Hochschulsport in Jena und die "Wende" vor 25 Jahren

      Förderung emotionaler Erlebnisse

Thüringische Landeszeitung 12. Februar 2015 Nr. 427

Vor 25 Jahren, Anfang Februar 1990, erschien die erste Auflage des Hochschulsportprogramms der Uni Jena. Vorausgegangen waren turbulente Wochen für die 24 Sportlehrerinnen und Sportlehrer des Bereichs „Studentensport“ unter der Leitung von Dr. Peter Röhrig. Unmittelbar nach Öffnung der Mauer in Berlin hatte sich an der Uni ein Studentenrat gebildet, der auch eine Befragung zum Studentensport durchführte. Dieser war bis dahin für mindestens vier Semester Pflichtbestandteil des Studiums in der DDR. Er war mit wehrsportlichen Elementen angereichert und wurde je nach Persönlichkeit der Sportlehrer mehr oder weniger stringent durchgeführt, d. h. es konnte auch passieren, dass Studenten wegen des fehlenden „Sportstempels“ nicht zum Examen zugelassen wurden. Diese Praxis, besonders der Wehrsport, wurde in der Befragung von Jenas Studenten mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. Daraufhin setzte der Rektor den Pflichtsport ab und die Sportlehrer standen von einem Tag auf den anderen im Prinzip ohne Legimitation für ihre Arbeit da. Bis dahin waren die Sportzeiten über die Woche verteilt von früh 8.00 Uhr bis abends 22.00 Uhr, nach Studienjahren und Instituten in einem Stundenplan fest verankert. Schlagartig gingen die Teilnehmerzahlen des jetzt absolut freiwilligen Sports, besonders in „ungünstigen“ Zeiten zurück. Auch die „Popularität“ der Sportarten spielten beim Rückgang eine Rolle. So wurde z. B. Wandern für Studierende mit gesundheitlichen Problemen per „unisportärztliche Empfehlung“ vorgeschrieben. An die 500 Studentinnen und Studenten absolvierten hier ihren Pflichtsport. Statt zwei mussten allerdings drei Stunden pro Woche abgeleistet werden. Die Rückgänge waren beim Wandern teilweise so gravierend, dass zu einigen Gruppen überhaupt Niemand mehr kam. In anderen Sportarten, besonders in den Spielsportarten tauchten dagegen häufig sogar mehr Interessenten als vorher auf.
Um das weitere Vorgehen zu besprechen, tagte das Sportlehrerkollegium in Klausur im Uniferienheim in Siegmundsburg, wo u. a. die Herausgabe eines Hochschulsportprogramms als gedrucktes Heft beschlossen wurde. Dieses erblickte dann als kleines Oktavheft im Februar 1990 das Licht der Welt. Neben den traditionellen Sportarten waren auch neue Angebote wie Pantomime, Yoga, Volkstanz u. ä. enthalten. Insgesamt wurden über 200 Sportgruppen ausgeschrieben. In das Programm waren Erfahrungen eingeflossen, die man bei Besuchen an Hochschulen im „Westen“, wie an den Universitäten in Erlangen-Nürnberg, Münster und Göttingen sammeln konnte. Dazu kamen Ideen, die bei der konstituierenden Beratung eines Berufsverbandes für Hoch- und Fachschulsportlehrer in Jena, zu der sich Vertreter von 17 Einrichtungen der DDR getroffen hatten, gesammelt werden konnten. Zu dieser Beratung hatte der Jenaer Hochschulsport im Dezember 1989 mit dem Hinweis eingeladen, dass „…die gegenwärtige Situation…durch den übereilten Übergang von obligatorischem zum fakultativen Sport gekennzeichnet (wird).“ „Ausgangspunkte für die zukünftige Entwicklung müssen vor allem die unmittelbare Vermittlung von Gesundheit im Vollzug sportlicher Tätigkeit sein. Dazu dient vor allem die ständige Förderung emotionaler Erlebnisse, wie z. B. Freude, Erfolg, Kommunikation. Für den Sportlehrer bedeutet die Entwicklung: ein verändertes Anforderungsprofil, veränderte Organisationsformen, veränderte Arbeitszeiten und erhöhte Anforderungen an eigener körperlicher Fitness und Disponibilität.“
Als Ergebnis der Beratung sollte ein Übergangszeitraum bis September 1990, die Schaffung eigener Struktureinheiten für den Hochschulsport an der Hoch- und Fachschulen der DDR und die Entwicklung eines Sozialplanes für die bisherigen Sportlehrer entstehen. Entsprechende Papiere wurden dem noch existierenden Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen, den Rektoren und anderen Institutionen zugesendet. Der Entwurf einer Satzung für einen zu gründenden Verband der Hoch- und Fachschulsportlehrer wurde am 16. Februar 1990 unter Leitung von Jutta Uebeler (Uni Halle) diskutiert, und am 6. April sollte zur Verbandsgründung eingeladen werden. Dazu kam es dann aber nicht mehr, da die politischen Ereignisse in der ehemaligen DDR die Akteure überrollten. In der in Jena damals erschienenen Tageszeitung „Volkswacht“ wurden zu dieser Zeit noch die Jenaer Thesen zur Entwicklung des DDR-Sports von Prof. Dr. Willi Schröder, Dr. Hubert Brühl, Dr. Hans-Georg Kremer und Eberhard Täubert veröffentlicht, die auch zur Entwicklung im Hochschulsport Position bezogen.
Der Versuch der Hochschulsportlehrer sich als eigenständige Gruppe dem Deutschen Sportlehrerverband anzuschließen scheiterte, da sich die Zahl der Sportlehrer an den Hochschulen durch Kündigungen, Sozialpläne und ähnliches in den kommenden Monaten des Jahres 1990 gravierend reduzierte und die Fachschulen teilweise aufgelöst oder in Berufsschulen umgewandelt wurden.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Zu Beginn des Sommersemesters 1990 gab es die erste öffentliche Einschreibeaktion des Hochschulsports im Foyer der Mensa im Uni-Turm, die alle Erwartungen übertraf.

Von den Ereignissen überrollt
Thüringische Landeszeitung 20. September 2014 Nr. 417

Der 9. November 1989 brachte auch im Sport viele Veränderungen mit sich, die mehr oder weniger schnell sichtbar wurden. Vom streng geregelten Staatssport, der über den Präsidenten des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) Manfred Ewald fast diktatorisch geregelt war, bis hin zum Freizeit- und Erholungssport, der in den Betriebssportgemeinschaften zum Teil in hoher Selbstständigkeit organisiert wurde, gab es je nach Handlungsspielräumen und Bereitschaft der Akteure schon im November erste Veränderung.
An der Universität betraf dies im Sport ein breiteres Spektrum. So wurden die Strukturen der Sportlehrerausbildung hinterfragt, bei denen bis dahin in der Fachkombination Sport/Biologie und umgekehrt der „Numerus Clausus“ existierte, der die Studierendenzahlen stark limitierte. Ein Großteil der über 100 Mitarbeiter war zusätzlich in der Leistungssportforschung, vor allem im Schlitten- und Bobsport eingesetzt.
Im Studentensport existierte der Pflichtsport für alle Studentinnen und Studenten für mindestens vier Semester. Ohne den entsprechenden Testatstempel gab es keine Zulassungen für die Fachexamen. Nach der Absolvierung eines fünfwöchigen Eingangszyklus, der mit einem vormilitärischen „Fünfertest“ und der Ablegung der Bedingungen für das Sportabzeichen „BEREIT ZU ARBEIT UND ZUR VERTEIDIGUNG DES FRIEDENS“ endete. Danach konnten die Studierenden in festen Komplexzeiten unter bis zu fünfzehn verschiedenen Sportarten wählen, die von hauptamtlichen Sportlehrern nach Rahmenplänen unterrichtet wurden.
Der Sport in der Hochschulsportgemeinschaft (HSG), die mit ca. 2000 Mitgliedern zu den größten Betriebssportgemeinschaften im Bezirk Gera gehörte, wurde jährlich mit bis zu 100.000,- Mark aus dem Kultur- und Sozialfond der Uni-Gewerkschaft subventioniert. Bei Mitgliedsbeiträgen von 0,20 Pfennig für Kinder, 0,80 für Jugendliche und Studenten und 1,30 Mark für Erwachsene, wäre der umfangreiche Übungs- und Wettkampfbetrieb nicht realisierbar gewesen. Dazu kam, dass die HSG sich stark im Kinder- und Jugendsport engagierte und z. B. das Trainingszentren, z. B. im Kanu betreute.
Noch am 1. November 1989 gab es einen Tag der Wehrbereitschaft mit wehrsportlichen Übungen für das 5. Studienjahr der Mediziner, der dadurch auffiel, dass er von den meisten Studierenden durch Abwesenheit „boykottiert“ wurde. Am 3. November wurde letztmalig Förderstunden zum Abbau von Minderleistungen im „Fünfertest“ vor allem beim Handgranatenwurf (F1-Wurf) und 3000-Meter Lauf organisiert, um Studenten die Möglichkeit zu bieten, doch noch eine Wahlsportart belegen zu können. Es kamen aber insgesamt nur 18 Studenten. Bereits am 6. November 1989 wurde nach einem Hinweis des Direktors der Sektion Sportwissenschaft im Studentensport über die Einführung offener Formen des Sports diskutiert und ein Positionspapier zu den Perspektiven erarbeitet. Daraus wurde am 8. November, ein Tag vor der Maueröffnung formuliert, dass es zukünftig keine Noten bei den Testaten mehr geben solle. Der Wehrsport und die Pflichtablegung des Sportabzeichens sollten abgeschafft werden. „Der Nachweis einer regelmäßigen sportlichen Betätigung bleibt (aber) verbindlicher Bestandteil der Studienverpflichtung. Die Gestaltung des Studentensports sollte in diesem Grundkonzept wahlobligatorisch sein…“, heißt es in dem Dokument.
Die HSG Leitung entwarf für 1990 einen neuen Arbeitsplan. In der Präambel waren folgende Kernsätze enthalten: „Die HSG der FSU stellt sich die Aufgabe, einen konkreten Beitrag zu einer sportlich aktiven Lebensweise ihrer Mitglieder und darüber hinaus aller interessierten Studenten und Bürger unserer Stadt und des Kreises zu leisten. Die HSG will den Menschen nutzen und ihnen Anregung geben, ihre Lebensfreude und Leistungsfähigkeit, ihr Streben nach Gesundheit und aktiver Erholung und ihre Wünsche nach Kommunikation, sportlicher Bewegung und Kräftemessen in den verschiedenen Formen des Wettkampfwesens organisieren, unterstützen und fördern. Die HSG will mithelfen, insbesondere der jungen Generation und der studentischen Jugend mit den vielfältigen Möglichkeiten des Sportes Leistungsstreben, Kameradschaft, Fairness und kollektives und verantwortungsvolles Verhalten und nicht zuletzt Eigenschaften wie Mut, Risikobereitschaft, aber auch Ordnung und Disziplin als wertvolle Bestandteile der Persönlichkeitsentwicklung anzuerziehen.“ Zusätzlich sprachen sich die HSG-Funktionäre für die Schließung des Kinder- und Jugendsports in den Trainingszentren aus.
Wie in der Politik, so wurden auch die Sportfunktionäre von den Ereignissen überrollt. Als erste traf es den Studentensport. Ende November 1989 setzen der Rektor und der Studentenrat den Pflichtsport ab. Vorausgegangen war eine schriftliche Abstimmung unter allen Studierenden, in der es ein eindeutiges Mehrheits-Votum gegen den Pflichtsport und seine wehrsportlichen Elemente gab. Im Lehrbereich umbenannten Bereich Hochschulsport wurde daraufhin über den Personalabbau diskutiert. Im Resultat wurde als realistisch eingeschätzt, dass von den 24 Planstellen (1989) etwa vier zu erhalten wären.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Zu den Pflichtelementen des Studentensports gehörte in den ersten zwei Studienjahren je ein Crosslauf, der im Frühjahr in der Oberaue durchgeführt wurde; hier 1989.
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