeden Fall war Gompper kurze Zeit später „verschwunden“. Eine Durchsicht der Personalakten im Universitätsarchiv ergab einige wenige Daten zu Hans-Joachim Gompper. Er wurde 1914 in Hainichen geboren. Sein Vater war Kaufmann und hatte später einen Großhandel für Saatgut. Nach dem Abitur begann er mit einem Medizinstudium u. a. in Jena und Königsberg, wurde zur Wehrmacht eingezogen und zum Studium nach Jena abdelegiert, wo er 1943 promovierte, sein Staatsexamen ablegte und zeitweilig als Assistenzarzt arbeitete. Nach der englischen Gefangenschaft, wo er als Lagerarzt tätig gewesen war, kam er zurück nach Jena. Im September 1945 wurde er in der Anatomie der Uni bei Prof. Fritz Körner eingestellt und war u. a. für die Präparierkurse zuständig. Außerdem hielt er in Vertretung Vorlesungen in der Anatomie. Nach Körners plötzlichem Tod (1950) bekam Gompper die Vertretung mit einem Lehrauftrag. 1947 geriet er ins Visier der Schutzpolizei. Auf Grund einer Denunziation, vermutlich aus dem eigenen Institut, gab es bei ihm in Abwesenheit eine Haussuchung, wegen des Verdachts des Schwarzhandels und der Unterschlagung von Nahrungsmitteln aus den Beständen des Universitätsgutes. Wie sich dann herausstellte, hatte Gompper von seinem Vater einen Sack mit 100 Kilogramm Erbsen geschickt bekommen. Diese wurden auf Grund seiner dienstlichen Abwesenheit im Anatomischen Institut angeliefert und vom Hausmeister, der wohl involviert gewesen war, in andere Säcke umgefüllt. Dieser Vorgang reicht zur Alarmierung der Polizei. Einem Brief des Vaters ist zu entnehmen, dass Hans-Joachim die Erbsen als Saatgut in seinem Garten verwenden und einen Teil an Kunden des Vaters im Raum Jena weitergeben sollte.
Der Fall scheint sich damit erledigt zu haben. Ende 1950 übernahm Gompper die Anatomielehrveranstaltung für die Sportstudenten mit der oben zitierten Einleitung. Schon vier Monate später, am 28. Februar 1951 wurde in den Personalunterlagen der Uni vermerkt, dass er ausgeschieden sei. Zwei Monate später, im April schrieb Prof. Fischer einen Antwortbrief an Gompper. Leider ist Gomppers Brief noch nicht gefunden worden. Fischer bietet ihm aber auf seine Anfrage eine Rückkehrmöglichkeit nach Jena an. Sogar für die Zeit seit seinem Weggang würde das Gehalt nachgezahlt werden. Allerdings, schreibt Fischer: „…es wird aber eine Untersuchung geben. Sie dürfen aber nicht abwarten und dann erst kommen sondern sie sollen (so) schleunig wie möglich hierher zurückkommen“. Was genau vorgefallen war, ist nicht zu erkennen. Gompper hielt sich zu diesem Zeitpunkt in Berlin-Köpenick auf. Es finden sich dann keine weiteren Spuren zu ihm in den Unterlagen. Da sein 1940 in Jena geborener Sohn Wolf-Dieter, der Mitte der 1960er Jahre als guter 400-Meter-Läufer für den SC Berlin startete, muss man davon ausgehen, dass sich der Vater nach dem „Westen“ abgesetzt hatte.
Ab 1952 bekam der junge Mediziner Johannes Gessner den Lehrauftrag für Sportmedizin. Dieser hatte im Sport einen guten Namen, war er doch zeitweilig Fußballer bei der BSG Motor Carl Zeiss (heute FC), wo er später auch Mannschaftsarzt des Oberligakollektivs wurde, was aber eine spätere Geschichte ist.

Dr. Hans-Georg Kremer

Bildunterschrift. Von H.-J. Gompper ist bisher kein Foto ausfindig gemacht worden. Aus dem Archiv von Uwe Dern stammt dieses Foto von J. Gessner (r.) neben Georg Buschner.
In: Thüringische Landeszeitung vom 21. Juni 2017 Nr. 542
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige