Hochschulsport an der Uni Jena und die "Wende" 1989 - 1990

  Kontakte in den Westen
Thüringische Landeszeitung 16. April 2015 Nr. 437

Beim Durchstöbern von Familienfotos fielen dem USV-Archivar Bilder eines Fußballspiels in die Hände, welches ganz offensichtlich in Münster stattgefunden hat. Auf einem der Fotos ist im Hintergrund das dortige Schloss sichtbar, worin sich die Universität befindet. Unter den Spielern konnten zwei USV-Fußballer, Wilhelm Tell und Matthias Steinbach ausfindig gemacht werden. Nach Rückfragen ergab sich, dass das Spiels am 11. Juni 1990 stattfand, womit es wohl das erste Spiel eine Jenaer Uniauswahl nach der politischen Wende bei einem Hochschulsportturnier in den „alten Ländern“ gewesen sein dürfte. Nach dem Schriftwechsel des Leiters des Hochschulsports in Jena, reiste auch eine Volleyballmannschaft mit nach Münster. Vorher, am 23. Mai 1990 hatten nach Jahrzehnten der Sportpause Gäste aus dem „Westen“ (Erlangen und Göttingen) in Jena im Rahmen des Universitätssportfestes in der Leichtathletik, Basketball, Fußball, Handball und Volleyball teilgenommen. Zu Göttingen bestanden seit Januar 1990 Verbindungen, als von Dr. Hans Weckel erste „Westkontakte“ bei einem Vergleichswettkampf der Schwimmer der Hochschulsportgemeinschaft (HSG) Jena geknüpft wurden. Früher hatten die Unis in Göttingen und Jenaer auf sportlichem Gebiet besonders Anfang der 1950er Jahre enge Beziehungen. Legendär ist das in dem Buch „Jenaer Sporthistorie in Wort und Bild“, beschriebene Fußballspiel im Herbst 1949, kurz nach Gründung der DDR. Seitens der Sportführung der DDR waren damals Beschlüsse gefasst worden, dass jede der DDR-Sportgemeinschaften Kontakte zu einem Sportverein im „Westen“ aufbauen solle. Ziel war es, mittels des Sports, den von der BRD angewendeten Alleinvertretungsanspruch, bekannt unter der Bezeichnung „Hallstein-Doktrin“, zu unterlaufen. Neben Göttingen gab es noch Sportvergleiche mit den Universitäten in München und Hannover sowie besonders mit der Technischen Hochschule in Darmstadt, die bis Mitte der 1950er Jahre gepflegt wurden. Die Dachorganisation des Hochschulsports (heute Allgemeine Deutsche Hochschulsportverband (ADH)) unterband aber diese Verbindungen zunehmend, so dass sich die HSG andere Partner im Vereinssport im Westen suchte. Der letzte Versuch der Uni mit „West“-Hochschulen Kontakte zu pflegen, stammte aus dem Jahre 1958, als es umfangreiche Sportvergleiche zum Unijubiläum gab. Am internationalen Freundschaftsspiel im Volleyball im Rahmen der 400-Jahrfeier beteiligte sich als ausländische Mannschaft der Vesterbo Volleyballklub Kopenhagen. Die Mannschaft von der Uni Göttingen trat auf Grund des Sportboykotts des ADH nicht an.
Der Turn- und Sportverein (TuS) Fritzlar und der Postsportverein Nürnberg waren dann bis 1961 enge Partner der HSG, mit denen mehrfach Sportvergleichswettkämpfe in der Leichtathletik und im Fußball organisiert wurden. Die Kanuten der HSG pflegten zudem gute Beziehungen zum leistungsstarken Frankfurter Kanu-Verein 1913. Spitzenkanuten aus Frankfurt nahmen an den seit 1957 organisierten Kanu-Sprintwettkämpfen auf der Saale teil. Sogar nach dem Bau der Mauer blieben die Frankfurter Kanuten diesem Rennen noch eine Zeit lang treu. Im September 1962, zur 6. Jenaer Sprintregatta um den Senatspreis der Universität hatten sich fünf Mannschaften, darunter der Ujpest Dosca Sportclub Budapest, der Frankfurter Kanuverein 1913 und SC Magdeburg angemeldet. Die Kontakte zu den Frankfurter Kanuten blieben bis 1966 erhalten, obwohl der gegenseitige Besuch nach dem Mauerbau 1961 immer stärker eingeschränkt worden war. Die DDR untersagte meist Sportreisen in „westliche“ Richtung auf der untersten Ebene, sicher auch, weil man eine „Republikflucht“ von Sportlern verhindern wollte. Offiziell konnte dies aber damit begründet werden, dass mit dem „Mauerbau“ im August 1961 der gesamtdeutsche Sportverkehr durch die westdeutsche Sportführung mit der Begründung eingestellt worden war, dass: „…solange ein normaler Verkehr zwischen der sowjetisch besetzten Zone und Berlin sowie der Bundesrepublik nicht möglich ist“ keine Sportler in den Osten reisen dürfen. Der Bundesgerichtshof hatte zudem den Sportdachverband in der DDR, den DTSB zu einer verfassungsfeindlichen Organisation erklärt. Auf Grund der internationalen Entwicklungen im Sport, das IOC hatte die Idee einer gesamtdeutschen Olympia -Mannschaft aufgegeben, musste der westdeutsche Sportbund den Weg für die gesamtdeutschen Wettkämpfe aber wieder frei machen und fasste einen entsprechenden Beschluss, nachdem es einen Plan mit einer überschaubaren Anzahl von Sportvergleichen zwischen Ost und West geben solle. Die HSG bekam davon aber keinen Termin ab.
Die politische Wende im Herbst 1989 wurde von den Unisportlern zum Aufbau neuer Kontakte mit „West“-Sportlern genutzt, und die Uni Münster gehört durch familiäre Bindungen eines Kollegen auch dazu. Das besagte Fußballspiel wurde von Jena klar gewonnen. „Wir waren übrigens klarer Sieger. Die Begeisterung über die neuen Reisemöglichkeiten und die großzügigen Gastgeber bleibt unvergesslich,“ schrieb Wilhelm Tell dazu. Später nutzte der Hochschulsport noch die Münsterer Skihütte im Kleinwalsertal. Das ist aber eine andere Geschichte.

Dr. H. Kremer
Fußballspieler 1990 vor dem Uni-Hauptgebäude in Münster, ganz rechts Wilhelm Tell, Bildmitte Matthias Steinbach.
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