Geschichte des Kegelns in Jena

Kegeln, Pikenwerfen, Fahnenschwingen


Seit einiger Zeit wird an der „Muskelkirche“, dem Institut für Sportwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena, an einer Ehrentafel, neudeutsch „Hall of Fame“ gearbeitet. In der neuesten Auflage der Zeitschrift „Jenaer Beiträge zum Sport“ gibt es neben einer ausführlichen „Judogeschichte der Universität“ auch eine erste Übersicht dieser Ehrentafel. Darin sind ehemalige Studentinnen und Studenten sowie Lehrkräfte enthalten, die es als aktive Sportler bis zur Teilnahme an Olympischen Spielen geschafft haben. Karl-Heinz Schmidt ist der einzige, der da aus dem „Rahmen“ fällt. Er hat es „nur“ bis zur Bronzemedaille bei den Europameisterschaften der Junioren gebracht. Als Kriterium für seine Aufnahme in die Ehrentafel wurde angesetzt, das er diese Leistung als „normaler“ Student neben seinen Studienaufgaben erbrachte. Während die meisten Geehrten von Fritz Huhn über Siegfriede Weber-Dempe, Renate Stecher und Ruth Fuchs in der Leichtathletik erfolgreich waren, ist Karl-Heinz Schmidt Kegler. Eine weitere Sportart, die mit sieben Einträgen vertreten ist, ist der Fußball. Dazu kommt noch der Wintersport mit Stephan Hocke, Olympiasieger 2002 in der Teamwertung.
Das Kegeln gehört zu den studentischen Traditionssportarten. Bereits 1567 wurde es in Jena neben der Existenz einer Fechtschule in einer Urkunde erwähnt: „An Übungen und Spielen werden häufig das begehrte Ballspiel, das Kegeln, Pikenwerfen, Fahnenschwingen, Reiten und Zielschießen, worin die Studenten sich auf der Landveste in der Saalevorstadt übten,...“. Dabei handelte es sich um ein volkstümliches Kegeln, welches ähnlich noch heute bei Dorffesten in Jenas Umgebung, wie beim Maibaumsetzen in Gneus, ohne spezielle Kegelbahn auf einem festen Weg im Freien praktiziert wird und vor allem einen stark geselligen Charakter trug. Ab Mitte des 19. Jahrhundert wurde es dann üblich, dass jede gut gehende Gaststätte, besonders auf dem Lande, über eine feste Kegelbahn, oft überdacht, verfügte. Mit der Geschichte des Jenaer Kegelsports hat sich der Sporthistoriker Dr. Jörg Lölke intensiver beschäftigt. Hier soll nur auf den Aspekt des leistungssportlich orientierten Kegelns eingegangen werden.
Kurze Zeit nach Beendigung des II. Weltkriegs gehörte Kegeln zu den ersten Sportarten, die in Jena wieder aktiviert wurden. Am 10. Juli 1945 wurde ein Sportausschuss der Stadt unter Leitung von Robert Mailand gebildet. Unter den 15 Sportartenverantwortlichen, die vertreten waren, war Kurt Noske für das Kegeln zuständig. Später tauchte Noske als Sportamtsleiter der Stadt in den Akten auf, bevor er sich beruflich ganz dem Kegeln widmen konnte. Er war dann lange Zeit einer der Hauptakteure bei der Entwicklung des Kegelns, der bis zum Präsidenten des Deutschen Kegler-Verband der DDR aufstieg.
Die am 30. September 1945 von ihm organisierten Stadtmeisterschaften-Einzel über 4x100 Kugeln dürften die ersten sportlichen Meisterschaften in Jena nach dem Kriege gewesen sein. Insgesamt beteiligten sich 84 Kegler. Stadtmeister wurde ein Herr Zapf, vor Kurt Noske und H. Müller. Nach den bisher aufgefundenen Berichten waren nur Männer am Start. Gekegelt wurde damals bis in die 1950er Jahre im Bürgergarten. 1946 organisierte Kurt Noske eine Konferenz von Keglern aus der sowjetisch besetzten Zone, bei der es unter anderem darum ging, wie schrittweise ein Wettkampfsystem aufgebaut werden könnte. Auch dabei waren die Jenaer um Noske die Vorreiter, organisierten sie doch als erste, mit dem Städtekampf Jena-Gotha im August 1946 einen Wettkampf, der über die Stadtgrenzen führte. Bereits im September 1946 folgte ein Siebstädteturnier (Eisenach, Erfurt, Gotha, Jena, Kahla, Suhl und Weimar) bei dem erstmals ein einheitliches Reglement für Thüringen zum Einsatz kam.
Nachdem 1949 die ersten Betriebssportgemeinschaften (BSG) gegründet wurden, hatten fast alle eine Sektion Kegeln. Der Landessektionsleiter Noske wurde Ende 1949 hauptamtlicher Spartenleiter Kegeln beim Deutschen Sportausschuss in Berlin.
Als Kegelbahnen standen meist nur Einbahnanlagen in Gaststätten zur Verfügung. Eine Ausnahme in Jena waren die Sportler von der BSG Medizin der Uni, die später zur Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV) kamen, die auf einer Kegelbahn in der Nervenklinik ihrem Sport nachgingen, was häufig zu spöttischen Bemerkungen der Gegner führte. 1953 wurde mit Erika Wiefel (HSG Uni) eine DDR-Meisterin aus Jena gekürt.

Kurt Noske blieb bei der Gründung der BSG Motor Carl Zeiss noch als Aktiver, Funktionär und Trainer tätig. Seine Funktion als Verbandspräsident gab er auf, als er hauptamtlicher Trainer des 1954 gegründeten Sportclubs (SC) Motor Jena und der Nationalmannschaft wurde.
Auf der Basis der Gewerkschaftsstrukturen hatten sich in der DDR bis 1952 fast 20 Sportvereinigungen (SV) gebildet, in denen die Sportarten nach Sparten im Rahmen der Möglichkeiten gefördert wurden. Jede Sportvereinigung führte eigene Meisterschaften durch. Die Idee war dann, dass die SV-Meister gegeneinander die DDR-Meister ermitteln sollten. Schon sehr zeitig entwickelte sich daraus eine Schwerpunktbildung, da jeder SV möglichst viele Titel holen wollte. Die BSG Motor Carl Zeiss Jena bekam dabei spätestens seit Ende 1952 innerhalb der SV Motor einen herausragenden Förderstatus, was vor allem auf die finanziellen Möglichkeiten der Zeiss-Werke und das Engagement der Sportfunktionären, wie z. B. Kurt Noske zurückzuführen war. Es verwundert daher nicht, dass bei der Gründung des SC Motor Jena auch das Kegeln mit aufgenommen wurde.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift. Kegler der BSG Motor Carl Zeiss 1974 auf der Kegelbahn, 2. v. links Karl-Heinz Schmidt.

In: Thüringische Landeszeitung 24. September 2015 Nr. 460
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