Geschichte des Wandern in Jena

Wandern in Jena

Wenn am Samstag, den 3. September die Seniorenwandergruppe des USV zu ihrer 8. Wanderung in Wogau aufbricht, kann man davon ausgehen, dass diese Neugründung als Erfolg bezeichnet werden kann. Ziel war es anfangs, dass vor allem die Seniorensportler der verschiedenen Abteilungen des USV wieder eine Wandergruppe haben, der sie sich unkompliziert und ohne große Formalitäten anschließen können. Inzwischen nehmen aber auch Wanderfreundinnen und –freunde aus der Stadt, die bisher noch nicht im USV oder anderen Gruppen organisiert sind, dieses Angebot zunehmend an. Auch Universitätsangehörige, die in den Ruhestand treten, freuen sich über diese Möglichkeit zum aktiven Sport.
Der USV als größter Mehrspartenverein in Thüringen hatte über 10 Jahre keine eigenständige Wandergruppe. Die Letzte wurde 1991 in der Abteilung Seniorensport gegründet und vom Hochschulsportlehrer Manfred Danker gegen Honorierung geführt. Die Mitglieder traten bei der grundsätzlichen Neuordnung des Beitragswesens im USV aus diesem aus. Seitdem gab es beim Unisport keine eigenständige Wandergruppe, obwohl einzelnen Abteilungen wie die Tennisspieler, die „Fitnesssenioren vom Dienstag“ und die Ausdauerläufer sporadisch Wanderungen für ihre Mitglieder organisierten. Im Prinzip hätte es in Jena nicht unbedingt einer neuen Wanderabteilung bedurft, gibt es doch mindestens 20 fest organisierte Wandergruppen, z. T. mit einer jahrzehntelangen Tradition, wie z. B. die Wandergruppen „Paul Patzer“ und „Fritz Seeber“. Auf die längste Tradition kann die Sektion Jena des Deutschen Alpenvereins blicken. Ihr Vorgänger wurde im Januar 1882 auf Initiative des Postsekretärs und späteren Schriftführers M. Rühl mit 25 Mitgliedern gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten so prominente Jenaer Bürger wie Otto Schott, Carl Zeiss und Ernst Abbe. Viele Uniprofessoren wurden in der Folge Mitglieder, darunter Prof. Felix Auerbach, Prof. Max Fürbringer, Prof. Ludwig Knorr, Prof. Eduard Rosenthal, Prof. Ernst Kalkowsky und PD Dr. Heinrich Stoy. 1886 schloss sich die „Geographische Gesellschaft“ zum Zwecke der Belebung der Sektionstätigkeit dem Alpenverein an, trat aber vor allem wegen der Mitgliedsbeiträge 1909 wieder aus. Prof. Dr. v. Zahn von der „Geographischen Anstalt“ gründete 1917 als Vertreter der Geographischen Gesellschaft eine akademische Sektion des Alpenvereins mit der Begründung: „Die(existierende) Sektion Jena wird in der Hauptsache gebildet von Angehörigen der Fa. Zeiss und führt ein vollkommen stilles Dasein. Seit ich (Prof. Zahn) hier in Jena bin, seit 1912, erinnere ich mich, nur zweimal von Veranstaltungen der Sektion gehört zu haben. Es konnte deshalb nicht erwartet werden, daß die Sektion dem lebhaften Interesse der jungen Alpenfreunde entgegenkommen würde.“ Obwohl der Hauptvorstand des Alpenvereins der neuen Sektion formal längere Zeit die Anerkennung verwerte, existierte diese mindesten bis Mitte der 1930er Jahre. Bei der Gründung hatte die Sektion zehn Mitglieder, davon acht Frauen.
Der Alpenverein wurde nach dem Ende des II. Weltkrieges durch die alliierten Militärverwaltungen in ganz Deutschland verboten. Erst ab 1990 gab es im Osten die Möglichkeit der Wiedergründung, was von Hochschulsportlehrern der Uni unter Leitung von Dieter Lehmann genutzt wurde, um die Jenaer Sektion wieder zu gründen.
Schon vor dem Alpenverein gehörte das Wandern bei den Turnvereinen zum festen Bestandteil des Vereinslebens. Der bekannteste Förderer des Wanderns in den Jenaer Turnvereinen und Schulen war Karl Volkmar Stoy. Bereits in dem 1844 von ihm gegründeten „Pädagogischen Seminar“ war er mit den Seminaristen auf Wanderungen unterwegs. Durch die Einführung eines festen Wandertages an der Universitätsübungsschule gilt er als der Begründer des Schulwandertages. Seine bekanntesten Wanderungen mit fast allen Schülern der älteren Klassen seiner Schule führten von Jena zum Inselberg (1851) oder nach Coburg zum Turnfest (1860). Seine „dankbaren“ Schüler stifteten ihm auf dem Inselberg einen Gedenkstein.
Nach 1945 wurde die Sektion Wandern und Bergsteigen der BSG Motor Schott Jena eine der leistungsstärksten Sportwandergruppen in der Stadt. Sowohl beim Bergsteigen als auch ab Ende der 1950er Jahre, beim Aufbau des Orientierungslaufs, hat sich diese Sektion bleibende Verdienste um die Entwicklung der drei Sportarten, die zum „Verband für Wandern, Bergsteigen und Orientierungslauf“ gehörten, gemacht. Zu DDR-Zeiten gab es aber in fast allen größeren Sportgemeinschaften der Stadt eine Wandersektion.
In der Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV) gründete sich Ende der 1960er Jahre eine Orientierungslaufgruppe, die kurzzeitig versuchte eine Wandergruppe aufzubauen, was aber scheiterte. Erst mit der Einführung des Wanderns als Attestsport im Hochschulsport der Uni durch Feodora Gutewort konnte daraus eine kleine aber sehr aktive Wandersektion der HSG entstehen, die sich aber nach dem beruflichen Ausscheiden von Feodora Gutewort aus der Uni in den 1990er Jahren von selbst auflöste, zumal der Pflichtsport und damit der Zulauf zum Attestwanderern abgeschafft worden war.
Dagegen können einige noch heute bestehende Jenaer Wandergruppen auf eine langjährige Entwicklung seit den 1960er Jahren zurückblicken, was aber die nächsten Geschichten sind.
Dr. Hans-Georg Kremer
Bildunterschrift: Eines der frühesten Wanderbilder im Uni-Archiv stammt von Harry Pippardt und zeigt eine Wandergruppe des Jenaer Turnvereins vor der Götz-Wanderung, benannt nach dem verdienstvollen Turnfunktionär Ferdinand Götz.

In: Thüringische Landeszeitung 31. August 2016 Nr. 506
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