Geschichte der Sportplätze in der Jenaer Oberaue

Von wegen „Chemiesportplatz“

Immer wieder hört man bei älteren Jenaern und Jenensern, wenn sie ins Universitätssportzentrum in die Oberaue gehen oder den Weg dorthin beschreiben, die Begriffe „Chemiesportheim“ und „Chemiesportplatz“. Während ersteres richtig ist, da die Universität das Hauptgebäude des Unisportzentrums in den 1950er Jahren dem VEB Jenapharm (Chemie) mit dem Grundstück kostenlos überließ, ist der Begriff Chemiesportplatz nie korrekt gewesen. Die Anlage, die 1914 Hermann Peter, der Begründer des modernen Sports in Jena, als ehrenamtlicher „Geschäftsführer“ des Spielplatzverein an die Universität verkauft hatte, wurde nach dem II. Weltkrieg ab 1946 gemeinsam von den Sportlern der Uni und von Schott instand gesetzt. Seit 1947 gab es einen Vertrag zur gemeinsamen Nutzung. Aus einer damaligen Beschreibung kann man den Umfang erkennen. Sie bestand aus einem Fußballplatz mit Aschenbahn, einem großen und einem kleinen Rasenplatz, einem alten Hockeyplatz, einem Faustball- und vier Tennisplätzen. Schott übernahm die baulichen Instandsetzungsarbeiten bei der Beseitigung der Kriegsschäden, die Uni übernahm die Personalkosten für die Sportplatzwarte. Die Betriebskosten und die Trainingszeiten wurden geteilt. Diese Vereinbarung, die später modifiziert wurde, wurde für 50 Jahre abgeschlossen. Sie hielt bis 1990, als Schott als Trägerbetrieb der ehemaligen Betriebssportgemeinschaft (BSG) gleichen Namens seine Zahlungen einstellte.

Als sich Anfang der 1950er Jahre die BSG Chemie von Schott abspaltete, gab es den Versuch einiger Funktionäre von Chemie, sich das attraktive Sportgelände „unter den Nagel“ zu reißen, indem die Uni enteignet werden sollte. Aus einem Bauantrag der BSG Chemie von 1951 zum Ausbau der Umkleidemöglichkeiten in einem Wertumfang von 333.000, - DM, kann man die damalige Nutzung erkennen. Die „Chemiker“ verwiesen darauf, dass sie das Sportgelände angeblich seit drei Jahren nutzen würden. Gegenwärtig wären als Sporttreibende registriert: 1565 Mitglieder der BSG Chemie, 1000 Studenten der Arbeiter- und Bauern-Fakultät der Uni mit ihrem obligatorischen Sport, 1200 Mitglieder der Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV), 150 Sportstudenten, 2000 Studenten der Universität im obligatorischen Studentensport und 500 Lehrlinge von Schott und Jenapharm. Insgesamt stünden dafür nur 3 ½ Kabinen zur Verfügung.
Der Uni gelang es die Enteignung abzuwenden. Sie musste aber der Konstituierung einer „Betreibergemeinschaft“ durch die Uni sowie die VEB Schott und Jenapharm zustimmen, die für die Anlage den Begriff „Gemeinschaftssportanlage“ festlegten, der bis 1990 galt. Bei den Vertragsverhandlungen hatte man lange über einen Namen debattiert. Die Vorschläge reichten von Dr. Otto-Schott-Gedächtniskampfbahn, Werner-Seelenbinder-Sportfeld, Rudolf-Harbig-Sportplatz, Sportfeld Oberaue, Jenaer Sport-Stadion, Friedrich-Schiller-Kampfbahn, Eucken-Sportplatz, Universitätssportplatz bis zu Magnus Poser- oder Geschwister Scholl Sportplatz.

Im Februar 1953 konnte man einen weiteren Namen für ein Sportgelände in der Oberaue in den Zeitungen lesen: „Die Universität baut ihre Anlage am Max-Reimann-Platz weiter aus…“ Beim Max-Reimann-Platz handelte es sich um den heute nicht mehr existierenden Sportplatz der Turngemeinde Jena. Diese hatte ab 1928 einen Sportplatz neben der „Muskelkirche“ gebaut, dort, wo heute die Schnellstraße verläuft. Das ehemalige Vereinsheim der Turngemeinde steht noch heute und wurde viele Jahre von der „Jenaer Tafel“ und heute vom „demokratischen Jugendring“ genutzt. Die Turngemeinde hatte vor 1928 ihren Sportbetrieb auf den städtischen Sportplätzen an den Teufelslöchern organisiert. Dieses Gelände stellte die Stadt aber zum Bau der Landesturnanstalt (Muskelkirche) zur Verfügung. Die Landesturnanstalt konnte 1929 übergeben werden. Ähnlich der Turngemeinde musste sich langfristig auch das Arbeitersportkartell und der „Arbeiter Radfahrerbund Solidarität“, nach neuen Trainingsstätten umsehen. Das Arbeitersportkartell schuf sich einen neuen Platz hinter dem „Ernst Abbe-Sportfeld“, welcher allerdings erst Anfang der 1930er Jahren nutzbar und 1933 bei der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten enteignet wurde. Die Turngemeinde baute sich den Platz neben der Landesturnanstalt mit Fußballplatz und Laufbahn aus.

Ein viertes großes Sportgelände in der Oberaue schuf die Ernst Abbe-Stiftung beginnend um 1910 neben den späteren Universitätssportplätzen. Auslöser waren hier die Gründungen des „Fußball-Klubs Carl Zeiss-Jena“ und des „Lehrlings- und Gehilfen Vereins“, später Jugendverein Ernst Abbe. Durch Flächentausch mit der Uni in den 1920er Jahren konnte das Gelände bis zur Saale abgerundet und die Tribüne gebaut werden. Das Gelände wurde später schrittweise in Richtung Wöllnitz ausgedehnt und gehört heute der Stadt.

Ein wenig bekannter Sportplatz befand sich in der Oberaue, unmittelbar neben der Paradiesbrücke. Er taucht um 1929 in den Unterlagen auf, als durch die Saalebegradigung umfangreiche Erdbewegungen nötig wurden. Unter anderem nutzte man das abgetragene Erdreich zur Auffüllung des Geländes um die Landesturnanstalt. Die Nutzung des Sportplatzes an der Paradiesbrücke durch Hockeyspieler konnte auf einem Foto der ehemaligen Hockeyspielerin Heide Rüdiger verh. Zimmermann von Chemie Jena ausgemacht werden. Ihr Vater, von dem das Foto stammte, spielte vor 1945 beim 1. Sportverein aktiv Hockey und Tennis.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Auf dem Foto aus der Zeit um 1930 erkennt man im Hintergrund das Gebäude der A. Reichwein-Schule.

In: Thüringische Landeszeitung vom 28. Januar 2016 Nr. 476
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